Vernetztes Bindegewebe: "Faszien halten alles zusammen"

Geschrieben von: Frank Joung
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Rückenschmerzen, Sportverletzungen – häufig sind die Faszien Schuld. Das Bindegewebsnetz unter der Haut ist wichtig für unser Wohlergehen. Faszienforscher Robert Schleip erklärt, wozu Faszien gut sind und was wir tun müssen, um sie in Form zu halten.


Achim-Achilles.de: Herr Schleip, was sind Faszien?

Robert Schleip: Unser Körper ist umhüllt von einer Art Verpackungsmaterial, das unter der Haut liegt. Es ist ein alles miteinander vernetzendes, faseriges Netz aus Bindegewebe, etwa ein 0,3 bis drei Millimeter dick.

Wozu braucht der Mensch Faszien?

Sie geben dem Körper Form, er würde sonst auseinanderfallen. Wenn Sie einen Muskel nehmen und seine Faszienhüllen auflösen, zerläuft der Muskel wie Sirup. Es ist ein wenig so wie bei der Weißwurstpelle. Faszien halten alles zusammen. Ob der Oberarm straff oder wackelpuddingartig aussieht, hängt im Wesentlichen von der Spannung dieser Hülle ab.

Kann ich Faszien trainieren?

Bei den meisten sportlichen Betätigungen werden die Faszien mittrainiert. Das Problem ist aber: Das Bindegewebe wächst langsamer als Muskeln und wird so häufig überbelastet. Faszientraining ersetzt das normale Kraft- und Ausdauertraining nicht, sondern ergänzt es.

"Das Bindegewebe braucht Zeit"

Wie merke ich, dass meine Faszien nicht richtig intakt sind?

Wenn Sie einen jugendlichen, federnden Laufstil haben, kann man davon ausgehen, dass die Faszien auch in jugendlicher Form und Architektur sind. Aber wenn man das Gefühl hat, dass sich der Körper spröde oder teigig anfühlt, ist das kein gutes Zeichen. Die Achillessehnen von Antilopen oder Kängurus zum Beispiel haben eine hohe Elastizität. Sie funktionieren wie Sprungfedern. Vor wenigen Jahren haben Wissenschaftler entdeckt, dass wir Menschen eine ähnliche Veranlagung haben – zumindest in jungen Jahren.

Was schädigt Faszien?

Stubenhocken oder Überlastung. Wenn Sie ein Gelenk vergipsen – und das machen wir teilweise, wenn wir die Füße mit festem Schuhwerk kalt stellen - dann verfilzt das Fasziennetz. Ein ähnlicher Effekt entsteht, wenn wir uns überfordern. Ich bin eigentlich ein Anhänger des Barfußlaufens. Aber die jüngste Forschung hat gezeigt, dass dieser Weg zum natürlichen Laufen, der zurzeit propagiert wird, viel langsamer ablaufen muss.

Das Bindegewebe braucht Zeit, und viele übertreiben es mit dem Barfußlaufen. Der Fuß kommt nicht mit – und dann kommt es zu Überlastungsschäden. Es läuft ähnlich wie bei einem schwäbischen Bausparvertrag: Man muss Geduld haben, kleine Einzahlungen tätigen, und dann wird man am Ende reichhaltig belohnt.

Inwieweit wirkt sich das Bindegewebsnetz auch auf Rückenschmerzen aus?

Man weiß, dass die Bandscheibe nur für eine geringe Anzahl von Rückenschmerzen verantwortlich ist, vielleicht geschätzte 20 Prozent. Bei den anderen 80 Prozent tappt man noch im Dunkeln. Jetzt kommt als heißer Player die Lendenfaszie dazu, also die Umhüllungen der unteren Rückenmuskeln. Wie man erst vor kurzem fest gestellt hat, ist diese Faszie sehr reichhaltig mit freien Nervenendigungen bestückt ist – und wartet im Grunde nur darauf, Schmerzen auszulösen. Auch Stressbotenstoffe können Faszien schädigen. Emotionale Grundspannungen, Stress, können dann offenbar ganze Körperregionen spröde und steifer werden lassen.

Und da kommen dann Therapiemaßnahmen wie Akupunktur, Osteopathie oder eben Rolfing ins Spiel. Alternative Heilmethoden stehen ja schnell im Esoterik-Verdacht.

Die Faszien wurden bis vor rund acht Jahren völlig vernachlässigt – weil man wenig quantitativ messen konnte. Bei Knochen können wir röntgen, und um Muskeln zu untersuchen, setzen wir das EMG ein.

Bei den Faszien konnte immer nur der Osteopath sagen, wo es sich subjektiv hart anfühlt. Das war nicht befriedigend. Aber jetzt gibt es neue Messinstrumente, die nicht esoterisch sind, die uns knallhart im Reagenzglas und vor allem im hochauflösenden Ultraschall zeigen, wie es aussieht.

 

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