Mythos Endorphine: Warum Laufen glĂŒcklich macht

Geschrieben von: Frank Joung
Karnten lauft Spitzenlaufer-b

Warum schnĂŒren Millionen von Menschen in der Welt tagtĂ€glich ihre Sportschuhe um zu laufen? Weil Laufen glĂŒcklich macht. Doch was genau löst das GefĂŒhl von Wohlbefinden, Enstpanntheit, ja sogar Euphorie aus? Antwort: Das weiß keiner genau. Auch nicht die Wissenschaft.


Seit mehr als 40 Jahren werden die Endorphine fĂŒr die GlĂŒcksgefĂŒhle beim Sport verantwortlich gemacht – und das, obwohl diese Theorie schon seit Jahrzehnten umstritten ist. „Niemand weiß sicher, ob das Wohlbefinden beim Sport von Endorphinen ausgelöst wird", sagt Fernando Dimeo, Sportmediziner der CharitĂ©. „Es ist eine einfache, plakative Behauptung – die nicht zu beweisen ist."

Endorphine sind Schmerzstiller, keine WohlfĂŒhler

Vieles spricht sogar gegen die Endorphin-Theorie, denn die körpereigenen Morphine sorgen dafĂŒr, dass man „bei Verletzungen keine oder weniger Schmerzen verspĂŒrt", schreiben Lutz Aderhold und Stefan Weigelt in ihrem Werk „Laufen". Endorphine haben also eine ganz andere Aufgabe: Sie sind Schmerzstiller, keine WohlfĂŒhler. Sie sollen Extremsituationen ertrĂ€glicher machen.

Aber ob sie auch dafĂŒr sorgen, dass man den Marathon mĂŒhelos bewĂ€ltigt, ist unwahrscheinlich. Das GlĂŒcksgefĂŒhl entsteht im Gehirn, nicht im Körper", sagt Dimeo. Endorphine wĂŒrden aber bislang nur im Blut nachgewiesen, ins Gehirn drĂ€ngen sie nicht.

Laut Dimeo gibt es viel heißere VerdĂ€chtige, die fĂŒr das Wohlbefinden sorgen könnten. VerdĂ€chtiger Nummer 1 sind Endocannabinoide. Das sind körpereigene Substanzen, die den Menschen in einen rauschhaften Zustand versetzen können, Ă€hnlich wie es Drogen wie Cannabis tun.

Sie binden sich an Dockstellen im Gehirn, die eigentlich fĂŒr andere Zellen vorgesehen waren. Sportliche AktivitĂ€t, so lautet die These, fĂŒhre zu einer vermehrten AusschĂŒttung von körpereigenen Cannabinoiden. Laut Aderhold und Weigelt steigere somit das Wohlbefinden. Man spĂŒre weniger Schmerz und weniger Ängstlichkeit.

GlĂŒckshormone und der Flow-Moment

VerdĂ€chtiger 2: Wer Sport treibt, erhöht erhöht die Menge an Serotonin und anderen Botenstoffen wie Dopamin, Adrenalin und Noradrenalin. Diese werden oft auch als „GlĂŒcks"-Hormone bezeichnet und sollen fĂŒr die bessere Stimmung verantwortlich sein.

Bei dem dritten VerdĂ€chtigen im Bunde dreht sich alles um wiederkehrende, rhythmische Bewegungen. Viele LĂ€ufer berichten von einem „Flow"-Moment, oft auch als Runner's High bezeichnet. Ein rauschĂ€hnlicher Zustand, in dem alles fließt und man quasi „von alleine lĂ€uft".

Wer öfter mal lÀnger lÀuft, wird auch das PhÀnomen kennen: Dass Probleme nach einem lÀngeren Lauf plötzlich nicht mehr ganz so negativ wahrgenommen werden wie vorher, obwohl sich objektiv an der Situation nichts geÀndert hat. Oder: Dass man auf neue Ideen kommt.

Die gleichbleibenden, rhythmischen Bewegungen haben anscheinend einen positiven Effekt auf die Psyche. Auch in der Traumatherapie macht man sich dieses PhĂ€nomen zunutze. In der EMDR-Therapie (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) werden die Patienten mit traumatischen Erlebnissen konfrontiert. Gleichzeitig soll der Patient die Augen hin- und herbewegen. Diese wiederholenden Augenbewegungen fĂŒhren anscheinend dazu, dass das Gehirn sich neu sortiert, das Negativerlebnis integriert und als Vergangenes abspeichert.

Wohlbefinden durch Rhythmus

Die EMDR-Therapie klingt einfach – und ist sehr effektiv. „Man muss nicht unbedingt die Augen bewegen, um einen Effekt zu erzielen", sagt Dimeo. Die EMDR-Therapie funktioniere auch mit Tönen oder mit rhythmischen Handbewegungen. Oder mit den FĂŒĂŸen? Tack, Tack, Tack, Tack – auch beim Laufen scheint es diese rhythmische Stimulation durch die Schrittfolge zu geben. Es könnte also sein, dass derselbe Mechanismus, der bei der EMDR-Therapie zur Geltung kommt, auch fĂŒrs Laufen gilt.

Warum tut Sport gut? Die Frage ist zwar wissenschaftlich noch nicht eindeutig beantwortet, scheint aber vielen auch egal zu sein. Kaum einer scheint die positive Wirkung von sportlicher Bewegung infrage zu stellen. Die Frage, die sich viele eher stĂ€ndig stellen, ist: Warum treibe ich nicht mehr Sport, obwohl ich weiß, dass er mir gut tut? Diese Frage kann jeder nur selbst beantworten.


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