„RegelmĂ€ĂŸige Bewegung senkt das Krebsrisiko“

Geschrieben von: Wendelin HĂŒbner

Jedes Jahr erkranken in Deutschland hunderttausende Menschen an Krebs – viele FĂ€lle könnten durch mehr Bewegung verhindert werden, glaubt der Sportmediziner Andreas Nieß. Im Interview erklĂ€rt er, warum regelmĂ€ĂŸiges Schwitzen vor der Volkskrankheit schĂŒtzt.

 

Herr Nieß, kann Sport wirklich vor Krebs schĂŒtzen?

Andreas Nieß: Studien haben gezeigt, dass regelmĂ€ĂŸige Bewegung das Risiko auf Darm-, Brust- und GebĂ€rmutterkrebs senken kann. Bei anderen Tumorarten ist die Datenlage derzeit noch weniger eindeutig. Umgekehrt geht man davon aus, dass in Europa zwischen 9 und 19 Prozent der Krebserkrankungen Folge von Bewegungsmangel sind.

Heißt dass, wenn man sich wenig bewegt, steigt das Krebsrisiko?

In der Tat wirkt sich der Lebensstil auf die Krebsentstehung aus. Neben dem Bewegungsmangel können FehlernĂ€hrung, Übergewicht und insbesondere Rauchen und Alkohol das Krebsrisiko erhöhen. Über welche Mechanismen im Körper Sport eine Schutzwirkung vor Krebs entfaltet, ist noch nicht abschließend geklĂ€rt. Dazu gibt es bisher nur eine Reihe von Hypothesen.

 

Prof. Dr. Andreas Nieß, Jahrgang 1962, ist Ärztlicher Direktor der Sportmedizin am UniversitĂ€tsklinikum TĂŒbingen. Nieß, frĂŒher selbst ambitionierter LĂ€ufer (Marathon in 2:23 Stunden), forscht unter anderem zum Thema Sport als KrebsprĂ€vention.

Was vermutet die Forschung denn?

Zum Beispiel, dass das Brustkrebsrisiko deshalb sinkt, weil Sport die Spiegel des weiblichen Geschlechtshormon Östrogen verringern kann. Beim Darmkrebs vermutet man, dass regelmĂ€ĂŸige Bewegung dafĂŒr sorgt, dass der Stuhl schneller den Darm passiert, was risikosenkende Effekte hat. Außerdem beugt Sport Übergewicht vor und hat Effekte auf unser Immunsystem. Auch darĂŒber könnte eine krebsprĂ€ventive Wirkung erklĂ€rt werden.

Welche Sport-Disziplin eignet sich am besten zur PrÀvention?

Es wurde noch nicht untersucht, welche Bewegungsarten die grĂ¶ĂŸte krebsvorbeugende Wirkung haben. Bisherige Studien deuten zwar an, dass Ausdauersport möglicherweise eher prĂ€ventiv wirkt als etwa ein reines Krafttraining. Aber letztgĂŒltig geklĂ€rt ist das noch nicht.

 

"Experten empfehlen 30 Minuten Bewegung an fĂŒnf Tagen wöchentlich"

 

Wie oft sollte man Sport treiben, um einen Vorbeuge-Effekt zu erzielen?

Beim Brustkrebs ist die Dosis-Wirkungsbeziehung bisher am besten untersucht. Das Risiko, an dieser Tumorart zu erkranken, reduziert man pro zwei Stunden Gehen wöchentlich oder pro einer Stunde Joggen wöchentlich um circa zehn Prozent. Experten der Fachgesellschaften empfehlen mindestens 30 Minuten moderate bis intensive Bewegung an fĂŒnf oder mehr Tagen wöchentlich.

Was ist entscheidender: die zeitliche Dauer und RegelmĂ€ĂŸigkeit des Trainings oder der Grad der Anstrengung?

Man sollte durchaus etwas ins Schwitzen geraten und das Training sollte regelmĂ€ĂŸig sein. Voraussetzung dafĂŒr ist die Freude an der Bewegung – weshalb man unbedingt einen Sport wĂ€hlen sollte, der einem auch liegt.

Was ist mit Menschen, die bislang keinen Sport getrieben haben - ist der Einstieg ab einem bestimmten Alter fĂŒr den Vorsorgeeffekt zu spĂ€t?

Nein, es ist nie zu spĂ€t, mit Sport anzufangen. Denn Bewegung kann nicht nur bei den genannten Krebsarten prĂ€ventiv wirken, sondern auch vor einer Erkrankung der HerzkranzgefĂ€ĂŸe oder dem Typ-2-Diabetes schĂŒtzen. Aber natĂŒrlich gilt: Je lĂ€nger man ein aktives Leben fĂŒhrt, desto besser.

Bewegung tut auch der Psyche gut – hat das gleichfalls einen Vorbeuge-Effekt?

Dazu gibt es bisher noch keine belastbaren Studienergebnisse. Ich schließe aber nicht aus, dass dieser Wirkungsmechanismus tatsĂ€chlich besteht.

 

"Training stÀrkt die Psyche von Krebspatienten"

 

Welche Rolle spielt Sport in der Krebstherapie selbst?

Es ist sinnvoll, dass ein vorsichtig dosiertes Ausdauertraining die Krebsbehandlung begleitet, denn es schwĂ€cht die drastischen Nebenwirkungen ab. So kann das Fatigue-Syndrom, – ein Erschöpfungszustand, der hĂ€ufig bei Krebspatienten auftritt  –, durch Training angegangen werden. Das Training stĂ€rkt die körperliche LeistungsfĂ€higkeit und die Psyche der Patienten, was letztendlich auch ihre LebensqualitĂ€t erhöht. Auch nach Ende der Krebstherapie ist Sport ein wichtiges Instrument zur Rehabilitation.

SchĂŒtzt Sport dann auch vor RĂŒckfĂ€llen?

In den vergangenen Jahren wurden fĂŒr Brust- und Darmkrebs erste Daten erhoben, die zeigen, dass Patienten, die sich viel bewegen, womöglich ein geringeres RĂŒckfallrisiko haben als weniger Aktive. Diese vielversprechenden Studienergebnisse mĂŒssen allerdings noch durch weitere Untersuchungen bestĂ€tigt werden.

Kann man sich durch Sport sogar selbst therapieren?

Nein, die Hoffnung, durch Sport allein eine Tumorerkrankung erfolgreich behandeln zu können, ist leider unberechtigt. Grundlage der Krebsbehandlung sind immer die bekannten operativen, chemo- oder strahlentherapeutischen Verfahren sowie auch weitere Therapieformen.

Interview: Wendelin HĂŒbner

 

 

cover-buch-sandra-ottoÜber ihre Erfahrungen schreibt Sandra Otto in dem E-Book "Laufen mit, trotz, gegen Brustkrebs: Wie ich um mein Leben renne", erschienen in der "Achim Achilles Bewegungsbibliothek". Das Buch kann hier gekauft werden (Link zu Amazon). Ein Euro pro verkauftem Buch wird an das "Haus Leben Leipzig" gespendet.

 (Afflilite/Werbung)

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