Risiko Extremlaufen: "Marathon ist Oktoberfest"

Geschrieben von: Frank Joung

Marathon hat ein positives Image – zu Unrecht. Denn die Risken des Langstreckenlaufs werden unterschätzt, sagt der Berliner Sportarzt Fernando Dimeo. Man könne ihn unbeschadet überstehen, aber nur unter bestimmten Bedingungen.

Laufen boomt. Immer mehr Menschen wagen sich laufend an immer längere Strecken. Früher stellten Marathons Nischenveranstaltungen dar, heute läuft die Masse bei "Lauf-Events" mit. 1974 nahmen nicht einmal 300 Menschen am Berlin-Marathon teil, vierzig Jahre später waren fast 40.000 gemeldet.

"Marathon ist mittlerweile eine gesellschaftliche Mutprobe", schreibt der Arzt Lutz Aderhold in dem Buch "Laufen".

Doch gerade bei der Königsdisziplin Marathon würden viele Hobbysportler Leistungssport betreiben, ohne darauf angemessen vorbereitet zu sein, sagt Piet Könnicke, Lauftrainer von gotorun aus Potsdam. Sie unterschätzen die Anstrengung, die Risiken und die Gefahren.

 "Die wenigsten haben sich damit auseinandergesetzt, welch wahnsinnige Energieleistung ein Lauf über 42,195 Kilometer bedeutet, und dass es lange Zeit braucht, bis man seine körperliche Belastungsverträglichkeit dafür entwickelt."

"Marathon ist eine Übertreibung"

Ausdauersportart ist gesund – wenn man ihn moderat ausübt, sagt Sportarzt Fernando Dimeo vom Zentrum für Sportmedizin Berlin: "Aber Marathon ist eine Übertreibung."

Es sei wie mit der Umgang mit Alkohol. Ein gelegentliches Glas Wein fördere die Gesundheit, mache Spaß, Genuss. "Marathon ist aber Oktoberfest. Und niemand würde behaupten, dass das gesund ist."

Der Lauf über 42 Kilometer  ist Exzess. Eine extreme Party, bei der man danach verkatert darum ringt, sich gesundheitlich wieder aufzupäppeln. Und gerade für Laufanfänger, Untrainierte oder Vorgeschädigte kann es wirklich gefährlich werden.

Fernando Dimeo war selber ein Top-Marathonläufer. Er hat seinen ersten Marathon in 2:26 Stunden absolviert. Seine Bestzeit liegt bei 2:19. Das sind Profi-Zeiten.

"Ich war 25 Jahre, wog 55 Kilo und hatte vor meinem ersten Rennen acht bis neun Jahre trainiert. Ich habe mich langsam herangearbeitet und war gut trainiert. Es geschah nicht aus einer Bierlaune heraus."

Wer jung, gesund und vor allem ausreichend trainiert ist, kann die Marathon-Belastung ohne längerfristige Schäden überstehen, sagt Dimeo. Doch wer durch hohes Alter, Unsportlichkeit oder chronische Krankheiten vorbelastet ist, gefährdet sich.

Sportärztliche Untersuchungen vorab wären wichtig

Laut Lutz Aderhold ("Laufen") sind vor allem Sportanfänger oder Untrainierte in Gefahr, weil sie ein bis 50-mal höheres Risiko für kardiovaskuläre Zwischenfälle bei sportlicher Betätigung hätten.

"In Deutschland nimmt allerdings nur etwa die Hälfte aller Ausdauersportler sportmedizinische Vorsorgeuntersuchungen wahr", schreibt er.

Piet Könnicke schätzt die Zahl sogar noch geringer ein. "Ich würde sagen, es sind höchstens drei von zehn Marathonteilnehmer, die vor dem Training zu einem Arzt gehen."

Dabei wäre genau diese sportärztliche Untersuchungen so wichtig, um im Vorfeld Risikofaktoren auszuschließen. Medizinische Studien haben gezeigt, dass ein Marathonlauf kleine Schädigungen im Herzmuskel verursacht. Zwar würde der Muskel sich davon nach gewisser Zeit erholen.

"Aber ich möchte keine vorübergehende Schädigung im Herzen haben", sagt Dimeo. "Das ist so wie ein vorübergehender Herzinfarkt – den möchte ich auch nicht."

Gefährliche Motivation: "Nur die harten kommen in den Garten"

Abgesehen vom Herzproblemen haben Läufer sehr häufig mit akuten Verletzungen zu kämpfen. Gelenkbeschwerden, Muskelrisse, Magen-Darm-Blutungen seien nicht selten, sagt Dimeo.

Viele Freizeit-Marathonläufer ignorierten Vorbelastungen, Beschwerden und Krankheiten. Schnupfen, Fieber, Grippe passen schlecht in den rigorosen Trainingsplan. Sie nehmen entzündungshemmende und schmerzlindernde Medikamente wie Ibuprofen oder Voltaren, ganz nach dem Motto "Nur die Harten kommen in den Garten."

Der Leistungsdruck geht manchmal soweit, dass Marathon zum Tod führt. Dimeo hält das nicht für überdramatisiert.

"Laut Statistiken liegt die Sterberate bei rund 1: 100.000. Das heißt, bei den Stadtmarathons stirbt einer von hunderttausend Teilnehmern im Durchschnitt auf der Strecke."

Was wenig klingt, hält Dimeo für extrem hoch. "Die Fußball-Bundesliga hat im Schnitt mehr als 700.000 Zuschauer pro Spieltag. Hochgerechnet würden bei dieser Sterblichkeitsrate jedes Wochenende sieben Menschen in deutschen Fußballstadien sterben."

In den Statistiken würden auch nur die Teilnehmer berücksichtigt, die direkt an der Marathonstrecke sterben. "Ich habe als Arzt selbst Menschen versorgt, die während des Marathons zusammengebrochen sind oder ihn beendet haben und erst auf dem Weg nach Hause Herzbeschwerden bekommen haben – als direkte Folge des Marathons."

Marathon ist und bleibt ein Extremsport

Ob trainiert oder nicht: Ein Marathon ist meist so anstrengend, dass die Teilnehmer mehrere Wochen, sogar Monate benötigen, sich davon physisch und psychisch zu erholen. Selbst Marathonprofis laufen selten mehr als zwei Wettbewerbe im Jahr.

"Die Menschen vergessen: Marathon ist und bleibt ein Extremsport, auf den Läufer sich lange vorbereiten müssen. Auch wenn es mittlerweile Menschen gibt, die noch wildere Sachen machen", sagt Piet Könnicke.

Er empfiehlt Laufanfängern eine Vorbereitungszeit von drei Jahren – worauf ihm viele antworten: "Das schaffe ich schneller."

Bewegung ist gesund. Ausdauersport ist gesund. Sie senkt den Blutdruck, kann vor Lungenerkrankungen, Diabetes, Depressionen, Krebs schützen.

Doch wer sich beim Marathon deutlich überlastet, fährt seine Körpersysteme in den roten Bereich. Und das ist alles andere als gesundheitsdienlich.

Ist das Runners´s High ein Mythos?

"Aus privater Sicht kann ich verstehen, dass die Menschen Marathon laufen möchten: Sie wollen etwas erleben, an ihre Grenzen gehen und bewundert werden. Aber aus medizinischer Sicht kann ich Marathon nicht empfehlen", sagt Dimeo.

Piet Könnicke sieht auch die Laufveranstalter mehr in der Pflicht. "Da geht's immer primär um das Erlebnis, weniger um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der sportlichen Leistung."

Das Glücksgefühl, dass viele Marathonis überkommt, wenn sie ins Ziel gelangen, entstehe im Übrigen nicht durch den Marathonlauf selbst, meint Dimeo. "Ein Runner's High hatte ich noch nie. Ich war glücklich, weil ich mir ein hohes Ziel gesetzt und es erreicht habe – und vor allem war ich happy, als ich den ganzen Mist hinter mir hatte."

 

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