Somatische Intelligenz: "Die beste Ernährung ist die, auf die man Lust hat"

Geschrieben von: Julia Schweinberger
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Unser K√∂rper wei√ü am besten, was gut f√ľr ihn ist, sagt Gesundheitswissenschaftler Thomas Frankenbach. Er hat seine eigene Ern√§hrungsform entwickelt. Statt stur Di√§ttipps zu befolgen, sollte man lieber die eigene K√∂rperwahrnehmung st√§rken.


Achim-Achilles.de: Herr Frankenbach, h√∂ren wir zu wenig auf unser Bauchgef√ľhl?

Thomas Frankenbach: Ja, leider. Wir leben in einer Welt, in der Logik mehr wert ist als unsere Intuition. Wir bedienen jeden Tag Maschinen, sitzen vor dem Computer, telefonieren mit Smartphones ‚Äď da ist logisches Verst√§ndnis wichtiger als unser Bauchgef√ľhl.

Leider f√ľhrt die Reiz√ľberflutung der westlichen Industriegesellschaft teilweise soweit, dass wir die Signale unseres K√∂rpers gar nicht mehr wahrnehmen.

Warum fällt es uns so schwer, die Signale unseres Körpers zu beachten?

St√§ndig h√∂ren wir in den Massenmedien von einer neuen Ern√§hrungsform, die angeblich die beste sein soll. Vor f√ľnf Jahren war es Low Carb, heute ist es vegane Ern√§hrung. Dieses Hin und Her verunsichert die Menschen.

Ein Beispiel: Viele Menschen essen Vollkornprodukte, weil sie der Überzeugung sind, Vollkorn sei gesund. Tatsächlich gibt es aber viele Menschen, die Vollkorn gar nicht vertragen. Sie bekommen Bauchschmerzen, Blähungen oder schlimmere Symptome und ignorieren die Signale, die ihnen der Körper sendet. Sie vertrauen nicht auf ihre somatische Intelligenz.

"Durch Sport lernt man den Körper kennen"

Was genau verstehen Sie unter somatischer Intelligenz?

Somatische Intelligenz ist die Fähigkeit unseres Körpers, durch Lust, Abneigung und Bekömmlichkeit zu zeigen, was er braucht und was nicht. Jeder Mensch braucht zum Beispiel Zucker, um das Gehirn laufen zu lassen und Organe und Muskeln zu versorgen.

Wenn ein Mensch unterzuckert ist, bekommt er Lust auf S√ľ√üigkeiten. Da muss er keinen Ern√§hrungsberater anrufen oder im Lexikon nachschauen, sondern sein K√∂rper sendet ein eindeutiges Signal, n√§mlich Hei√ühunger auf S√ľ√ües.

Viele Menschen haben aber ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihrem Hei√ühunger auf S√ľ√üigkeiten nachgeben.

Ja, aber ein schlechtes Gewissen sollte man deshalb nicht haben. Besser wäre es, sich zu fragen: Warum will ich das jetzt essen? Brauche ich das wirklich? Wenn Ihnen etwas nicht bekommt, wird Ihr Körper Ihnen das mitteilen, in Form von schlechter Bekömmlichkeit mit Blähungen, Sodbrennen, Bauchkrämpfen, unruhigem Magen oder verschlechterter Stimmung. Langfristig oft auch Haut und Haaren.

Wie sieht Ihrer Meinung nach richtige Ernährung aus?

Unsere Bed√ľrfnisse sind individuell ganz verschieden. Die optimale Kost ist deshalb die, auf die ein Mensch Lust hat, die ihm schmeckt und die ihm bekommt. Manche Kinder essen zum Beispiel ungern Spinat. Das k√∂nnte zum einen daran liegen, dass sie ihre Eltern zum Narren halten wollen.

Es könnte aber auch sein, dass diese Kinder Spinat einfach nicht besonders gut vertragen, weil darin Oxalsäure enthalten ist. Diese kann bei bestimmten Menschen Nierensteine verursachen oder die Blutgerinnung stören.

Es klingt so einfach: Essen, wonach dem Körper ist. Aber woher kommen dann die vielen Ess-Störungen wie Magersucht oder Fettleibigkeit?

Magers√ľchtige haben h√§ufig eine schwach ausgepr√§gte Selbstwahrnehmung. Sie denken, dass sie zu dick sind, obwohl sie spindeld√ľrr sind. Bei √úbergewichtigen ist es √§hnlich. Ich hatte mal einen Patienten, der st√§ndig S√ľ√üigkeiten gegessen hat.

Er war zu dick und litt gleichzeitig unter Bauchschmerzen, √úbelkeit und schlechter Haut. Statt ihn auf Di√§t zu setzen, habe ich seine Achtsamkeit trainiert. Aufgabe war, sich auf seinen Magen zu konzentrieren, nachdem er sehr viel S√ľ√ües gegessen hatte. Als ihm so mit den Wochen immer st√§rker auffiel, wie schlecht ihm S√ľ√üigkeiten bekommen, reduzierte er sie von allein.

Wie kann ich lernen, meinen K√∂rper besser zu sp√ľren?

Alles was uns zur Ruhe kommen l√§sst, wirkt sich positiv auf die K√∂rperwahrnehmung aus. Da helfen zum Beispiel Meditation, Yoga oder autogenes Training. Auch Ausdauersport ist ein hervorragendes Mittel, um den K√∂rper besser sp√ľren zu lernen.

"Sportler haben einen siebten Sinn"

Sport schärft die Selbstwahrnehmung?

In dem Moment, wo wir unseren Trainingszustand verbessern, fängt unser vegetatives Nervensystem an effizienter zu arbeiten. Außerdem schult man durch Sport seine Koordinationsfähigkeit, Tiefensensibilität und die Atmung.

Manche Sportler haben sogar eine Art siebten Sinn. Sie können ganz genau wahrnehmen, wenn sich in ihrem Körper etwas verändert. Ganz intuitiv lassen sie beispielsweise eine Trainingseinheit ausfallen, weil sie merken, dass sich eine Grippe anbahnt, noch lange bevor die ersten Krankheitssymptome auftauchen.

Wie kann ich außerdem meine Sinne schärfen?

Es gibt eine ganz gute √úbung, die man direkt nach dem Essen machen kann. Man zieht sich f√ľr ein paar Minuten zur√ľck, schlie√üt die Augen und stellt sich folgende Fragen: Wie gro√ü war meine Lust auf das, was ich gegessen habe? Hat mich der Geschmack angesprochen?

Wie bekommt es mir im Bauch? Wie ist meine Stimmung? Habe ich wom√∂glich zu schnell gegessen? Wer sich dieser √úbung ein paar Mal hingibt, wird schnell merken, wie sich die Sensibilit√§t f√ľr den K√∂rper verbessert.

M√ľssen wir mutiger werden, mehr auf unseren K√∂rper zu h√∂ren?

Somatische Intelligenz ist kein Garant, dass ein Mensch gut durchs Leben kommt. Aber sie ist ein wichtiger Faktor. Wichtig ist, dass jeder sein pers√∂nliches Ma√ü findet. Das gilt f√ľr Sport, Beruf und auch die Ern√§hrung. Wir m√ľssen mehr Selbstverantwortung √ľbernehmen.



Das Interview f√ľhrte Julia Schweinberger

thomas frankenbach portrat containerZur Person:

Thomas Frankenbach, Jahrgang 1973, hat Ern√§hrungswissenschaften sowie psychosoziale, integrative und komplement√§re Gesundheitswissenschaften studiert. Er betreut Spitzensportler psychologisch und ber√§t sie in Bezug auf Ern√§hungs- und Trainingsgestaltung. 2014 ver√∂ffentlichte er das Buch: ‚ÄěSomatische Intelligenz ‚Äď H√∂ren, was der K√∂rper braucht".

 

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