Ern√§hrung nach Bauchgef√ľhl ‚Äď "Je bek√∂mmlicher das Essen, desto besser ist das f√ľrs Gem√ľt"

Geschrieben von: Frank Joung
frau essen

Wer zuviel isst, √ľberfordert sich oft nicht nur beim Essen, sondern auch in anderen Bereichen des Lebens ‚Äď sagt Thomas Frankenbach. Der Ern√§hrungwissenschaftler ist der Meinung, dass wir mehr auf unser K√∂rpergef√ľhl h√∂ren sollten, statt strikt Ern√§hrungsregeln zu folgen.

Achim-Achilles.de: Untersch√§tzen wir das K√∂rpergef√ľhl als Faktor f√ľr gesunde Ern√§hrung?

Ich arbeite in einer Klinik f√ľr Verhaltensmedizin. Ich wei√ü, wie alleine gelassen sich viele Menschen mit den altgedienten Ern√§hrungsempfehlungen f√ľhlen. Wenngleich sich die selben Menschen oft nichts sehnlicher w√ľnschen, als Hilfe in Ern√§hrungsfragen.

Andererseits wird die Rolle des K√∂rpergef√ľhls beim Essen stark untersch√§tzt, obwohl es eigentlich von zentraler Bedeutung ist.

Was kann K√∂rpergef√ľhl, was Ern√§hrungsempfehlungen nicht k√∂nnen?

Nicht jeder braucht beim Essen das gleiche. Dazu sind wir, obwohl wir alle Menschen sind, zum Teil doch sehr unterschiedlich in unseren Bed√ľrfnissen. Von der Erbmasse her, den Belastungen, vom Tagesrhythmus.

Hierzu gibt es immer mehr Belege aus der Forschung. Personalisierte Medizin heißt das. Doch der Körper sendet oft präzise Signale, was er braucht und was nicht passt. Ob bei der Art der Nahrung, der Menge oder beim richtigen Zeitpunkt.

"Der K√∂rper zeigt pr√§zise an, was seine Bed√ľrfnisse sind"

Und diese K√∂rpersignale kann man einfach so sp√ľren?

Dieses Gesp√ľr scheint uns angeboren zu sein, eine Art neurologische Grundausstattung. Erkenntnisse aus der modernen Nervenforschung deuten darauf hin. Nichts desto weniger haben viele von uns schon als Kinder diese F√§higkeit schon fast wieder verlernt oder sie sogar aberzogen bekommen.

Wie können solche Signale aussehen?

Geruch, Geschmack, Mundgef√ľhl, Bek√∂mmlichkeit. Sogar die Stimmung ver√§ndert sich je nach Nahrungsmittel-Passung. Ich wei√ü, das h√∂rt sich vollkommen banal an. Aber das ist es nicht.

Wir haben klinisch √ľber Jahre die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen diese Signale nur sehr oberfl√§chlich wahrnehmen k√∂nnen. Vielen ist √ľberhaupt nicht klar, wie pr√§zise der K√∂rper anhand der Sinne anzeigt, was seine Bed√ľrfnisse sind, bis sie sie √ľber ein gezieltes Training kennen und sp√ľren gelernt haben.

Das ist oft lebensver√§ndernd im positiven Sinne. Und es betrifft √ľberraschend viele Menschengruppen, selbst Fitnessinteressierte und Menschen, die sich verh√§ltnism√§√üig viel mit Ern√§hrung besch√§ftigen.

Nahrungsvorlieben können aber auch gesellschaftlich geprägt sein, oder?

Ja, sicher. Nichts desto weniger gibt der Körper immer auch Signale, ob er mit dem gesellschaftlich Erlernten zurechtkommt oder nicht. Ob es individuell passt, ob es bekömmlich ist.

Ich kenne Menschen, die gesellschaftlich auf eine bestimmte Kost gepr√§gt waren und dann im Training feststellen mussten, dass das viele Fleisch, das Bier, Mehlspeisen oder das M√ľsli ihnen √ľberhaupt nicht bekommen.

Da ist der Vorhang teilweise nach 45 Jahren Esstradition aufgegangen. Gro√üartig f√ľr die Menschen.

Kritiker könnten sagen, wir werden immer mehr ete petete und immer selbstverliebter, egoistischer und dass das nicht gut sein kann.

Das sehe ich anders. Nur wer seinen tats√§chlichen Bed√ľrfnissen nachkommt und sich so in Eigenliebe √ľbt, wird auf Dauer seine Lebenskraft bewahren k√∂nnen. F√ľr sich wie f√ľr andere.

Je h√∂her die Lebenserwartung und je mehr von Menschen verlangt wird, desto wichtiger wird es f√ľr jeden Einzelnen, herauszufinden was er wirklich braucht, um in seiner Kraft zu sein.

"Viele haben Probleme mit der Verwertung von Kohlenhydraten"

Sie sagen, die Ern√§hrungsbed√ľrfnisse k√∂nnen sich stark unterscheiden.

Das ist nach dem heutigen Stand wohl oft abhängig von der Genetik, aber auch vom individuellen Belastungsprofil und vom Tagesrhythmus. So gibt es offenbar massenhaft Menschen, die Probleme haben mit der Verwertung von größeren Mengen Kohlenhydraten wie Nudeln und Brot.

Wenn sie darauf nicht eingehen, m√ľssen sie mit Stoffwechselst√∂rungen rechnen.

Anderen bekommt das exzellent hin. Das gleiche gibt es auch bei pflanzlicher Kost, auch hier ist nicht alles f√ľr jeden Menschen gleich g√ľnstig, manchmal sogar sch√§dlich. Man denke dabei nur an die Gruppe Menschen, deren Nierensteinrisiko zunimmt, wenn sie gr√∂√üere Mengen Spinat essen, weil nicht jeder das enthaltene Oxalat vertr√§gt.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Nahrungsmittel, von denen man √§hnliche Mechanismen kennt. Bei S√ľ√üigkeiten und Fastfood deutet vieles auch auf individuell unterschiedliche Entgiftungskapazit√§ten hin, die letztlich entscheiden, wie sich eine Kost auf den betreffenden Menschen auswirkt.

Meine therapeutische Erfahrung ist, dass viele ganz von selbst bestimmte Essgewohnheiten fallen lassen, wenn sie erst einmal genauer auf ihre Körpersignale achten.

Warum fällt es uns so schwer, die Signale unseres Körpers zu beachten?

St√§ndig h√∂ren wir in den Massenmedien von einer neuen Ern√§hrungsform, die angeblich die beste sein soll. Vor f√ľnf Jahren war es Low Carb, heute vegan und morgen wieder Rohkost. Dieser Dogmatismus und dieses Hin und Her verunsichert die Menschen.

Ein Beispiel: Viele Menschen essen Vollkornprodukte, weil sie der Überzeugung sind, Vollkorn sei gesund. Tatsächlich gibt es aber viele Menschen, die Vollkorn gar nicht vertragen. Sie kriegen Bauchschmerzen, Blähungen oder schlimmere Symptome und ignorieren die Signale, die ihnen der Körper sendet. Sie vertrauen nicht auf die Weisheit ihres Körpers, ihre Somatische Intelligenz.

√úberforderung durch einen Mangel an Feingef√ľhl also...

Definitiv √∂fter, als wir vielleicht zuerst einmal glauben w√ľrden. Jemand, der sich beim Essen √ľbernimmt, indem er dauerhaft etwas mehr isst, als er vertr√§gt, √ľbernimmt sich oft auch an anderen Schaupl√§tzen im Leben.

Auf der Arbeit, beim eigenen Anspruch, in der Beziehung. Es geht also um Besonnenheit und darum, die Hilferufe, die der K√∂rper ihm sendet, verstehen zu lernen. Beim Essen wie im Leben. Erst, wenn ich wieder ein Gesp√ľr f√ľr meine individuellen Belange verbessere, kann ich auch besonnen handeln.

Persönlichkeitsentwicklung statt Diät

Dann ist f√ľr Sie Ern√§hrungsberatung im herk√∂mmlichen Sinne wirkungslos?

Das möchte ich so nicht unbedingt sagen. Was jedoch die meisten weit mehr bräuchten als eine Diät, sind Persönlichkeitsentwicklung, Eigenliebe und gezieltes Training der Körperwahrnehmung beim Essen. Darauf habe ich mich spezialisiert.

Wie sind Sie darauf gekommen, das Training von K√∂rpergef√ľhl in ihre Behandlungsformen aufzunehmen?

Statt Ernährungsempfehlungen auszusprechen, haben wir irgendwann angefangen, die Zeit zu nutzen um gezielt die Körperwahrnehmung beim Essen zu trainieren. Wir waren einfach nicht zufrieden mit den geringen Effekten einer konventionellen Ernährungsberatung.

Sie sagen, es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Faktor Ernährung und dem Auftreten von psychologischen Problemen?

Definitiv. Ein verbessertes K√∂rpergef√ľhl beim Essen senkt nachweislich das Risiko f√ľr Ersch√∂pfungssyndrome und chronische psychologische Stressbelastungen. Das gilt auch f√ľr ern√§hrungsbedingte Gewichtsprobleme und Stoffwechselst√∂rungen.

Wie kann man sich das vorstellen?

Bek√∂mmlichkeitsst√∂rungen im Magen-Darm-Trakt beeinflussen √ľber eine Art direkten Informationskanal zwischen Bauch und Kopf, inwieweit im Hirn die so genannten Gl√ľckshormone ausgesch√ľttet werden oder nicht.

Liegen Verdauungsst√∂rungen im Bauch vor, weil wir uns etwas einverleibt haben, was uns nicht bekommt, erzeugt das quasi auch einen dysharmonisierenden Impuls im Kopf. Vereinfacht aber korrekt kann man sagen: Je besser bek√∂mmlich, desto besser ist das auch f√ľrs Gem√ľt.

"Sich so ernähren, dass man gut im Leben steht"

Wie kann Pers√∂nlichkeitsentwicklung helfen, abzunehmen oder sich ges√ľnder zu ern√§hren?

Auf Dauer mehr zu essen, als einem gut tut, ist letztlich auch eine Form, sich zu √ľberfordern. So, wie man sich chronisch √ľberfordern kann in anderen Lebensbereichen, etwa mit Arbeit. Das ist eine Frage der Pers√∂nlichkeit, der Mentalit√§t.

Das geht nicht selten einher mit niedriger Selbstakzeptanz und einem gewissen Nachholbedarf in Sachen Eigenliebe. Das haben wir immer wieder erlebt und ber√ľcksichtigen das in unserer Arbeit.

Und was schlagen Sie zur Lösung vor?

Patentlösungen gibt es keine, auch wenn uns das immer wieder erzählen mag. Viele Menschen haben wirklich gute Erfahrungen gemacht mit der Methode, die wir an dem Institut entwickelt haben, an dem ich tätig bin: Systematisches Training der Körperwahrnehmung und gezielte Persönlichkeitsentwicklung.

Ein anderer Weg ist, sich so zu ern√§hren, dass man gut im Leben steht und Energie hat. Das kann ein Ausdruck von Eigenliebe und Wertsch√§tzug den eigenen Belangen gegen√ľber sein.

Wenn die da ist, wenn man die entwickeln konnte, fällt es einem auch leichter, beim Essen die eigene Körperwahrnehmung zu beachten und auf sie einzugehen. und sich so zu ernähren, dass es einem wirklich gut tut. An Leib und Seele.

 

Zur Person: Thomas Frankenbach, Jahrgang 1973, hat Ern√§hrungswissenschaften sowie psychosoziale und integrative  Gesundheitswissenschaften studiert. Er ber√§t weltweit F√ľhrungskr√§fte und Spitzensportler in K√∂rperwahrnehmung und K√∂rpersprache.

Er leitet den Fachbereich Ern√§hrung und Bewegung in einer Klinik f√ľr Verhaltensmedizin und ist wissenschaftlicher Leiter der Fuldaer Akademie f√ľr Somatische Intelligenz. Zu den Themen K√∂rperintelligenz und K√∂rpersprache hat er mehrere B√ľcher geschrieben, u.a.: ‚ÄěSomatische Intelligenz ‚Äď H√∂ren, was der K√∂rper braucht".

Aktueller Hinweis: Thomas Frankenbach hält im Februar Vorträge/ Workshops. Seine Termine finden sich auf www.thomas-frankenbach.de

 

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