Fr├╝hlingsgef├╝hle vs. Fr├╝hjahrsm├╝digkeit: Warum Licht uns bewegt

Geschrieben von: Frank Joung
Anna-Achilles-joggt-im park

Im Fr├╝hling spielen die Hormone verr├╝ckt? Ein Ammenm├Ąrchen! Der Endokrinologe Helmut Schatz erkl├Ąrt, was es mit den Fr├╝hlingsgef├╝hlen wirklich auf sich hat ÔÇô und was der Geruch von modrigem Laub damit zu tun hat.

Achim-Achilles.de: Herr Professor Schatz, die Deutschen haben sehns├╝chtig auf den Fr├╝hling gewartet. Welche Auswirkungen haben w├Ąrmere Tage auf unser Wohlbefinden?

Helmut Schatz: Entscheidend f├╝r die sogenannten Fr├╝hlingsgef├╝hle ist das Licht, nicht so sehr die W├Ąrme. Wenn die Tage l├Ąnger werden und das Sonnenlicht intensiver wird, produziert unser K├Ârper weniger Melatonin, ein Hormon, das bei Dunkelheit in der Nacht ausgesch├╝ttet wird und den Wach-Schlaf-Rhythmus bestimmt. Die Menschen kommen mit weniger Schlaf aus und f├╝hlen sich frischer. Zudem steigt das Gl├╝ckshormon Serotonin.

Viele Menschen haben im Fr├╝hling Schmetterlinge im Bauch. Es wird mehr geflirtet. Vor allem M├Ąnner scheinen vor Testosteron nur so zu platzen.

Viele sind der Meinung, dass die Sexualhormone im Fr├╝hling verr├╝ckt spielen und deswegen verliebe man sichÔÇô das ist ein Ammenm├Ąrchen. Die Hormone sind seit Millionen von Jahren reguliert. Die spielen nicht verr├╝ckt ÔÇô auch nicht im Fr├╝hling. Die Geschlechtshormone haben nichts mit Verliebtsein und Turteln zu tun.

"Wenn es so riecht, dann kommt der Fr├╝hling"

Woher kommen die Fr├╝hlingsgef├╝hle dann?

Zun├Ąchst einmal ist es ein psychologischer Faktor. Wenn die Natur erwacht, dann erwacht der Mensch. Wir sind ja ein Teil der Natur.  Um es mit Herman Hesse zu sagen: ÔÇÜUnd jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.ÔÇÖ Immer wenn man etwas neu anf├Ąngt, macht man es mit Schwung. Und wenn die Bl├╝ten rauskommen, f├╝hlt man sich beschwingt.

Das ist alles?

Dann sind da die optischen Reize: Die Menschen gehen nicht mehr verh├╝llt in dicken Kapuzenm├Ąnteln, sondern leichter bekleidet durch die Stra├čen. Die M├Ąnner schauen den Damen in Minir├Âckchen gerne auf die Beine und auf den Busen. Die Frauenwelt blickt auf kr├Ąftige M├Ąnnerarme und den knackigen Po ÔÇô habe ich mir sagen lassen (lacht).Im Fr├╝hling sieht man wieder helle, kr├Ąftige Farben statt dunkle, braun-gr├╝ne T├Âne. Das f├╝hrt alles zu positiven Gef├╝hlen.

Der Fr├╝hling k├╝ndigt sich nicht nur ├╝ber optische Reize an, er hat auch einen eigenen undefinierbaren Geruch. Wieso macht Fr├╝hlingsduft gute Laune?

In Eduard M├Ârikes Gedicht hei├čt es: ÔÇÜFr├╝hling l├Ąsst sein blaues Band wieder flattern durch die L├╝fte; S├╝├če, wohlbekannte D├╝fte streifen ahnungsvoll das Land.ÔÇÖ Das Aroma des beginnenden Fr├╝hlings ist aber nicht s├╝├č. Es ist der Geruch der schneebefreiten Erde. Gras, Moos und Laub, das modert. Wenn man diese ahnungsvollen D├╝fte hat, ahnt man nur, dass es wieder bunt und bl├╝hend wird. Weil der Mensch diese Ger├╝che seit der Kindheit im Hippocampus, in tiefen Hirnregionen, abgespeichert hat, wei├č er: Aha, wenn es so riecht, dann kommt der Fr├╝hling.

Das hei├čt, Fr├╝hlingsgef├╝hle sind sozial gelernt?

Eher von der Natur gelernt. In anderen L├Ąndern erleben die Menschen den Fr├╝hling nat├╝rlich ganz anders. Oder sie kennen ihn gar nicht, wie zum Beispiel am ├äquator, wo es keine Jahreszeiten gibt. Man sagt, dass die europ├Ąische Kultur sich so schnell entwickeln konnte, weil die Europ├Ąer die Jahreszeiten haben. Jahreszeiten sind ein anregendes Element f├╝r kulturelle Leistungen. Man muss Vorratshaltung f├╝r Herbst und Winter betreiben oder etwa wetterfeste H├Ąuser bauen,  gegen K├Ąlte, Schnee und Eis und nicht nur Laubh├╝tten gegen den Regen.

"Es muss auch mal Regen und schlechte Laune geben"

Ist es nicht erschreckend, dass das Wetter so einen starken Einfluss auf unsere Laune und unseren K├Ârper hat?

Wieso? Ist doch sch├Ân. Es gibt ein Volkslied, da hei├čt es sinngem├Ą├č: ÔÇÜWenn es die Nacht nicht g├Ąbe, w├ĄrÔÇÖ der Tag auch nicht sch├Ân, wenn es den Regen nicht g├Ąbe, w├Ąre die Sonne nicht sch├Ân.ÔÇÖ Es muss auch mal Regen und schlechte Laune geben, Abwechslung ist wichtig.

Diesen Wechsel f├╝hren viele Deutsche k├╝nstlich herbei, indem sie im Winter in den S├╝den fliegen um Sonne zu tanken. Schaden Fernreisen dem Hormonsystem?

Nein, das Hormonsystem ist unglaublich robust und auch anpassungsf├Ąhig. Bei einem winterlichen Stimmungstief kann es schon helfen, auf diese Weise mehr Sonnenlicht aufzunehmen.  Man wei├č, dass bei Depressiven der Melatonin-Spiegel hoch ist und Licht einen positiven Einfluss auf die Krankheit hat. Die Patienten setzt man dann in Lichtkammern. Das Problem ist, dass das Licht sehr stark sein muss ÔÇô 2.000 bis 10.000 Lux. Zum Vergleich: Eine normale Gl├╝hbirne hat etwas 50 Lux, ein tr├╝ber Wintertag aber bereits 3.000.

Spazierengehen im Winter macht also durchaus Sinn. Stattdessen warten alle auf den Fr├╝hling und rennen in die Parks, um zu joggen. Warum haben wir im Fr├╝hling mehr Bewegungsdrang?

Zum einen, weil wir weniger Schlafhormon in uns haben und uns aktiver f├╝hlen. Zum anderen steigen die antreibenden Hormone, Adrenalin und Dopamin. Dopamin ist ein Stoff, der den Puls antreibt und uns agiler macht. Wenn wir verliebt sind, geht das Dopamin auch rauf. Viel entscheidender ist aber die Natur. Wenn es hell und trocken ist, dr├Ąngt man nach drau├čen und will sich ausleben. Bei Tieren ist es auch nicht anders. Wenn Sie Ihrer Katze die T├╝r aufmachen und drau├čen ist es sch├Ân, st├╝rmt sie raus. Wenn es schneit und kalt ist, verkriecht sie sich wieder ins K├Ârbchen. Das sind ├Ąu├čere Faktoren ÔÇô das hat mit Hormonen direkt nichts zu tun.

Interessanterweise stellt sich aber auch die Fr├╝hjahrsm├╝digkeit ein. Was passiert da hormonell?

Es gibt nur wenige, die eine echte Fr├╝hjahrsm├╝digkeit haben. Das Ph├Ąnomen wird ein wenig hochgespielt. Vielfach sind es depressive Stimmungslagen, die dann rauskommen, wenn im Fr├╝hling alle rausgehen und gut gelaunt sind. Man wei├č nicht mal genau, was eine Fr├╝hjahrsm├╝digkeit tats├Ąchlich ist oder woher sie kommt, sie spielt auf jeden Fall keine gro├če Rolle. Es mag ein ├ťberhang an Melatonin aus der dunkleren Zeit sein. Dann sollte sie nach ein bis zwei Wochen wieder weg sein. Sonst wird vielleicht jetzt eine unterschwellige Depression offenkundig. Mein Tipp: Einfach rausgehen, sich im Freien bewegen und den Fr├╝hling genie├čen.


Zur Person: Prof. Dr. h.c. Helmut Schatz, Jahrgang 1937, ist Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft f├╝r Endokrinologie (DGE), Hormone und Stoffwechsel. Der ├ľsterreicher ist emeritierter Direktor der Medizinischen Universit├Ątsklinik Bergmannsheil der Ruhr-Universit├Ąt Bochum und passionierter Wintersportler.

Interview: Frank Joung

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