Schwangerschaft & Sport: Das erste Trimester: „Der süßeste Parasit der Welt“

Geschrieben von: Ellen-Jane Austin

Was ist, wenn "ein ungeplantes Wunschkind" die Lebensplanung auf dem Kopf wirft? Wie bleibt Frau gesund und munter während der Schwangerschaft und nach der Geburt? In einer fünfteiligen Serie begleiten wir unsere Autorin Ellen-Jane Austin bei ihrem Weg zur fitten Mama. Eine Kooperation von Novitas BKK und Achim Achilles.

Ich bin nicht alleinige Besitzerin meines Körpers. Im wahrsten Sinne des Wortes – in mir sitzt jemand. Ich bin schwanger.

Die Wohnung ist dunkel und kĂĽhl. Ich lasse das Licht im Bad aus, als ich an einem Montagmorgen gegen 4:45 Uhr auf den berĂĽchtigten Papierstreifen pinkle. Im Mondlicht, welches durch das Fenster scheint, sehe ich zwei dicke Streifen.

Die Dielen knarzen auf, als wollten sie mich verraten, während ich zurück zu meinem Liebsten ins Bett tapse. Er dreht sich im Halbschlaf zu mir und grunzt kurz. Ich sage: „Das Curry war doch nicht schlecht.“ Jetzt ist er hellwach. Er hat es sofort verstanden.

Mit großen Augen, soweit es zu der Uhrzeit möglich ist, starrt er mich an. „Ja, krass.“

Ich kuschle mich an ihn. Wir schweigen, liegen einfach nur ganz nah zusammen, bis zehn Minuten später sein Wecker klingelt. Der Beginn eines neuen Tages, einer neuen Woche, eines neuen Lebens. Wir erwarten ein Kind.

Ein ungeplantes Wunschkind

Wir hatten einen Plan. Erst die Hochzeit mit groĂźem Fest, Glitzerkonfetti und viel Tammtamm und danach sollte Projekt Baby starten. Ich hatte schon diverse Strategien und Taktiken im Kopf, wie ich mein ideales Brautgewicht erreichen wollte. Das kann ich jetzt wohl knicken

Dass ich schwanger bin heißt natürlich nicht, dass ich mich gehen lasse. Mit Kind im Bauch heiraten ist eine Sache, aber ich muss ja nicht gerade als in weiße Spitze gehüllte trächtige Elefantenkuh vorm Traualtar stehen. Sich in Form zu halten, dürfte ja wohl kein Problem sein, denke ich mir in meiner frühschwangerschaftlichen Naivität.

Ich bin semi-sportlich. Eine von denen die sagt, sie versuche fünf Mal die Woche Sport zu treiben – um dann drei Mal zu schaffen. Tatsächlich werden es meist null bis zwei Mal. Aber das behalte ich elegant für mich. Habe ich durch meine frühmorgendlichen Instagram-Poser-Lauf-Post doch einen Ruf zu verlieren.

Im realen Leben lasse ich mich viel zu oft von Sofa, Netflix und Jogurt-Schokolade verführen. Mir fehlt meist der nötige Ehrgeiz und Biss, um wirklich meine Leistung zu steigern. Dennoch, bewegungssüchtig bin und war ich schon immer. Selbst wenn ich mal eine Woche weder laufe, trainiere oder mich beim Yoga verbrezle.

Ich bin viel mit dem Rad unterwegs und gehe fast täglich über 10.000 Schritte – stets überwacht von meinem aktuellen Lieblings-Fitnesstracker.

Ich werde Mutter! Kann ich das?

Verträumt streichle ich meinen Bauch und bewundere die Übelkeit, die nicht, wie vermutet von verdorbenem Lieferdienstessen kommt, sondern von meinem Baby. Wir werden das schon rocken.

Die nächsten Tage fühlen sich surreal an. So unwirklich. In meinem Selbstverständnis entsteht eine neue Realität. In mir wächst ein Mensch.

Ein Wirrwarr an Emotionen und Gedanken übernimmt die Kontrolle. Ich bin fasziniert, überglücklich, schrecklich ängstlich und aufs Tiefste verunsichert.

 Darf ich das? Ich mag doch mein Leben, wie es grade ist, sehr gerne – warum ändere ich den Status Quo?

Oh nein, was denke ich da? Ich muss doch glückjauchzend tirilieren. Vor Dankbarkeit einen Baum pflanzen. Oder zumindest ein paar Küchenkräuter. Ich fühle mich schuldig, nicht mit einem Dauergrinsen durch die Welt zu spazieren.

Bis mich wieder die Welle der Faszination und Freude erfasst und ich mein Geheimnis an jede Hauswand schreiben will.

Ich will es dem grummeligen Busfahrer, der verschlafenen Bäckereifachverkäuferin und meinem netten alten Nachbarn erzählen – und natürlich besonders meinen Freunden und meiner Familie. Aber ich darf nicht.

Bis zur zwölften Woche soll ich es für mich behalten. Meine Gedankenwelt wird rund um die Uhr von einem Thema beherrscht und ich darf nichts sagen. So der Rat, den einem jeder ungefragt gibt, noch bevor man überhaupt schwanger ist. Und der meines Frauenarztes. Leider kommt sein Rat nicht von ungefähr.

Er weiß genau, wie instabil eine so frühe Schwangerschaft ist. 80 Prozent aller Fehlgeburten geschehen in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen.

Ich will mich schwanger fühlen. Ich warte auf die typischen körperlichen Symptome: Schmerzen im Unterleib, explosionsartig expandierende Brüste, seltsame Essensgelüste. Irgendwas, dass mir bilderbuchhaft verdeutlicht, dass Leben in mir wächst.

Irgendein handfester Beweis, dass der Test nicht falsch lag und das alles ein groĂźer Irrtum ist. Oder noch schlimmer, dass ich mein ungeborenes Kind schon verloren habe. Nichts. Stattdessen werde ich krank.

Keine idealen Startbedingungen

Kurz nach dem positiven Schwangerschaftstest, fange ich mir eine garstige Grippe ein. Ich habe unglaubliche Angst, denn hohes Fieber kann dem Fötus sehr gefährlich werden. Es könnte sogar zu Fehlbildungen kommen – was ich an Medikamenten in der Schwangerschaft nehmen darf ist jedoch überschaubar.

Der kleine Knödel, der in mir heranwächst, hat es schwer. Zu allem Überfluss bekomme ich massive Magenschmerzen. Ich kann nichts bei mir behalten und habe Probleme nicht zu dehydrieren. Dabei soll man doch grade in der Schwangerschaft viel trinken.

Ich verabschiede mich von meinem Idealbild einer fitten Schwangerschaft. Ausgerechnet die ersten Wochen, in denen das Gewicht des Kindes weder mir noch meinem Gleichgewichtssinn groĂźen Ă„rger macht, kann ich nicht nutzen um fit zu bleiben.

Die beste Zeit, um noch normal im Fitnesstudio Kurse zu besuchen oder laufen zu gehen – ungenutzt verstrichen. Dabei wollte ich meinem Kind doch die idealen Startbedingungen geben.

Sieben Kilo habe ich seit Beginn der Schwangerschaft verloren – ziemlich genau, das Gewicht, das ich für die Hochzeit ohne Baby im Bauch abnehmen wollte – in meinem jetzigen Zustand eher gruselig.

ZermĂĽrbt von SelbstvorwĂĽrfen, nicht besser auf mich Acht gegeben zu haben, liege ich acht Wochen flach und schaffe es dank Grippe und Gastritis kaum vom Bett zum Bad und zurĂĽck.

Die Erlösung beim Frauenarzt

In der elften Woche meiner Schwangerschaft wird es langsam besser. Ich machte wieder kleine Spaziergänge. Zum Beispiel zum Frauenarzt – und dort wartet die Erlösung. Die Untersuchung zeigt: Meinem Knödel geht es prima. Alles zeitgerecht entwickelt und das Herz schlägt bombig.

Ich frage meinen Arzt, ob ich mir noch Sorgen machen müsse, dass die letzten Wochen dem Baby geschadet haben könnten. Er sagte: „Ganz sicher sein kann man nie, aber es ist mehr als wahrscheinlich, dass alles gut ist. Stellen sie sich ein Baby im Mutterleib wie einen Parasiten vor.

Er holt sich alle Nährstoffe, die er braucht, um sich weiter zu entwickeln. Da gehen sie eben manchmal leer aus und leiden, bevor dem Kleinen was passiert. “Es klingt kurios, aber mich beruhigt diese Vorstellung ungemein.

Das erste, das kritische Trimester ist geschafft. Ich bin zwar noch nicht wieder fit, aber ich denke, bald traue ich mich zum Schwangerschafts-Yoga, das soll ja vergleichsweise unanstrengend sein. Vielleicht schaffe ich auch ein paar Runden zu laufen, bevor die Kugel zu groĂź wird.

Und ich fange an mehr zu vertrauen. Auf die Selbstheilungskräfte meines Körpers und auf den Lebensdrang des kleinen Knödels in mir, dem süßesten Parasiten der Welt.

 

Zur Person: Ellen-Jane Austin ist Autorin, Redakteurin bei Achim Achilles und leidenschaftliche Läuferin in Teilzeit. Wenn sie nicht als rasende Reporterin unterwegs ist, schreibt sie Songs mit einem befreundeten Pianisten oder arbeitet an ihren Buch-Projekten. Ihr erster Roman Kopfradio erschien im Sommer 2015. Es ist ihre erste Schwangerschaft.

 

Die Serie ist eine Kooperation von Novitas BKK und Achim-Achilles.de. Mehr Infos fĂĽr Eltern gibt es hier: http://www.novitas-bkk.de/mamapapakind


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