Experte Uwe Knop: "Ernährungsregeln sind Quatsch"

Geschrieben von: Frank Joung

Ern√§hrungswissenschaftler Uwe Knop bricht mit dem g√§ngigen Klischee von "gesunden" und "ungesunden" Lebensmitteln. Im Interview zweifelt der Sachbuchautor popul√§re Ern√§hrungsregeln an und pl√§diert daf√ľr, das nat√ľrliche Essverhalten auszuleben.

Herr Knop, Sie geben den Lesern Ihres Buches "Hunger und Lust" den Rat: Vergessen Sie alles √ľber gesunde Ern√§hrung. Das kann doch nicht Ihr Ernst sein.

Uwe Knop: Doch, das ist mein voller Ernst. Denn das behaupte ich ja nicht aus einem Gef√ľhl heraus. Ich bin Ern√§hrungswissenschaftler und habe von 2007 bis 2010 mehr als 500 Studienergebnisse kritisch analysiert, mehr als 200 davon sind die Basis des Buchs. Und der einzige Schluss, den ich daraus ziehen konnte, war: Es gibt keine Beweise f√ľr irgendeine der g√§ngigen Ern√§hrungsregeln. Es gibt nur statistische Zusammenh√§nge, das hei√üt vage Vermutungen, sonst gar nichts. Und daraus irgendwelche Regeln f√ľr das Individuum abzuleiten ist v√∂lliger Quatsch.

Das hei√üt, selbst so einen banalen Satz wie "Obst ist gesund" w√ľrden Sie nicht unterschreiben?

 
 

Genau. Die Einteilung in gesunde und ungesunde Lebensmittel hat keinen Sinn. Das hat √ľbrigens auch die Deutsche Gesellschaft f√ľr Ern√§hrung best√§tigt. Was f√ľr den einen gesund ist, muss es f√ľr den anderen nicht sein. Jeder Mensch isst anders. Hauptsache man isst das, was einem gut schmeckt, wenn man echten Hunger hat. Und was das ist, wei√ü man nur selbst.

Wie kann ich denn mein Bauchgef√ľhl trainieren?

Viele Menschen haben dieses nat√ľrliche K√∂rpergef√ľhl noch. Das sehe ich auch an den vielen R√ľckmeldungen, die ich bekomme, gerade von der √§lteren Generation. Wenn man das aber verloren hat, weil man zu stark von den ganzen Ern√§hrungsregeln indoktriniert wurde, dann gibt es eine einfache M√∂glichkeit: Man sollte zun√§chst alle Ern√§hrungsregeln, die man kennt, aus seinem Kopf verbannen. Dann sollte man versuchen, nur noch zu essen, wenn man auch echten Hunger hat ‚Äď nicht aus Frust, Stress, Langeweile oder gelernter Essroutine.

Und wenn man selbst den echten Hunger nicht mehr sp√ľrt?

Dann gibt es ein einfaches Mittel, und zwar: den Hunger ausreizen. Das hei√üt: Nicht nach Uhrzeit und eingefahrenen Gewohnheiten essen, sondern warten. Und irgendwann wird sich das essenzielle Gef√ľhl der Lebenserhaltung seinen Weg bahnen - und Sie werden Ihren echten Hunger wieder sp√ľren.

Und woran erkenne ich, ob ich das Richtige gegessen habe?

Wenn Sie das essen, was Ihr K√∂rper haben will, dann gibt es so ein St√∂hnen aus der Tiefe des Bauches. Das kennt jeder, wenn er mal richtig gut genossen hat. Wenn Sie dieses Gef√ľhl sp√ľren, dann k√∂nnen Sie sicher sein: Sie haben das Richtige gegessen. Wenn es fehlt, haben Sie entweder keinen Hunger, oder Sie essen nicht das, was Ihr K√∂rper m√∂chte, sondern das, was Ihr Verstand will.

Das heißt, es ist auch okay, wenn mein Bauch mir ständig zu Pommes und Pizza rät?

Wenn er das machen w√ľrde, w√ľrde ich kein Problem darin sehen. Aber Sie k√∂nnen sicher sein, dass Ihr K√∂rper nicht dauernd nach den gleichen Nahrungsmitteln verlangt, denn er braucht Vielfalt, Abwechslung und verschiedene Stoffe zu unterschiedlichen Zeiten. Der K√∂rper hat √ľber Jahrzehnte gelernt, was wo drin ist. Das ist die kulinarische K√∂rperintelligenz - man muss nur darauf h√∂ren und wird dann wahrscheinlich seine ganz pers√∂nliche, ausgewogen-abwechslungsreiche Ern√§hrung erleben. Ob die allerdings mit den g√§ngigen Empfehlungen √ľbereinstimmt, sollte einem egal sein.

 

"Den Kampf gegen den eigenen Körper können Sie nicht gewinnen"

 

Was tue ich denn am besten, wenn ich abnehmen möchte?

Sie sollten sich zun√§chst die Frage stellen: Habe ich mein k√∂rperliches Wohlf√ľhlgewicht oder nicht? Jeder K√∂rper hat einen so genannten Setpoint, das nat√ľrliche Gewicht. Wenn Ihnen Ihres nur nicht gef√§llt, weil es nicht ins gesellschaftliche Model-Ideal passt, dann m√ľssen Sie sich klarmachen, dass Sie einen Kampf gegen Ihren K√∂rper eingehen und ihm praktisch ein Kunstgewicht aufzw√§ngen. Und diesen Kampf k√∂nnen Sie auf kurz oder lang nicht gewinnen.

Wie erkenne ich mein nat√ľrliches K√∂rpergewicht?

Wenn Sie nicht wissen, ob Sie Ihren Setpoint haben, versuchen Sie erst mal Ihr nat√ľrliches Essverhalten auszuleben. Dann schauen sie mal, welches Gewicht Sie haben. Und dann kommt wieder die Frage: Kann ich damit leben oder will ich mich der Model-Gesellschaft anpassen?

Es gibt einige Menschen, die nicht nur leicht √úbergewicht haben, sondern viele Pfunde zu viel. Haben die falsch oder zu viel gegessen? Oder sind gar die Gene schuld?

 
Pauschalurteile sind grunds√§tzlich schwer. Die Gene sind nat√ľrlich das A und O, sie spielen die erste Geige im Konzert des K√∂rpergewichts. Man muss verschiedene Fragen stellen: Hat dieser Mensch eine Stoffwechselst√∂rung? Ist das tats√§chlich sein Naturell? Ist er psychisch krank? Isst er aus Stress oder Langeweile? Man muss immer das Individuum betrachten, um herauszufinden, woher das extreme √úbergewicht kommt.

Wenn alle Regeln nichts taugen, wozu brauchen wir die En√§hrungswissenschaft √ľberhaupt noch?

Sie ist dann wichtig, wenn Krankheiten wie Gicht, Nierenerkrankungen oder aber Nahrungsmittelunverträglichkeiten ins Spiel kommen. Da muss man wissen: Was kann und darf ich zu mir nehmen? Aber meines Erachtens ist auch ganz klar: Ein gesunder Mensch braucht keine Ernährungswissenschaft und ganz bestimmt keine Ernährungsregeln.

Interview: Frank Joung

Zur Umfrage von Uwe Knop: "Kennen Sie Ihren echten Hunger?"

 

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