Sandra Otto: "Ich bin dem Brustkrebs davongelaufen"

Geschrieben von: Ilona Kriesl

Sandra Otto bekommt mit 34 Jahren die Diagnose Brustkrebs ‚Äď und f√ľr Sandra Otto brach eine Welt zusammen. Trotz oder gerade wegen des Schocks entschied sich die damals 34-J√§hrige, am Sport festzuhalten. Sie schn√ľrt ihre Sportschuhe und l√§uft ‚Äď trotz Chemo, trotz Schmerzen. Heute sagt sie √ľber sich, das Laufen habe ihr Leben gerettet. Ein Gespr√§ch √ľber Zuversicht, Hoffnung und die Kraft des Willens.

Sandra Otto hatte eigentlich alles richtig gemacht. Sie rauchte nicht, trank keinen Alkohol, aß wenig Fleisch und war sportlich. Sie wog 48 Kilogramm bei einer Größe von 1,62 Meter. Sie lief Halbmarathons. 21 Kilometer in einer Stunde und 43 Minuten.

Sandra, du bist heute 39 Jahre alt. Mit 34 Jahren bekamst du die Diagnose Brustkrebs. Zwei Jahre sp√§ter folgte das Rezidiv. Was sch√§tzt du: Wo st√ľndest du heute ohne das Laufen da?

Es mag sich befremdlich anhören, aber ich glaube, dass ich ohne das Laufen heute vermutlich tot wäre.

"Die Diagnose hat mich völlig aus der Bahn geworfen"

Kannst du das näher erklären?

Gern. Das Laufen ist f√ľr mich die einzige Konstante in meinem Leben, die ich trotz Erkrankung beibehalten konnte. Ich habe diese Konstante selbst in der Hand, kann sie kontrollieren und dar√ľber verf√ľgen. Daraus sch√∂pfe ich sehr viel Kraft.

Das Laufen ist quasi mein gesch√ľtzter Raum, in geistiger, aber auch in k√∂rperlicher Hinsicht. Wenn ich laufe, mache ich nichts anderes, ich h√∂re keine Musik, lasse mich nicht ablenken. Ich bin ganz bei mir. Das l√§sst mich alle belastenden Dinge f√ľr einen Augenblick vergessen.

Durch das Laufen konntest du einen Teil deines Ichs bewahren, sagst du. Wie hat dich der Krebs verändert?

Ich war schon immer ein sehr sachlicher Mensch und wenig gef√ľhlsbetont. Meine gro√üe Leidenschaft war das Laufen. Vier bis f√ľnf Mal in der Woche habe ich die Sportschuhe geschn√ľrt und habe auch Marathons absolviert.

Dann kam die Diagnose. Sie hat mich völlig aus der Bahn geworfen. Ich bin weder familiär vorbelastet, noch habe ich besonders ungesund gelebt. Die Diagnose kam wie aus heiterem Himmel. Ich habe nur noch geheult und mich gefragt, wie viel Zeit mir noch bleibt. Meine Gedanken kreisten um das Sterben und den Tod. Eine sehr belastende Situation.

Die wenigsten Menschen d√ľrften in so einer Situation an Sport denken.

Verst√§ndlicherweise, ich kann auch nur f√ľr mich sprechen. Mir hat das Laufen sehr geholfen. Es zeigte mir, dass ich noch Kraft hatte, k√∂rperlich wie geistig. Ich verstand, dass die Krankheit mir nicht alles genommen hatte und ich noch lange nicht am Ende bin. Dass ich noch lebe. Und vom Tod auch noch ein ganzes St√ľck weit entfernt bin. Daraus sch√∂pfte ich Hoffnung.

"Am Ende des Trainings habe ich gelächelt"

Du musstest zweimal eine Chemotherapie durchstehen. Woher nahmst du in dieser Zeit die Kraft zum Laufen?

Meine Routine als L√§uferin gab mir Zuversicht. Ich wusste, wie es geht. Manchmal bin ich total langsam gelaufen, aber ich wusste, was ich tat. Au√üerdem gaben mir die Trainingseinheiten Halt. Ich stand f√ľr sie morgens auf und konnte mich ablenken. Das war auch ein St√ľck Freiheit, denn ansonsten war mein Leben durch Arztbesuche getaktet.

Wie schlimm waren die Schmerzen? Eine Chemotherapie zehrt am Körper, sie belastet Knochen und Muskeln.

Nat√ľrlich hatte ich Schmerzen beim Laufen, vor allem zu Beginn. Aber wie bei so vielen anderen Sportarten auch sch√ľttet der K√∂rper mit der Zeit Endorphine aus. Das sind schmerzlindernde Stoffe. Nach einigen Metern war dann die Schmerzmauer durchbrochen.

Ich konnte heulend loslaufen, aber am Ende des Trainings habe ich meist gelächelt. 'Das schaffst du', habe ich dann zu mir gesagt. 'Wenn du das hier schaffst, schaffst du auch die Chemo und besiegst den Krebs.

"Meine √Ąrzte waren skeptisch"

Wie sah dein Laufpensum während der Chemo aus?

Meine erste Chemotherapie ging √ľber sechs Zyklen im Abstand von je drei Wochen. In der ersten Woche nach der Infusion ging erstmal gar nichts. Ich bin meist spazieren gegangen oder gewalkt. In der zweiten Woche habe ich mich allm√§hlich wieder an das Laufen herangetastet.

Und in der dritten Woche nach der Infusion habe ich schon wieder meine zehn, zw√∂lf Kilometer geschafft. Das dauerte aber eineinhalb Stunden, was fr√ľher meine Halbmarathon-Zeit war. Zwischen meiner normalen Laufzeit und der Leistung w√§hrend der Chemo klaffte eine gro√üe L√ľcke. Das war mir aber egal. Ich bin nach Gef√ľhl gelaufen und wollte erstmal nur am Ball bleiben.

Wussten deine √Ąrzte vom Lauftraining?

Ja, nat√ľrlich. Am Anfang waren meine √Ąrzte allerdings skeptisch. Meine Onkologin riet mir, zun√§chst nur f√ľnf Kilometer um den Block zu joggen. Meine √Ąrztin am Brustzentrum der Uniklinik Leipzig sagte, ich solle auf meinen K√∂rper h√∂ren. Er sende mir schon ein Stoppsignal. So war es dann auch. Ich konnte nur sehr langsam und in begrenztem Umfang laufen.

Aber ich habe dadurch gelernt, mehr auf meinen K√∂rper zu h√∂ren. Mit der Zeit hat auch bei meinen √Ąrzten ein Umdenken stattgefunden. Meine Chemotherapie verlief ausgesprochen gut, ich musste sie nicht unterbrechen und bekam keine Infektionen.

Au√üerdem lernte ich, besser mit k√∂rperlichen Schmerzen umzugehen. Ich vermute, dass ich durch das Laufen ein St√ľck weit zu dieser positiven Entwicklung beigetragen habe.

"Ich bin dem Krebs einen Schritt voraus"

Wie haben Familie und Freunde auf dein Training reagiert ‚Äď machten die sich keine Sorgen?

Mein Mann ist selbst ambitionierter L√§ufer, erfuhr und erf√§hrt selbst die positiven Effekte des Laufens. Er unterst√ľtzte mich in jeder Hinsicht. Selbstverst√§ndlich war auch er verunsichert, wie mein K√∂rper die Belastungen der Therapie parallel zum Laufen verkraften w√ľrde. Er bat mich anfangs, mein Handy f√ľr den Notfall mitzunehmen.

Relativ schnell gingen wir jedoch dazu √ľber, dass ich mich nach meinen Lauf- oder Spazierrunden mit einem kurzen Lebenszeichen bei ihm meldete. Im Zeitverlauf lernte ich ebenfalls sportlich aktive Krebspatienten √ľber das "Haus Leben Leipzig" kennen, die mich best√§tigten.

Der Freundeskreis motivierte mich. Allerdings hegte die nicht laufende Familie doch Bef√ľrchtungen, die ich im Zeitverlauf ausr√§umen konnte. Ich bin dem Krebs einen Schritt voraus.

Gab es auch Momente, in denen du einfach auf dem Sofa liegen bleiben wolltest?

Ja, nat√ľrlich. Ich bin ja auch nur ein Mensch. Wenn ich mich einen Tag lang zu nichts aufraffen konnte, ging es mir danach aber k√∂rperlich und geistig schlecht. Das war eine Art Abw√§rtsspirale. Ich konnte nachts nicht schlafen, weil ich nicht ausgepowert war.

Die Chemo-Medikamente bringen ziemlich viel im Körper durcheinander, und das hat sich durch das Liegenbleiben bei mir noch verschlimmert.

"Wenn ich rausgehe, laufe ich dem Krebs ein St√ľck weit davon"

Wie hast du dich zum Weitermachen motiviert?

F√ľr mich war das Laufen eine Art Job, eine Arbeitsaufgabe. Ich habe mir gesagt: Wenn ich rausgehe, laufe ich dem Krebs ein St√ľck weit davon. Das war meine imagin√§re Vorstellung. Sie hat mir Kraft gegeben.

Hast du noch andere Dinge zur Unterst√ľtzung unternommen?

Als ich zwei Jahre später an einem Rezidiv erkrankte, habe ich begonnen, mich mit Yoga, Qigong und Akupunktur zu beschäftigen. Das tut mir neben dem Laufen sehr gut. Ich tausche mich regelmäßig mit anderen Betroffenen im Haus des Lebens in Leipzig aus.

Das ist eine Begegnungsst√§tte f√ľr Menschen mit Krebserkrankungen. Ich muss bestimmte Dinge, die mich bewegen, nicht gro√üartig erkl√§ren und wei√ü, dass es Menschen gibt, denen es √§hnlich ergeht. Au√üerdem entlasten die Gespr√§che meine Familie und Freunde.

Was w√ľrdest du anderen Betroffenen raten, die derzeit mit einer Diagnose konfrontiert sind?

Leider wird mit der Angst vor dem Krebs und dem Tod jede Menge Geld verdient. Ich w√ľrde Betroffenen raten, erst einmal einen Schritt zur√ľckzutreten und sich in Ruhe umzusehen: Mit welchen Angeboten kann ich meine Therapie unterst√ľtzen? Welche Sportangebote passen zu mir? Will ich eine Gespr√§chstherapie beginnen?

Es sollten Dinge sein, die zum Alltag und zur eigenen Persönlichkeit passen. Im Zweifelsfall kann man auch erst einmal ein paar Schnupperstunden nehmen und bestimmte Dinge ausprobieren. Das ist wichtig, um festzustellen, ob es einem liegt und Spaß macht.

"Ich lebe im Hier und Jetzt"

Du hast ein Buch geschrieben ‚Äď wie kam es dazu?

Ich liebe es, zu laufen, zu lesen und zu schreiben. Das Buch gab mir die Möglichkeit, diese Hobbys zu verbinden. Außerdem wollte ich meine Erfahrungen mit anderen Menschen teilen. Vielleicht kann ich auch den ein oder anderen zu mehr Bewegung motivieren. Wäre super, wenn es das Laufen ist. Mir ist aber auch bewusst, dass nicht jeder ein begnadeter und begeisterter Läufer ist.

Wie geht es dir heute aus gesundheitlicher Sicht?

Nach heutigem Stand bin ich krebsfrei. Meine √Ąrzte halten sich mit einer Prognose allerdings zur√ľck, weil ich an einer aggressiven Brustkrebsvariante erkrankt war. Den offenen Umgang damit finde ich fair. Als Patientin will ich mich informiert f√ľhlen. Was ich aber definitiv sagen kann: Ich lebe im Hier und Jetzt.

Ich bin ja nicht nur eine Krebspatientin, sondern noch so viel mehr. Krebs ist nur ein kleiner Mosaikstein meiner Persönlichkeit.

 

cover-buch-sandra-otto√úber ihre Erfahrungen schreibt Sandra Otto in dem E-Book "Laufen mit, trotz, gegen Brustkrebs: Wie ich um mein Leben renne", erschienen in der "Achim Achilles Bewegungsbibliothek". Das Buch kann hier gekauft werden (Link zu Amazon). Ein Euro pro verkauftem Buch wird an das "Haus Leben Leipzig" gespendet.

 

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