Faktencheck Kompressionsbekleidung: Was stimmt und was nicht?

Geschrieben von: David Bedürftig
kompression

Überall wird komprimiert. Immer mehr Sportler zwängen sich in hautenge High-Tech-Kompressionsklamotten und schwören auf leistungssteigernde Wirkung und regenerative Kräfte. Aber hilft Kompressionsbekleidung wirklich beim Sport? Hier die zehn populärsten Annahmen – und unser Faktencheck.

Muss das sein? Zwängt man sich zum ersten Mal in Kompressionskleidung, kneift und zwickt es an bestimmten Stellen. Sie fühlt sich einfach zu klein an. Aber ja, das muss so. Immer mehr Athleten pressen sich in all die enganliegenden Shorts, Leggings, oder Kniestrümpfe. Der Druck des Materials soll das Blut schneller wieder zum Herz zurückfließen lassen und Arterien erweitern.

Klingt toll: Muskeln und Organe würden dadurch pfeilgeschwind mit frischem Sauerstoff verköstigt, das Gewebe bilderbuchmäßig durchblutet. Doch zahlt sich diese High-Tech-Kleidung tatsächlich wie angepriesen im Leistungsergebnis aus, oder ist das nur ein Modetrend?

Hier ist unser Faktencheck zum Thema Kompressionsbekleidung. Die zehn populärsten Annahmen – und was stimmt und was nicht.

1. Kompressionsbekleidung verbessert die Ausdauer

Immer wieder liest man, wie Kompressionsbekleidung dem Körper neue Höchstleistungen ermögliche, gar die Ausdauer verbessere. Doch sorry, liebe Läufer. Wir müssen schon kräftig weitertrainieren und können uns nicht nur auf die High-Tech-Klamotten verlassen. Denn besonders im Bereich Ausdauer haben sie keinen erwiesenen Effekt, wie wissenschaftliche Studien zeigen.

2. Kompressionsbekleidung macht schneller

Wenn schon nicht länger, dann kann man vielleicht wenigstens schneller mit Kompressionskleidung rennen? Nicht umsonst tragen sie ja Weltstars aus so ziemlich allen Sportarten, die auch nur annähernd etwas mit Laufen zu tun haben.

Aber erneut enttäuscht uns die Wissenschaft. In Vergleichen wurden nur minimale Unterschiede zwischen Leistungen mit und ohne enganliegende Garderobe gemessen. Lediglich Sprung- und Sprintübungen verzeichneten relevante, wenn auch minimale, Verbesserungen.

3. Kompressionskleidung lässt uns effizienter laufen

Ähnlich verhält es sich mit der Effizienz. Die Bekleidung soll ja alles (und mehr) aus unseren Körpern herausholen können und unsere Kräfte und Reserven wirkungsvoller einsetzen. Blut- und Laktatwerte in bisherigen Studien weisen aber auch hier nur irrelevante Unterschiede auf, wenn es um die Langstrecke geht. Bei Sprints erhielten Sportwissenschaftler teilweise positivere Effizienzwerte.

Aber: Untersuchungen zeigen auch, dass der Glaube an die eigene Unbesiegbarkeit die Leistung steigern kann. Also gilt für die ersten drei Punkte: Gerne weiter die Kompressionsbekleidung tragen, wenn man sie als angenehm empfindet. Schließlich ist die mentale Seite des Sports essenziell, denn das Gehirn reguliert alles und entscheidet schlussendlich über die Qualität der Leistung.

Viele Sportler tragen Kompressionsbekleidung zu den unterschiedlichsten Anlässen. Wir haben einige Athleten befragt, hier ist das Ergebnis der kleinen Umfrage.

4. Kompressionskleidung beschleunigt die Erholung

Die psychische Komponente spielt auch in der Erholungsphase eine große Rolle. Wenn wir uns nach dem Sport vom Kopf her wieder fit fühlen, sind wir schneller bereit für das nächste Training.
Diesmal zeigen aber auch wissenschaftliche Untersuchungen, dass Kompressionskleidung dem Körper gut tut, wenn sie nach dem Sport getragen wird.

Der Druck des enganliegenden Outfits reduziert Muskelanschwellungen, verzögert Muskelkater und stößt den Lymphausfluss an. Das macht Sinn, schließlich werden Kompressionsstrümpfe auch auf Langstreckenflügen benutzt, um Schwellungen einzudämmen.

5. Kompressionskleidung erhöht die Körpertemperatur

Thermoregulierung ist hier das Stichwort. Und Kompressionsbekleidung hat wirklich einen positiven, wissenschaftlich bewiesenen Effekt, auf unsere Körpertemperatur. Die Klamotten bilden eine Isolationsschicht und verhindern, dass der Schweiß auf der Haut verdampfen kann.

Die sehr enge Kompressionskleidung transportiert den Schweiß ab und erhöht dadurch die Haut- und Muskeltemperatur. Das kann für Ehrholungszwecke sehr nützlich sein, kann aber auch die Leistung hemmen, sollte die optimale Körpertemperatur überschritten werden (zum Beispiel beim Ausdauertraining in heißen Umgebungen).

Besonders im Winter oder in kalten Gefilden also scheint Kompressionskleidung dienlich.

6. Kompressionskleidung verbessert die Blutzirkulation

Größere Sauerstoffaufnahme, erhöhte Blutzirkulation, verstärkter Blutfluss zum Herzen. Hört sich gut an. Und tatsächlich konnten Studien beim Tragen von Kompressionskleidung einen verbesserten venösen Rückfluss, einen vergrößerten arteriellen Zustrom und eine veränderte Muskelfaserrekrutierung feststellen, die zu Leistungsverbesserungen führen können.

Schlechte Kunde für Läufer allerdings: Tests mit Kniestrümpfen fanden keine Auswirkungen auf zentrale Kreislauf- und Herzparameter wie Schlagvolumen und Herzfrequenz. Die Wadenmuskeln sind schlichtweg zu weit entfernt vom Herzen, um gravierende Effekte hervorzurufen. Andere Untersuchungen entmystifizieren den Glauben vollends und fanden überhaupt keine bessere Blutzirkulation.

7. Kompressionsbekleidung vermindert das Verletzungsrisiko

Muskeln und Gewebe sind eng eingepackt. Doch verspricht dieser „Halt" eine Verringerung des Verletzungsrisikos an Fleisch, Band oder Sehne? Lässt sich zumindest schwer beweisen. Doch als Sportler wissen wir, welche Rolle die Psyche bei Verletzungen spielt.

Insofern ist eine große Zuversicht in das Outfit sicherlich nicht ungesund – solange wir uns weiterhin realistisch einschätzen und nicht gleich den Ironman auf Hawaii laufen wollen, nur weil wir enge Höschen tragen.

8. Kompressionskleidung ist nur für Profis geeignet

Gilt für Max Mustermann was für Usain Bolt gilt? Natürlich, sollten die High-Tech-Klamotten wirklich Vorteile mit sich bringen, sind sie für alle die gleichen. Wenn Profis schon über lange Zeit auf sie bauen, werden sie unsere Leistungen zumindest nicht verschlechtern.

Und wer weiß, vielleicht verhilft professioneller Glaube an die Wirkung der Kleidung uns ja auch zu professionellen Leistungen.

9. Kompressionsbekleidung hilft jedem

Jeder Körper ist anders. So banal diese Erkenntnis ist, so wahr ist sie auch. Der eine mag es eng und fest, der andere fühlt sich einfach nur eingeengt. Kompressionsstrümpfe und -Shirts der verschiedenen Anbieter kommen in unterschiedlichen Kompressionsstärken daher. Da sollte verschiedene Marken ausprobieren und sich auch unabhängige Tests anschauen .

10. Kompressionskleidung bietet besseren Komfort

Klar, die Lieblingsschlabberhose hat auch so seine Komfort-Vorteile und bringt Glück. Das weiß jeder. Und doch besitzt Kompressionskleidung ein paar unbestreitbare Vorzüge in diesem Bereich. Sie liegt so eng an, dass weniger Reibung entsteht und Schwielen vermieden werden können.

Kein Zurechtrücken des Oberteils mehr, mehr Elastizität bei Beinbewegungen. Auch auf das lästige Abkleben der Brustwarzen kann verzichtet werden. Gerade Shirts können den Körper aufrichten und eine aufrechtere und damit gesündere Haltung unterstützen.

Fazit: Keine überzogenen Ansprüche

Sportler sollten keine überzogenen Ansprüche an die Kompressionsbekleidung stellen. Nur weil sie eng anliegt, macht sie uns nicht automatisch zu Superhelden. Trainingseifer ist dann doch als wichtiger einzustufen.

Auf der anderen Seite wäre es vermessen, ihr jeglichen Effekt abzusprechen, nur weil die "Wissenschaft" noch keine eindeutigen Beweise gefunden hat für eine signifikante Wirksamkeit. Ähnlich wie bei Laufschuhen gibt es keine Schwarz-Weiß-Trennung von "Gut" und "Schlecht", entscheidender ist das subjektive Empfinden.

Wenn ich das Gefühl habe, dass mir die Kompression gut tut, wird sie meine Leistung eher positiv als negativ beeinflussen. Vertraue also deinem Gefühl!

 

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