Laufprogramm fĂŒr DrogenabhĂ€ngige: "Wie eine neue Familie"

Geschrieben von: David BedĂŒrftig

US-Strafrichter Craig Mitchell schickt Menschen ins GefÀngnis. Gleichzeitig versucht er mit einer Laufgemeinschaft Obdachlosen, DrogenabhÀngigen und Ex-StrÀflingen zu helfen. Wie passt das zusammen?

Achim-Achilles.de: Herr Mitchell, haben Sie ein schlechtes Gewissen?

Craig Mitchell: Nein, wieso?

Als Strafrichter schicken Sie Menschen ins GefĂ€ngnis, um anschließend DrogenabhĂ€ngigen und Ex-StrĂ€flingen in Los Angeles mit einem Laufprogramm zu helfen. Das klingt nach dem Versuch der Selbstheilung.

Dass ich Leben und Familien auseinanderreiße, ist milde ausgedrĂŒckt. NatĂŒrlich sind die Menschen an ihren Verbrechen schuld, aber ich bin es, der sagt: "Du musst fĂŒr den Rest deines Lebens ins GefĂ€ngnis." Es reinigt meine Seele ein wenig, Menschen aus meist dysfunktionalen Familien mit dem Skid Row Running Club helfen zu können. Das Laufen hilft auch mir, mit diesen ganzen Emotionen und Geschichten umzugehen.

"In Skid Row leben 15.000 Obdachlose"

Wie kam es zu dem Laufklub?

Mitchell: Vor fĂŒnf Jahren wurde ein von mir verurteilter StraftĂ€ter auf BewĂ€hrung nach Skid Row entlassen - eine Gegend in Los Angeles, in der etwa 15.000 Obdachlose in Zelten oder PapphĂŒtten leben. Die amerikanische MĂŒlldeponie fĂŒr Menschen, deren Leben den Bach runtergegangen ist. Mehr als die HĂ€lfte von ihnen sind drogenabhĂ€ngig, viele meiner MordfĂ€lle stammen daher.

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Wie ging es weiter?

Dieser Ex-StrĂ€fling lud mich in die Midnight Mission in Skid Row ein, wo Obdachlose und DrogenabhĂ€ngige unterstĂŒtzt werden. Vor Ort ĂŒberlegten wir, wie ich dazu beitragen könnte, die Leben dieser Menschen zu verbessern. Ich schlug vor, ein Laufprogramm zu grĂŒnden, 2012 ging es los. Jetzt laufen wir dreimal pro Woche, frĂŒh am Morgen oder spĂ€t am Abend.

 

"Laufen hilft, das Leben zu restrukturieren"

Eine Drogensucht zu ĂŒberwinden, ist schwierig. Auf welche Weise kann Laufen helfen?

Wer lĂ€uft, muss Disziplin aufbringen und den Fokus auf langfristige Ziele setzen. Das sind essenzielle Dinge fĂŒr Menschen, die alles verloren haben. Laufen hilft ihnen, ihr Leben zu restrukturieren und wiederaufzubauen.

In welcher körperlichen Verfassung kommen DrogenabhÀngige zu Ihrem Laufklub?

Es ist natĂŒrlich phĂ€nomenal ungesund, Drogen zu nehmen. Anfangs ist es fĂŒr viele schwer, unsere LĂ€ufer haben meist Jahrzehnte in der Drogensucht verbracht. An den Terminen unter der Woche laufen wir deshalb nur acht Kilometer. Niemand wird zurĂŒckgelassen, einer lĂ€uft immer das langsamste Tempo mit.

"Beim Laufen entsteht WĂŒrdigung und VerstĂ€ndnis"

Entsteht beim gemeinsamen Laufen eine besondere Bindung?

Der Gemeinschaftssinn ist wahrscheinlich der wichtigste Teil des Programms. Unsere LÀufer waren komplett allein, lebten entfremdet von ihren Familien, hatten Jobs und Karrieren verloren. Körperliche Anstrengung miteinander zu teilen, erschafft eine besondere Verbindung und unmittelbare Gemeinschaft. Wir sind wie eine neue Familie.

Familie ist ein starkes Wort: Wie genau soll das passieren?

Von 40 LĂ€ufern sind etwa 20 DrogenabhĂ€ngige und Ex-StrĂ€flinge und 20 von der Gesellschaft akzeptierte Personen, AnwĂ€lte oder Medienschaffende zum Beispiel. Je nach Fitness bauen wir Zweierteams aus den beiden Gesellschaftsgruppen. Beim Laufen finden wichtige GesprĂ€che statt. Viele LĂ€ufer laden ihren emotionalen Ballast ab, ihre Suizidgedanken, ihre Familienprobleme, ihre ExistenzĂ€ngste. Es entsteht eine WĂŒrdigung und ein VerstĂ€ndnis, dass die Unterschiede nicht so groß sind zwischen uns.

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"Auf der Skid Row herrscht Echtheit"

DrogenabhÀngige sind marginalisiert in unseren Gesellschaften, aber beim Laufen ist jeder gleich. Geht das wirklich so einfach?

FĂŒr Menschen, die gegen ihre DrogenabhĂ€ngigkeit kĂ€mpfen, ist es sehr wichtig zu sehen, dass es Leute gibt, die sie und ihr Potenzial sehen und wertschĂ€tzen. Wir verbringen immerhin bis zu zehn Stunden pro Woche zusammen. Wir schwitzen zusammen, unterhalten uns auf Augenhöhe. Auf der Marathonstrecke bin ich nicht Richter Mitchell, ich bin ein 61-jĂ€hriger Typ, der versucht, sich 42 Kilometer bis ins Ziel zu schleppen.

Was motiviert Sie persönlich, morgens um sechs mit Obdachlosen und DrogenabhÀngigen zu laufen?

Freundschaft. Viele Leute aus meinem Arbeitsfeld haben eine ĂŒbertriebene Selbstliebe und einen Hang zur Selbstdarstellung. Auf der Skid Row herrscht Echtheit und Aufrichtigkeit.

 

Alles Fotos: Mark Hayes

Zur Person: Craig Mitchell war 17 Jahre lang High-School-Lehrer in South Central Los Angeles, bevor er Haftrichter wurde. Mitchell grĂŒndete 2012 den Skid Row Running Club als Rehabilitationsprogramm fĂŒr DrogenabhĂ€ngige. 2017 entstand die preisgekrönte Dokumentation "Skid Row Marathon".

 

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