♂tga/2NO – Neues vom Kenianer XI- Der Drachenlauf

Geschrieben von: Peter Patella

Vorwort: Auch das ist ein Beitrag, den ich im letzten Jahr schon mal gebracht habe. Er passt aber in die Chronologie der aktuellen Geschichten und der ein oder andere hat die Erlebnisse vom Kenianer bei diesem wunderschönen Lauf vielleicht noch nicht gelesen.
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Am Tag nach dem Drachenlauf saß der Kenianer in Badehose auf der Besuchertribüne des Schwimmbades und schaute seinem Sohn beim Vereinstraining zu. Eigentlich nutzt er diese Zeit immer, um selber Bahnen zu ziehen. Doch diesmal war es anders. Er schaute auf die Schwimmer und kämpfte mit seinem Schweinehund. Jetzt, wo er doch schon Eintritt bezahlt hatte könnte er doch schnell eine dreiviertel Stunde schwimmen um die Form der Arme über den Winter zu retten. Er war umgezogen, er hatte eine neue Schwimmbrille im Beutel und eigentlich wollte er sie ausprobieren. Aber es hielt ihn auf der Tribüne. Er saß da und führte den Dialog mit seinen schmerzenden Muskeln. Im Laufe des Tages hatte sich der Muskelkater von den Oberschenkeln bis in sämtliche anderen Fasern seines Bewegungsapparats ausgebreitet. Und diese Muskeln verlangten nur noch Ruhe. Bloß keine Belastung mehr. Er wollte nicht mehr. Er konnte nicht mehr. Und er wollte auch nicht auf die mahnenden Stimmen hören, die ihm vorhielten, das Schwimmen das beste nach einem schwerne Lauf wäre. Er hatte sich entschieden. Er gab den Muskeln das, was sie verlangten: Ruhe! Er ergab sich dem Schweinehund und schaute dem Training der kleinen Vereinsschwimmern zu. Und während er das tat gingen seine Gedanken auf eine Reise. Eine Zeitreise. Sie führten ihn sechsundzwanzig Stunden zurück. Zurück an den Start des Laufes, der für den Muskelkater verantwortlich war. Den Drachenlauf in Königswinter!
Warum der so heißt? Vielleicht wegen der vielen fleißigen Helfern, die in Drachengewändern an den Verpflegungsstellen stehen? Oder weil die Veranstalter so ein schönes Logo für ihre Finisher Handtücher geschenkt bekommen haben? Oder wegen der feurigen Anstiege?
Nein! Er heißt so, weil er über den Drachenfels, einen der Berge des Siebengebirges in Königswinter am Rhein, führt. Aber er führt nicht nur über den Drachenfels. Auch der Petersberg, der Ölberg und die Löwenburg werden erklommen. Er könnte auch der Petersdrachen Löwenölberglauf heißen, aber das wäre wohl zu viel der Namen. Drachenlauf reicht auch schon. Klingt jedenfalls furchteinflößender als Thomasberger Bauamtslauf, hatte der Kenianer schon vor Wochen gedacht. Obwohl diese Bezeichnung wegen des Start und Zielortes sogar eine gerechtfertigt wäre.
„Die wollen den Lauf wahrscheinlich marketingmäßig aufpimpen! Es geht halt ein wenig auf und ab und dann machen die wegen eines Schlussanstieges auf den Petersberg noch etwas Geschiss.“, dachte er. Alles nur, um die Läufer anzulocken! Wenigstens verzichten sie auf blöde Anglizismen. Aber das kommt vielleicht noch. Dann könnte er Dragon Fighters Strongman Run heißen, um noch mehr Eventgeile Großstädter zu ködern. Vielleicht werden sie die Namensrechte an den extremen Steigungen an Sponsoren verkaufen. Dann heißt der Bittweg vielleicht Powerbar Runway und die Löwenburg Uschisockencastle oder so. Das dachte er vor dem Lauf, als er sich angemeldet hatte. Als die Steigungen noch nicht vor ihm lagen, sondern nur auf einer harmlosen kleinen Pdf-Datei auf dem Bildschirm zu erkennen waren. Das sind doch nur 26 km. Und den Rheinsteig hatte ich ja im Mai bereits bezwungen. Der war 34 km lang und hat auch nicht so weh getan. Also wird es doch bestimmt harmlos werden, dachte der Kenianer…
 Und so hatte er sich mit ungespielter Überheblichkeit an den Start begeben. Während ein ortsansässiger Fitnessguru die Läufer zum Warmmachprogramm forderte, stellte er sich mit Schmalzbrot und einer Tasse Kaffee in die Sonne und schwadronierte von einem lockeren Lauf, den er nur „einfach so“ machen wollte. Dann machte er einige Fotos vom Start und machte sich betont lässig auf die ersten Meter. Doch schon nach kurzer Laufstrecke tat sich die erste kurze Aufwärtslinie der Pdf-Datei vor seinen Füßen auf. Hinauf zum Ölberg. Doch statt von dort in den Himmel aufzufahren, wie es ein bedeutender Fußgänger früher einmal auf einem Berg gleichen Namens getan hatte, schmetterte den Kenianer dieser Hügel auf den harten Boden der Realitäten zurück. Und diese Realität zeigte ihm folgendes:
-Du bist nicht in der gleichen Form wie zu dem Tag, als du den Rheinsteig genommen hattest.
-Die Wochen ohne Sport und mit vielen Kalorien haben deutliche Spuren hinterlassen, als er sich zuvor eingestehen wollte.
-Du hast überhaupt keine innere Anspannung aufgebaut vor dem Lauf. Respektlos und lässig bist du gestartet und hast dich überhaupt nicht darauf vorbereitet, dass du Leiden wirst.
-Du wirst weit hinten in der Ergebnisliste landen! Hinter alten, drahtigen Männern und kleinen pummeligen Frauen und Menschen, die in aufgeblähten Clowns-Kostümen den Lauf zu einem Steg verwandeln.
Wie sollte er da sein Gesicht wahren? Vor sich, seinen Bekannten und Freunden und den Mitläufern. Er, der so gerne Überlegenheit demonstriert. Er, für den jeder vor ihm ein Angeber und jeder hinter ihm eine Lusche ist! Er, der sich noch zwei Tage zuvor einen neuen Hauch von Laufschuh geleistet hat, um so nächstes Jahr eine neue Bestzeit über 10km anzugehen! Nun ja, den Schuh hatte er sich in einem Anfall von Restvernunft für diesen Lauf verkniffen, aber seine Selbstachtung hatte er nicht am Start zurückgelassen.
Sollte er eine Verletzung simulieren und so auf einen Rücktransport zum Start durch die vielen willigen Helferlein am Streckenrand drängen. Er könnte natürlich auch weit hinten laufen und die übliche Langstreckenläufermär erzählen: Das man bis gestern noch schwer krank war, die letzten sechs Wochen keinen Lauf gemacht hat und man bei diesen Temperaturen und der Luftfeuchtigkeit schon immer Probleme mit der Atmung hatte. Das würde vielleicht noch Bewunderungspunkte durch die Mitläufer einbringen. Andererseits war das schon so abgedroschen und wahrscheinlich würde er dann wieder in so einer Männergruppe landen, die sich gegenseitig…
- erstens ihre Krankengeschichten erzählten.
- zweitens bedauerten.
- drittens am Ende Schulterklopfend dazu beglückwünschten, das sie es trotz der Widrigkeiten geschafft hätten und nächstes Jahr endlich angegriffen würde.
Nein! So weit wollte er nicht sinken. Er hatte eine bessere Idee. Der Rettungsanker lag flach in seiner Rückentasche. Eine kleine Digitalkamera! Er würde sich zum laufenden Fotoreporter umfunktionieren! So könnte er die Ergebnisliste immer mit dem Hinweis auf die vielen Stopps erklären. Auch würde er Phasen schwerer Atemlosigkeit und brennender Oberschenkelmuskeln nicht mit offenen Schnürsenkeln beenden müssen. Nein, er bräuchte einfach nur stehenzubleiben, seine Kamera zu zücken und den Auslöser drücken. Dabei würde sich der Puls schon von selbst beruhigen. Er feierte sich für diese geniale Idee. Nicht nur, das sie ihm die dringend benötigten Pausen ermöglichte, nein, er würde auch sein Image als Landschafts- und Genussläufer vor unsensiblen Platzierungsjägern pflegen können. Am Ende des ersten schweren Anstiegs blieb er stehen und schoss einige Bilder. Und glücklicherweise war es so, das zumeist die Stellen, an denen er sich völlig verausgabt hatte auch die lohnensten Panoramamotive ergab. Er zückte die Kamera zunächst auf dem Wendepunkt an der Löwenburg. Das es hier einen herrlichen Ausblick gab, hätte er wahrscheinlich übersehen, wenn er seinen Blick nur auf die Fersen des Vorläufers geheftet hätte. Aber dieses Mal nutzte er die alte Ritterbehausung zu einem ausgedehnten Shooting. Exakt so lange wie es brauchte um das laute Pulspochen aus den Ohren zu bekommen! Auf dem Drachenfelsplateau, wo sich die Läufer eindeutig in der Minderzahl befanden fotografierte er und nötigte einen Sonntagsspaziergänger ihn selbst abzulichten. Vorher hatte er noch Muße gefunden die Zahnradbahn auf ihrem Anstieg zu knipsen. Sie spuckte massenweise Sonntagsausflügler auf das Plateau des Drachenfelsens, die indigniert die Nase rümpften, als sich verschwitzte Läufer ihren Weg durch sie hindurch bahnten. Lediglich auf den Bergabpassagen ließ der Kenianer seine Muskeln spielen. Er nutzte die Schwerkraft, die ihm gegenüber den Mitstreitern einen Vorteil bringt zu rasanten Tempoläufen. Den Verdacht, dass die exzentrischen Muskelkontraktionen Muskelkater  erzeugen, kann er inzwischen bestätigen. Bei jedem Aufprall des Fußes knicken die Beine ein, die Muskeln müssen unter Freigabe von einigen Zentimetern Länge den Sturz bremsen. Und als er dann nach dem endlosen Nachtigallental –welches so schön ist wie es der Namen vermuten lässt- am Tennisklub mit weichen Knien vor dem sympathischsten Drachen des Tages stand und sich eine Cola reichen ließ, hatte er nur noch Pudding in den Beinen. „Hier wäre dann im Spiel das Ziel!“ dachte der Kenianer  und bediente sich der Rollenspielsprache seines Sohnes.
Aber Rollenspiele sind Rollenspiele und Drachenläufe sind Drachenläufe. „In echt“ ist das Ziel nämlich erst fünf Kilometer hinter dem Geschichtsträchtigen Gebäude, was sich in etwa zwei Kilometer Luftlinie vor- oder doch eher über- ihm erhebt. Das ehemalige Gästehaus der Bundesregierung auf dem Petersberg thronte erhaben vor ihm.  Doch der Weg dorthin war mörderisch, brutal, schön, quälend, legendär, unglaublich oder einfach unbeschreiblich. Der Bittweg!
Es war falsch gewesen! Es war falsch, dass er diese Zacke im Höhenprofil nicht ernst genommen hatte! Es war falsch gewesen, dass er den Veranstalter niedrige Marketingbeweggründe unterstellt hatte, als sie die Streckenbeschreibung veröffentlichten. Kein Wort war übertrieben.
Und so ging er an Steinkreuzen und zwei Kuhglockenschwingenden Kindern vorbei durch den einsamen Wald. Endlos geradeaus, dann einige Serpentinen hinter denen es dann wieder endlos weiterging, bis sich dann der Rhythmus seines Ohrpulses veränderte. Waren es die Vorboten eines Schlaganfalls, die da in seinem Kopf dröhnten? Waren es mythische Trommeln des Berges, die all jene verhöhnten, die sich an ihm versuchten?
Nach weiteren Minuten und einem Anstieg, an dem er das Geländer gerne als Aufstiegshilfe nutzte zeigte sich des Rätsels Lösung! Eine Samba Combo!  Mitten im Wald! Noch nie im Leben war er so erleichtert gewesen beim Anblick dieser trommelnden Gutmenschen wie auf der kleinen Lichtung unterhalb des Petersberger Hotels. Wenige Meter musste er noch erklimmen bis zum Höhepunkt des Laufes. Vorbei an dem alten Pförtnergebäude mit seinen Überwachungskameras. Der Kenianer überlegte kurz, welche bedeutenden Personen der Weltgeschichte dieses Tor wohl schon passiert hatten.  Ob sie hier oben ähnlich großes geleistet hatten wie die 500 Läufer, die heute diesen Weg beschritten, begangen und teilweise auch belaufen hatten?
Bevor er sich in diese Gedanken ergeben konnte stieg ihm ein herrlicher Geruch in die Nase! Schaumwein! Sekt! Er konnte ihn riechen! Bereits 100 Meter vor dem Stand, an dem die Hausmarke des Drachenlaufs an die Teilnehmer degustiert wurde. Er nutzte die Gunst des Augenblicks zu einem ausgiebigen Fototermin und lehnte in Erwartung der letzten fünf Kilometer –sehr herzlich und aufrichtig- dankend ab.
Jetzt begann der schönste Teil des Laufes. Nicht landschaftlich, sondern persönlich. Der schönste Teil eines Laufes beginnt immer dann, wenn er sicher ist, dass er es ins Ziel schaffen wird. Bei seinem ersten Marathon war es die Ziellinie, bei seinem letzten Marathon bereits die Halbmarathonmarkierung und diesmal eben das Erreichen des Petersberges.
Trotzdem nutzte er noch einige schöne Motive. Erst eine unglaublich Schafswiese und später dann den Zieleinlauf am Bauamt. Er war froh, dass er es geschafft hatte. Und er wusste jetzt, dass der Lauf seinen Namen zu Recht trug. Das nächste Mal würde er respektvoller hier am Start stehen. Was ihm jetzt noch blieb, am Tag nach dem Drachen, war neben dem Muskelkater vor allem Dankbarkeit!
Dankbarkeit gegenüber den Veranstaltern und den vielen freundlichen Helfern in Drachenkostümen, die ein unvergessliches Lauferlebnis in diese Landschaft zauberten. Für Läufer mit Erfahrung und Demut. Denn hier sollten sie wegbleiben! Die Eventläufer, die Ersttäter, die Firmenstaffelläufer und Anglizismen schaffenden Agenturen, die Veranstaltern bessere Vermarktungschancen eröffnen. Die Sekundenjäger und Pulsfetischisten mit geölten und rasierten Stahlwaden in Carbonverstärkten Laufschühchen sind hier definitiv fehl am Platz.
Beim Drachenlauf!

Die ersten Teile gibt es im Blog, die Vorgeschichte gibt es hier käuflich zu erwerben!
Viel spaß fur Euch wünscht sich der Kenianer!


PS: Der Drachenlauf hat zuletzt im Jahr 2009 stattgefunden. Die Veranstalter haben sich leider dazu entschlossen, diesen Lauf nicht weiter auszurichten. Gemeldet wurden private Gründe, was man bei dem Aufwand, den die Organisation so einer Veranstaltung erfordert, wohl nachvollziehen kann. Aber es gibt Signale, dass im Jahr 2011 dieser tolle und empfehlenswerte Lauf im Siebengebirge wieder stattfinden wird. Wenn keine anderen Wettkämpfe davor stehen, dann ist der Kenianer sicher wieder mit am Start!

 

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