Sportmediziner Ulrich Nieper: „Viele MarathonlĂ€ufer trainieren sich kaputt“

Geschrieben von: David BedĂŒrftig

Die Marathonsaison geht in die heiße Phase. Sportmediziner Uli Nieper spricht im Interview ĂŒber die langfristige Vorbereitung fĂŒr die 42 Kilometer, Rezepte gegen MuskelkrĂ€mpfe – und den Mythos Runner’s High.

Achim-Achilles.de: Herr Nieper, ĂŒber 100.000 deutsche Marathon-Finisher gibt es jedes Jahr. Wer sollte besser die Finger bzw. die FĂŒĂŸe von dem Lauf lassen?

Ulrich Nieper: Viele der heutigen MarathonlĂ€ufer ĂŒberfordern sich, nur einem von 100 Patienten in meiner Praxis kann ich den Marathon empfehlen. Die meisten LĂ€ufer sind nach fĂŒnf oder sechs Stunden Marathon körperlich komplett kaputt. Hat man orthopĂ€dische Probleme, Herzleiden oder wiegt 100 Kilogramm mit einem hohen Fettanteil, ist ein Marathon nicht zu empfehlen.

Welche Fehler werden oft begangen?

TĂ€glich acht Stunden Fließbandarbeit sind an sich schĂ€dlicher als einmalig ein Marathon in vier oder fĂŒnf Stunden.

Wenn man das Training also vernĂŒnftig aufbaut und sich professionell beraten lĂ€sst, dann ist medizinisch nichts gegen dagegen einzuwenden. Es gibt aber den Biertischwetten-LĂ€ufer, der nur etwa 20 Kilometer pro Woche trainiert und dann einen Marathon lĂ€uft. Damit kann er sich körperlich hinrichten. Andere wiederum trainieren so viel, dass sie ihre Körper schon vor dem Wettkampf komplett kaputt schinden.

Langfristige und genaue Planung

Wie bereitet man sich denn richtig vor?

Einen Marathon muss man langfristig und genau planen: Der Otto-Normal-Sportler braucht etwa drei bis vier Jahre, um die BĂ€nder, die Muskeln und den Stoffwechsel so zu trainieren, dass er einen Marathon und das Training vernĂŒnftig durchsteht. Man sollte erst 10-Kilometer-LĂ€ufe machen, im zweiten oder dritten Jahr Halbmarathon laufen und sich dann erst an einem Marathon versuchen.

Das machen aber viele nicht so. Eher wird Weihnachten der Marathon beschloßen und gleich im nĂ€chsten Jahr gelaufen. Das ist gefĂ€hrlich und unsinnig.

Stichwort planen: Lohnt es sich, vor einem Marathon die ErnÀhrung umzustellen?

Es ist immer sinnvoll, auf die ErnĂ€hrung zu achten. Ich wĂŒrde aber meine ErnĂ€hrung nie komplett umstellten. Die meisten Sportler ernĂ€hren sich eh vernĂŒnftig. Man sollte sich bewusst und ausgewogen ernĂ€hren. Saltin-DiĂ€ten vor dem Rennen, eine extreme Form des Carboloading, oder auf den Vegan-Trend aufzuspringen, kann ich zum Beispiel nicht empfehlen.

"Falscher Ehrgeiz ist fehl am Platz"

Und worauf muss ich beim Rennen achten?

Auch der Lauf will geplant sein: Nicht zu schnell starten, sich beim ersten Marathon keine Zielzeit vornehmen und etwas Nahrung einpacken fĂŒr den Moment, wenn die Energie am Ende ist.

Wann sollte ich lieber aussteigen?

SpĂŒren LĂ€ufer die Alarmzeichen Schwindel, Übelkeit, oder Brustschmerzen sollten sie unbedingt aufhören. Bekommt man Schmerzen in Knie, HĂŒfte oder RĂŒcken, dann bremsen die einen sowieso. Da ist falscher Ehrgeiz fehl am Platz!

Woher kommen Schwindel oder Übelkeit?

Diese Symptome können zum Beispiel auftreten, wenn die Kohlenhydratspeicher aufgebraucht sind, wie es nach anderthalb bis zwei Stunden meist der Fall ist.

Bei KrĂ€mpfen helfen FlĂŒssigkeit und Kohlenhydrate

Was mache ich gegen MuskelkrÀmpfe?

Meist ist die Ursache eine Überbelastung, die zu Dehydration und vorzeitigem Energiemangel fĂŒhrt. Da hilft nur schnell etwas trinken und Kohlenhydrate zu sich zu nehmen. Vorbeugend sollte man beim Rennen alle halbe Stunde ein Energie-Gel essen.

Tritt ein Krampf auf, sollte man sofort die Geschwindigkeit reduzieren und versuchen langsam weiter zu laufen, wenn es geht. Meist löst er sich dann nach 45 bis 60 Sekunden von selber.

Zu welchen Verletzungen kommt es am hÀufigsten?

Ganz klar: ÜberlastungsschĂ€den an Sehnen, Band und Kapselapparat an erster Stelle. Wie zum Beispiel Achillessehnenbeschwerden oder ErmĂŒdungsbrĂŒche im Fußbereich, oder das Runner’s Knee, eine SehnenansatzentzĂŒndungen am Kniegelenk. Die Knie- und Sprunggelenke werden auf dem harten Asphalt besonders belastet.

In den letzten Jahren wurde Vorfußlaufen stark propagiert, allerdings bin ich als OrthopĂ€de kein Fan davon, den Laufstil extrem umzustellen. Ich sehe in meiner Praxis die Resultate in Form von Achillessehnen-, Wadenproblemen und VorfußbrĂŒchen. Vorfußlaufen lohnt sich nur, wenn man sehr schnell laufen will, also deutlich unter einem 3.30-Minuten-Schnitt pro Kilometer.

Muss man sich vor einem Marathon vom Arzt durchchecken lassen?

Ja, auf alle FĂ€lle sollten LĂ€ufer einen Belastungs-EKG machen, um sich auf versteckte Herzfehler oder HerzmuskelentzĂŒndungen zu testen, die man im Alltag nicht merkt. Da muss man echt aufpassen. Bei jedem Marathon fĂ€llt mindestens einer tot um. Zu 99 Prozent kann man das ausmerzen, wenn man sich vorher korrekt durchleuchten lĂ€sst. Auch sich orthopĂ€disch durchchecken zu lassen, lohnt immer.

"Der Marathon wird im Kopf gewonnen"

Was passiert medizinisch, wenn bei Kilometer 30 der Mann mit dem Hammer steht?

Wenn man das Rennen zu schnell angeht, kann er auch schon bei Kilometer 20 zuschlagen. Das ist der Zeitpunkt wenn die Kohlehydratspeicher komplett leer sind. Dazu ist man unterzuckert, will und kann nicht mehr. Da hilft nur: Energie zufĂŒhren, etwas langsamer laufen und ZĂ€hne zusammenbeißen (lacht). Die Phase dauert 5 bis 20 Minuten, dann wird es meist besser. Der Marathon wird im Kopf gewonnen.

Auf den letzten Kilometern erleben LĂ€ufer angeblich oft das Runner’s High. Ein Mythos?

Ganz ehrlich: Ich hatte das noch nie. Wenn der Mann mit dem Hammer kommt, dann haut spĂ€testens der mir die GlĂŒckshormone aus dem Kopf raus. Das wird also sehr individuell empfunden.

Ich denke, da wird als Mobilisierung der letzten KrĂ€fte manchmal zusĂ€tzlich vermehrt Adrenalin ausgeschĂŒttet, was den `Schub` dann ausmacht. Interessanter Weise höre ich das mit den GlĂŒckshormonen eher von Frauen. Vielleicht gehen sie nicht so ans Limit wie MĂ€nner und laufen vernĂŒnftiger und eine gleichmĂ€ĂŸigere Pace. MĂ€nner als Alphatierchen wollen immer gleich vorneweg laufen und verausgaben sich oft mehr.

 

Zur Person: Ulrich Nieper studierte Medizin an der LMU MĂŒnchen und arbeitete als operativer Oberarzt mit Leitung der SportorthopĂ€die in der Schön Klinik MĂŒnchen Harlaching fort. Herr Nieper ist Mitglied im Team Erdinger Alkoholfrei und seit Oktober 2014 niedergelassener OrthopĂ€de in MĂŒnchen Moosach und operativ in der Herzogpark Klink in MĂŒnchen Bogenhausen tĂ€tig.

 

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