Barfuß-Coach: Toega ist Yoga fĂŒr die Zehen

Geschrieben von: Ellen-Jane Austin

Barfußlaufen – das sollte nicht nur ein LĂ€uferthema sein, sagt Emanuel Bohlander. Der Barfuß-Coach und Erfinder von "Toega" spricht im Interview mit achim-achilles.de ĂŒber gerissene Waden, Hornhaut und Yoga fĂŒr die FĂŒĂŸe.

Achim-Achilles.de: Herr Bohlander, wozu braucht man einen Barfuß-Coach? Kann man nicht einfach die Schuhe ausziehen und loslaufen oder gehen?

Emanuel Bohlander: Seit einigen Jahren wird das Barfuß-Thema, vor allem in der LĂ€uferszene, populĂ€rer. Folge ist, dass die Menschen einfach ohne Schuhe loslaufen und sich verletzen, weil sie ihre untrainierten FĂŒĂŸe ĂŒberbelasten. Besonders auf dem harten Asphalt.

Wieso untrainiert? LĂ€ufer benutzen doch ihre FĂŒĂŸe.

Eingepackt in Schuhe mit spezieller Federung und Polstern gegen das Umknicken – das nimmt dem Fuß die Arbeit ab. Unsere FĂŒĂŸe sind muskulĂ€r unterentwickelt. Hinzu kommen HaltungsschĂ€den. Von Klein auf tragen wir Schuhe, die durch ihre Form unser Fußhaltung schĂ€digen. Bei mir kommen schon Kinder mit Spreiz- oder SenkfĂŒĂŸen in die Kurse.

Den Fuß wieder bewusster wahrnehmen

Schuhe fĂŒhren zu Fehlhaltungen der FĂŒĂŸe?

Auf jeden Fall – aber da hört es nicht auf. Die FĂŒĂŸe sind unser Fundament. Dort entsteht die muskulĂ€re Verteilung im Körper. Ein schiefer großer Zeh kann zu einem schiefen Knie fĂŒhren – zu einem schiefen Becken und sich schließlich negativ auf die WirbelsĂ€ule auswirken.

Schiefe FĂŒĂŸe, schiefer Körper?

So ungefĂ€hr. Inzwischen weiß man, dass der menschliche Körper nicht einfach aufeinander gestapelt, sondern von Kopf bis Fuß durch die Faszien-Struktur verbunden ist. Aber wenn an der Basis etwas nicht stimmt, hat das Auswirkungen auf den ganzen Körper. Auf einem kaputten Fundament kann man schlecht bauen.

Und wie repariert man dieses Fundament?

Zum Beispiel barfuß. Weil der Fuß direkten Kontakt mit dem Boden hat, muss er mehr leisten. Aber man kann seine FĂŒĂŸe auch anders stĂ€rken – durch Toega zum Beispiel – Yoga fĂŒr die FĂŒĂŸe. Das ist Gymnastik fĂŒr die Zehen.

Was hat das mit Yoga zu tun?

Beim Yoga geht es viel um Körperbewusstsein – beim Toega will man den Fuß bewusster wahrnehmen, und die MobilitĂ€t des Fußes wieder herstellen – durch Dehnen, Strecken und KrĂ€ftigung. Das sind ja auch im Yoga wichtige Bestandteile.

Nach einer Stunde Toega sind die meisten fertiger als nach einer Stunde laufen.

Warum? Wackelt man nicht nur etwas mit den Zehen?

Sich konzentriert mit seinen FĂŒĂŸen zu beschĂ€ftigen ist geistige Schwerstarbeit. Vor allem, wenn man es noch nie getan hat. Versuchen sie einfach zehn mal die kleinen Zehen ohne den großen Zeh anzuheben.

"Barfußlaufen fĂŒhlt sich wie Fliegen an"

Kommen primĂ€r LĂ€ufer zu Ihren Barfuß-Kursen?

Nicht nur – es kommen z.B. auch immer mehr Parkour-LĂ€ufer. Sie wollen ihre Sicherheit auf ungewohntem Untergrund verbessern. Manche kommen auch, weil ihnen zur Operation z.B.: bei einem Hallux Valgus (Schiefstand des großen Zehs) geraten wurde und sie diese vermeiden wollen – was auch oft gelingt.

NatĂŒrlich sind es auch viele LĂ€ufer, die auf das Barfußlaufen umsteigen wollen und Hilfe such. Das ist auch vernĂŒnftig – sonst ist die Verletzungsgefahr recht hoch.

Wegen Steinchen oder Scherben auf den Wegen.

Ich habe mich noch nie beim Barfußlaufen geschnitten. Oft lĂ€uft man nicht komplett barfuß, sondern in Barfußschuhen. Darin hat man fast die gleiche Beweglichkeit und eine schĂŒtzende Gummisohle.

Die Verletzungen sind meist im Fuß, Achillessehne oder an der Wade. Ich habe mir bei meinem ersten Barfußlauf auch die Wade gerissen.

Das klingt, als sei Barfußlaufen doch keine gute Idee.

Nur, wenn man es falsch macht. Das erste Mal Barfußlaufen fĂŒhlt sich wie fliegen an. Da ĂŒbertreibt man schnell.

Wenn die Verletzungsgefahr so hoch ist, warum ĂŒberhaupt barfuß joggen?

Wenn der Fuß vorbereitet ist, vermindert sich die Schmerz- und Verletzungsgefahr – nicht nur barfuß, auch im Vergleich zum Laufen mit Laufschuhen.

Schmerzfreier Laufsport durch Barfußlaufen

Laufschuhe sind nicht gut fĂŒr den Fuß?

Wenn etwas kaputt ist, kann man es nicht immer mit hochtechnischen Schuhen ausgleichen. Und mit Einlagen versucht man das Fußgelenk wieder gerade zu richten. Unser Fuß kann das eigentlich selbst. Statt dem Fuß noch mehr Funktion zu rauben, sollten wir sie zurĂŒckgeben.

Ich bin frĂŒher gefĂŒhlt jeden Monat bei OrthopĂ€den gewesen und habe neue Einlagen bekommen. Es wurde trotzdem immer schlimmer. Erst zwickte die Achillessehne, dann das Knie, die HĂŒfte und am Schluss konnte ich kaum zwei Kilometer laufen: Mein Nacken war so verspannt, dass ich den Kopf nicht drehen konnte.

Warum haben Sie nicht mit dem Laufen aufgehört?

Es hat mir sonst viel Spaß gemacht – ich wollte es nicht aufgeben. Bei meiner Suche nach Heilung bin ich auf das Buch „Born to Run“ gestoßen. Darin wird die Barfuß-Thematik ausfĂŒhrlich behandelt – in meinem Kopf hat es sofort Klick gemacht.

Ich habe das Barfußlaufen gelernt und seit drei Jahren ist der Laufsport fĂŒr mich komplett schmerzfrei.

Sie haben sicher eine ordentliche Hornhaut.

Nein. Moment ich schaue kurz (lacht) – da ist nichts. Hornhaut entsteht primĂ€r durch Reibung und Feuchtigkeit. Beim Barfußlaufen gibt es beides nur selten. Was entsteht, ist eine Verdickung der Fettschicht unter der Epidermis (obere Hautschicht) – landlĂ€ufig Lederhaut genannt. Das fĂŒhlt sich Ă€hnlich an, wie bei Hundepfoten. NatĂŒrlich ist man noch kitzelig und spĂŒrt den Untergrund, kleine Pieksereien wie Steinchen nimmt man aber kaum noch wahr.

Wie reagieren die Menschen, auf Sie als BarfußlĂ€ufer?

Beim Laufen wird höchstens geschaut. Aber ich bin auch im Alltag oft barfuß unterwegs – da kommen schon eher Kommentare. Einmal hat mich eine Ă€ltere Dame auf der Straße angefahren, ich wĂŒrde mir ja den Tod holen – das aber auch im Winter.

 

Zur Person: Emanuel Bohlander, eigentlich Diplom Ingenieur, grĂŒndete vor zwei Jahren die „Barefoot Academy“ in DĂŒsseldorf. Dort bildet er neue Coaches aus und arbeitet bewegungstherapeutisch an den Fußfehlstellungen seiner Klienten.

 

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