Entschleunigung: Deutschland braucht mehr Sofa

Geschrieben von: David BedĂŒrftig

Ganz Deutschland will entschleunigen, aber schafft es nicht. Der Sofasportverein zu Berlin lÀdt zum Chips-Wettessen. Sein Ziel: dem extremen Leistungsgedanken in Sport und Job entgegenwirken. Ein Besuch.

Vor der Bar rauchen zwei junggebliebene Mitdreißiger einen Joint in einer Ecke. Passt ins Klischeebild. Denn: Ich bin zum Sofasport verabredet. Richtig, Sofasport. Körpererziehung auf dem samtĂŒberzogenen Kanapee. LeibesĂŒbungen fĂŒr die Generation Netflix. Haben faule Langzeitstudis, unmotivierte Kiffer und dicke Couchpotatoes endlich ihren Sport gefunden?

"Wir hĂ€ngen nicht einfach ab", sagt Torben Bertram, GrĂŒnder des ersten deutschen Sofasportvereins. "Wir sitzen aktiv und achten auf unsere Körperbewegungen. Guck, ich mach mal die Rakete." Bertram hockt auf einem Retro-Sofa in einer szenigen Bar mit leise wummernden Elektrobeats in Berlin-Friedrichshain und patscht in Kindergartenmanier mit offenen HandflĂ€chen auf seine Oberschenkel. Plötzlich springt er auf: "Huiiii!" Bertram wirft die HĂ€nde in die Höhe. Discokugeln werfen im gedimmten Licht bunte Punkte auf seinen Körper.

Aktiv sitzen, das klingt nach einer scharfsinnigen Dummheit, denke ich mir - und weiß spĂ€testens seit der Rakete wirklich nicht, was ich von Darbietung und Szenerie halten soll.

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Gegenpol zur Gesellschaft der Selbstoptimierung

Bertram - 39, zwei Kinder, arbeitet in der politischen Kommunikation - trĂ€gt Jeans, StĂ€dtereisen-Wandersneaker und ein zu enges Fahrradtrikot, das am Bauch spannt. Er ist weder hoch noch breit genug gewachsen, um aufzufallen. Mittelgroß, mittelkrĂ€ftig, mittelbeleibt. Kategorie: gesellig und unscheinbar. Bewegung abseits der Couch ist nicht so sein Ding. Den Sofasportverein (jĂŒngst hat ihn das Amtsgericht als e. V. bestĂ€tigt, das Finanzamt erkennt ihn als gemeinnĂŒtzig an) grĂŒndete er im MĂ€rz 2017, weil er nicht mit den Arbeitskollegen in der Mittagspause ins Fitnessstudio wollte.

Jetzt sitzt Bertram etwas im Sofa versunken und trommelt, die HĂ€nde zu FĂ€usten geformt, gemĂ€chlich auf seine Brust. Anhand seines trockenen Gesichtsausdrucks begreife ich, dass er die Übung ernst meint. Faszinierend. Erkennt der Sofatarzan in mir seine Jane und will mir imponieren? Wo bin ich hier nur gelandet?

"So sieht unser Training aus: Mit Ruhe, Spaß an einfachen Bewegungen in geselliger Runde und dem bewusst Körperlichen formen wir einen Gegenpol zur Gesellschaft der Selbstoptimierung." Auch Bierglas-Halten und Chips-Wettessen sind Übungen der Gruppe, die mittlerweile rund 20 Mitglieder umfasst. Die teils besorgten Blicke der Tischnachbarn nimmt Bertram gerne in Kauf. Eines seiner Ziele ist, der Leistungsgesellschaft den Spiegel vorzuhalten: "Man soll beim Sport nicht immer irgendwas leisten, schön aussehen oder fit sein mĂŒssen."

Die einfachste Übung, der klassische Sitzer

Zur Ruhe kommen. Entschleunigen. Alle streben danach, aber kaum einer schafft das noch in Zeiten dauerhafter Erreichbarkeit. Ich versuche mich an der einfachsten Übung, dem klassischen Sitzer. "Nicht zu gerade sitzen", mahnt Bertram. "Lass das Fleisch ruhig erschlaffen und konzentrier dich auf deinen Körper."

Nichts leichter als das, ich kann doch auch sonst gut das Fleisch ruhen lassen. Denkste. Schon nach einer Minute will ich zum Handy greifen. Zur Ruhe kommen? Okay, aber dann bitte fix. Die Nerven herunterfahren? Puh, geht das nicht schneller? Jetzt mach mal, Entschleunigung. Ich hab ja nicht ewig Zeit. MĂŒĂŸiggang und das sĂŒĂŸe Nichtstun sind heutzutage schwieriger als so mancher Marathonlauf.

"Die meisten Leute sitzen nur als NebenbeschĂ€ftigung. Wir sitzen bewusst. Wir spĂŒren unsere Körper, fahren das System herunter und nehmen Abstand vom

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Leistungsgedanken", erklÀrt Bertram. Sofasport ist so hirnrissig, dass ich langsam Gefallen an der Idee dahinter finde. Denn: Unsere Gesellschaft ist sportkrank.

"Wir sollten eine gute Beziehung zu unserem Sofa pflegen"

Klar, ĂŒbergewichtige Kinder, Mamas, Papas, Omas und Opas wird das reiche Deutschland weiterhin hervorbringen. Aber ein bisschen Laufen ist vielen heute als Sport nicht mehr genug. Es muss ein cooler Laufklub mit noch cooleren LĂ€uferkumpels sein, in dem man - auf NeulĂ€uferdeutsch - Kilometer ballert. Der Wunschtraum: körperlich und physisch topfit - wie damals Thomas "Icke" HĂ€ssler. Gesund ist das oft nicht mehr. Und wo bleibt der Spaß?

"Der Sofasportverein ist eine Alternative zu 'Höher, schneller und weiter' - nicht nur im Sport, sondern auch im Job. Zu immer mehr Überstunden. Zu der Gier nach Boni und Beförderung", sagt Bertram. Entschleunigung, MĂŒĂŸiggang und Geselligkeit drohen auszusterben. Wir arbeiten zu viel, versinken immer mehr hinter etwaigen Bildschirmen, meiden soziale Kontakte im realen Leben.

Von der Rakete bin ich immer noch nicht ganz ĂŒberzeugt. Aber ein geselliges Sofabierchen, um Stress abzubauen und herunterzufahren, kann in der heutigen Leistungsgesellschaft nicht schaden.

"Wir sollten eine gute Beziehung zu unserem Sofa pflegen, schließlich verbringen wir viel Zeit darauf", sagt Torben Bertram und tĂ€tschelt den blauen Stoffbezug. "Es ist wie ein guter, alter Kumpel." Wider die Fitnesssucht, die in Deutschland bis zum Burnout grassiert, wider das gesellschaftliche Ideal der ultrafitten, schönen und erfolgreichen Menschen, wider die Stromlinienförmigkeit: Deutschland braucht mehr Sofa.

 

Alle Fotos: David BedĂŒrftig