Road to Roth (5): Workout im Kofferraum

Guido Kleemann trainiert im Kofferraum

Guido Kleemann trainiert diszipliniert weiter fĂŒr seinen Traum: Teilnahme beim Challenge Roth. Doch dann der Schock: Schmerzen im Mittelfuß. Aber wer einen guten Physio hat, braucht keinen Arzt. Weitere Themen: Athletiktraining im Kofferraum, Technikschlacht & Wildschweine.

Nach meinem zehntĂ€gigen Trainingslager zu Ostern kamen wir ins winterliche Berlin. Genau das Richtige fĂŒr eine Entlastungswoche.

Im Anschluss startete schon die heiße Phase mit großen UmfĂ€ngen und intensiven Belastungen. Mallorca war nur der Anfang. Jetzt hieß es dranbleiben. Das Wichtigste: Gesund bleiben und nicht ĂŒbertreiben, den Ausgleich finden zwischen Belastung und Regeneration. Den Körper fordern, aber ihm auch die Möglichkeit geben, sich ausreichend zu erholen.

Überlastung? Schmerzen im Mittelfuß

Das kann mit fast 50 Jahren auf dem Buckel auch ganz schnell mit Überlastung enden. Und so kam es dann auch nach einem 30-Kilometerlauf an einem Familienwochenende an die Ostsee Anfang Mai.

ZunĂ€chst kamen nach dem Lauf nur geringe Schmerzen im linken Mittelfuß. Diese wurden am nĂ€chsten Tag so heftig, dass sowohl Spazieren als auch Kupplungtreten weh taten.

Sofort kreiste das Unwort „ErmĂŒdungsbruch“ in meinem Kopf herum, der alles, wofĂŒr ich mich das letzte halbe Jahr geschunden hatte, ĂŒberflĂŒssig machen wĂŒrde.

Also zum Arzt mit MRT? Vier Wochen Wartezeit? Nein direkt zu dem Mann mit den goldenen HĂ€nden. Meinem Physio und „Knochenbrecher“ Reimund Igel. Die Behandlung war nicht schön, aber schmerzhaft.

ZunĂ€chst schloss er mit einer Stimmgabel einen ErmĂŒdungsbruch oder Haarriss aus und strich die Schmerzen so schmerzhaft aus meinem Körper, dass ich hĂ€tte schreien können. Wir waren uns nicht sicher, aber nach drei Tagen stellte sich der Behandlungserfolg ein, und ein ganzer Berg fiel mir vom Herzen.

Ich kann nur jedem Raten: Vertraut euren Körper den HĂ€nden eines guten Physios an statt euch von Ärzten zu Endoskopien ĂŒberreden zu lassen. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich mit der Rolle und anderen Folterinstrumenten selbst zu behandeln.

Mit der richtigen Anleitung des Physios verbringe ich den Abend oft statt auf der Couch auf der Yogamatte. Und das ist die beste Vorsorgemaßnahme gegen Überlastungserscheinungen.  

Athletiktraining: Kompost umgraben & Autotraining

Leider nimmt das manchmal mehr Zeit ein als mir lieb ist, aber wenn es hilft fit zu werden/ bleiben, ist es halt so. So versuche ich, nun möglichst zeitschonend mein Training zu absolvieren.

Wer sagt eigentlich, dass man Athletik nicht auch bei anderen völlig artfremden TĂ€tigkeiten durchfĂŒhren kann. Ist nicht auch schon Rocky mit BaumstĂ€mmen durch die eisigen Winter gerannt, hat sich dort die nötige Fitness geholt? Also nichts wie raus und den Garten und Kompost umgraben. Alles (fast), was weh tut im Kreuz, ist erlaubt. Auch sonst versuche ich, die Möglichkeiten zu nutzen.

Letztens habe ich es auf die Spitze getrieben. Auf dem Weg von der Arbeit zum Elternabend des Sohnes war eine 60 Minuten-Runde im Berliner Grunewald eingeplant, aber es schĂŒttete gerade wie aus KĂŒbeln. Statt irgendwo im Cafe einzukehren oder zum Shoppen zu gehen, klappte ich die RĂŒcksitze unserer Familienkutsche um und machte 30 Minuten Athletik.

Wenn das kein Zeitmanagement ist! Die neben mir parkenden Eltern wunderten sich auch gar nicht, waren doch die Fenster durch das schweißtreibende Workout schon nach kurzer Zeit angelaufen.
 
Man wird ja wirklich erfinderisch, wenn einem das schlechte Gewissen treibt, weil man den ganzen Tag im BĂŒro nur rumsitzt. Klar, man kann in der Mittagspause frische Luft schnappen, sich die FĂŒĂŸe vertreten. Oder man rollt einfach die Isomatte aus und tut seinem RĂŒcken und Bauch was Gutes. Auch wenn man von den Kollegen ein paar Schmunzler erntet und sich der Chef wahrscheinlich denkt, dass man nicht mit Arbeit ausgelastet ist.  

"Ich beteilige mich nicht an der Technikschlacht"

Ich bin nicht empfĂ€nglich fĂŒr Hightech und lehne es auch ab, mich an der Technikschlacht zu beteiligen. Ich benötige kein Trackingarmband, das mich erinnert, wenn es der Meinung ist, ich mĂŒsste mich mal wieder ein paar Schritte bewegen.

Ja ich habe ein Navi mit Tracking- und Trainingsfunktionen am Rad, aber nutze dieses nur zur Navigation, weil ich es hasse, mich zu verfahren. Ich fahre ein vier Jahre altes normales Alu-Rennrad, das mich gut voranbringt, aber kein Highend-Triathlonrad.

Zu oft stand ich schon in der Wechselzone, zum Beispiel beim Berliner Volkstriathlon und habe mich gefragt, wie lange der ein oder andere Athlet fĂŒr sein Rad wohl gespart hat, und ob er das ĂŒberhaupt ausfahren kann. Und wo befindet er sich dann eigentlich mit seiner Rennmaschine  in der Ergebnisliste, wenn vor mir gar nicht mehr viel Platz ist?

Da macht es dann schon mal Spaß, einen Fahrer im Wettkampf mit dem typischen Rauschen der Carbonfelgen zu ĂŒberholen und ihm den Spruch zu rufen: „Cooler sound“. Aber das muss jeder selber entscheiden.

Über den 4-Uhr-Tee und Drogenmissbrauch

NatĂŒrlich habe ich in den letzten Wochen zusĂ€tzlich zur Athletik noch viel mehr Zeit mit Schwimmen, Radfahren und Laufen verbracht. Schwimme jetzt gerne auch in unserem schönen sauberen Schlachtensee. Neben langen Einzeltrainingseinheiten vor allem an Wochenenden habe ich das GlĂŒck in der Woche, mich oft dem Training der Regionalliga und 2. Bundesliga Teams BSV Friesen BerlinMan anzuschließen.

Im Winter stand schon das Koordinations- und Athletiktraining auf dem Programm. Trainer Christian Hoffmann lĂ€sst mit seinem abwechslungsreichen Training keine Langeweile aufkommen – so ist immer fĂŒr neue Trainingsreize gesorgt. Auf diese Weise kombiniere ich lange Rad- und Laufeinheiten mit kurzen intensiven Sprint- und Intervalltrainings.

Insbesondere an Wochenenden fĂ€ngt der Tag schon sehr frĂŒh an, damit ich es möglichst noch zum SpĂ€taufsteherfrĂŒhstĂŒck wieder zurĂŒck schaffe und die Familie nicht im Stich lasse. Da bekommt der 4-Uhr-Tee eine ganz neue Bedeutung. Um 4 Uhr klingelt nĂ€mlich jeden Samstag der Wecker, und um 4:30 geht’s nach einem MĂŒsli, Tee und Verpflegung vier Stunden raus aufs Rad, manchmal auch gekoppelt.

Der Sonntag beginnt dann „erst“ um 5:30 mit einem Zweistunden-Lauf und anschließendem Auslaufen mit Hund zum Brötchenholen. So langsam wird das aber zur QuĂ€lerei, und der innere Schweinehund wĂ€chst schon mal vom Dackel auf die GrĂ¶ĂŸe einer deutschen Dogge. Ich freue mich auch schon ein bisschen, wenn das wieder ein Ende hat.

Aber die Straßen sind so schön leer, statt Autos begegne ich Wildschweinen, FĂŒchsen und sogar WaschbĂ€ren vor den sĂŒdliche Toren Berlins. Und es gibt nichts Schöneres als um 9 Uhr sagen zu können: „Ich habe fertig fĂŒr heute“. Wenn andere erst losradeln.

In den letzten Wochen habe ich öfter von meiner besseren HĂ€lfte gehört: „Du bist ja sportsĂŒchtig.“ Nun ja, habe ich mir noch keine Gedanken drĂŒber gemacht. Aber es gibt sicherlich noch schlimmere Drogen als Sport, denen man verfallen kann.

Im Mai kamen folgende UmfÀnge zusammen:

Schwimmen     13 km

Radfahren       835 km

Laufen            156 km

Und wie gut das tut, jeden einzelnen Kilometer ins Trainingstagebuch eintragen zu können, um am Ende des Monats die Summe zu sehen.

Endspurt & Tapering

Jetzt sind es nur noch gut zwei Wochen bis Roth. Jetzt endet die letzte Belastungswoche, und dann wird getapert – wie man so schön sagt. Die Belastung geht runter, die Aufregung rauf.

Am 9. Juli wird sich zeigen, was die Schinderei gebracht hat. Die Wettkampfverpflegung wurde schon probiert und als vertrĂ€glich befunden. Der Neo passt, die Wettkampfschuhe wurden ausgewĂ€hlt. Das Rad rollt gut. Noch schnell einen Aerohelm? Weiß nicht, ob das was bringt – vielleicht Wahrscheinlich doch lieber auf gute BelĂŒftung achten.

Es ist sicherlich noch Einiges zu tun. Ich werde von meinem Sohn begleitet werden, und viele andere Weltraumjogger werden vor Ort sein. Mal sehen, ob ich vor Ort zur Ruhe komme. Die Kids schlafen in Zelten. Ich werde das Auto vorziehen.

Es soll ein großartiges Erlebnis werden, wie auch immer es ausgehen wird. Ich melde mich wieder und werde berichten.

Fotos von Guido Kleemann

 

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