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Roland Liebscher-Bracht: „Der Schmerz ist unser Freund, nicht Feind“

Geschrieben von: Julia Schweinberger
Roland Liebscher-Bracht und Patientin

Rückenbeschwerden, Probleme mit der Achillessehne, Läuferknie: alles Schmerzen, die wir selbst beheben könnten, sagt Schmerztherapeut Roland Liebscher-Bracht. Im Interview mit Achim-Achilles.de erklärt er, wie wir Schmerzen besser verstehen.

Achim-Achilles.de: Herr Liebscher-Bracht, tut Ihnen etwas weh?

Roland Liebscher-Bracht: Nein, mir geht es sehr gut. Klar leide ich auch mal unter Schmerzen, wenn ich stürze oder mir beim Kitesurfen eine Zerrung hole. Aber in diesen Situationen weiß ich sofort, was ich tun muss, um den Schmerz auszuschalten.  

Was genau verstehen Sie unter Schmerzen?

Schmerzen sind ein Signal des Körpers, das dem Sportler bei Bewegung sagt: „Pass auf, wenn du jetzt weitermachst, schädigst du deine Gelenke.“ Schmerzen sind zu 90 Prozent Ausdruck einer muskulär-faszialen Spannung, die der Körper als Bedrohung ansieht. Deshalb schaltet das Gehirn einen Alarmschmerz, der Bewegungen verhindern soll, die zu einer Verletzung führen würden.

"Viele nehmen Schmerzmittel und denken, dann geht das schon weg"

Der Schmerz als Schutzmechanismus ...

... ganz genau. Wir müssen lernen, Schmerzen besser zu verstehen. Der Schmerz ist unser Freund, nicht Feind. Je mehr sich der Körper gefährdet fühlt, umso größer die Schmerzen. Wer nicht darauf hört und immer weiter in den Schmerz hineintrainiert, macht alles nur schlimmer. Viele nehmen Schmerzmittel und denken, dann geht das schon weg. Aber damit überdeckt man den Schmerz nur.

Was sind die Ursachen für Schmerzen?

Wir bewegen uns zu einseitig. Dadurch treten Verkürzungen auf. Die meisten Menschen sitzen viel im Büro. Das Gehirn speichert das als Bewegungsmuster ab. Wenn man dann viel Sport treibt, ist das für den Körper eine ungewohnte Bewegung. Dadurch treten diese muskulär-faszialen Spannungen auf, die sich dann in den Waden, in der Achillessehne oder im Rücken bemerkbar machen in der Achillessehne oder im Rücken bemerkbar machen. Wir könnten diese Schmerzen selbst beseitigen.

"Der Schmerz muss wie eine Festplatte gelöscht werden"

Inwiefern?

Es gibt verschiedene Ansätze. Einer ist die manuelle Therapie. Dabei behandeln wir den Knochen, an dem die sogenannten Rezeptoren sitzen. Das sind Nervenenden, die den Alarmschmerz auslösen. Der Schmerz ist im Gehirn gespeichert und muss, wie eine Festplatte, gelöscht werden. Wenn Sie beispielsweise Nackenschmerzen haben, dann würde ich am Schulterblatt, am Brustbein und am Schlüsselbein bestimmte Punkte mit Druck versehen. Dadurch wird die Hochspannung gelöst. Der Effekt ist, dass Sie nach einer Viertelstunde schmerzfrei sind.

Das klingt ein bisschen nach Hokuspokus.

Ist es aber nicht. Ein Beispiel: Jemand hat Arthrose dritten Grades. Jeder denkt, die Arthrose würde die Schmerzen verursachen. Aber in den meisten Fällen ruft das Spannungsgefüge der Muskeln und Faszien die Schmerzen hervor – und auch die Arthrose. Sind die Spannungen gelöst, sind auch die Schmerzen weg. Das Knie kann sich sogar erholen, und die Arthrose wird gestoppt oder kann sogar verschwinden, wenn sie noch nicht zu weit fortgeschritten ist.  

"Einem Großteil der Schmerzen kann man mit Übungen vorbeugen"

Wollen Sie damit sagen, Sie können alle Schmerzen lindern?

Nein, das nicht. Einmal kam eine Patientin zu mir wegen Schulterschmerzen. Ich habe die Schulter behandelt, der Schmerz war weg. Nach drei Minuten war er wieder da. Ich habe die Prozedur wiederholt. Dasselbe wieder. Ich habe die Dame ins Krankenhaus geschickt. Dort stellte man fest, dass die Schulter gebrochen war. Worauf ich hinauswill: Wenn der Körper den Schmerz braucht, zum Beispiel, damit das verletzte Körperteil nicht bewegt wird, kann man den Schmerz nicht dauerhaft ausschalten. Aber einem Großteil der Schmerzen kann man mit Übungen vorbeugen.

Wie funktionieren diese Übungen?

Ein Fehler, den viele, sogar Profisportler, machen: Sie kräftigen die Muskeln nur. Entscheidend ist aber, dass  Sie die Muskeln kräftig und gleichzeitig flexibel, also beweglich machen. Per Mertesacker trainiert nach diesem Prinzip seit zweieinhalb Jahren. Seitdem ist er nicht mehr verletzt gewesen, und das, obwohl er in der englischen Liga spielt, in der es bekanntlich härter als in Deutschland zugeht.

"Viele wissen nicht, wo die Schmerzen herkommen"

Wissen wir zu wenig über unseren Körper?

Die Menschen haben definitiv zu wenig Ahnung. An den Schulen oder Unis müsste man viel mehr über den eigenen Körper lernen. Viele meiner Patienten sind verzweifelt, weil sie nicht wissen, wo die Schmerzen herkommen. 80 Prozent der Schmerzen, die die Menschen haben, könnten sie selbst in den Griff bekommen. Es ist so leicht, sich selbst zu helfen.

 

Zur Person: Roland Liebscher-Bracht, Jahrgang 1956, entwickelte gemeinsam mit seiner Frau, der Ärztin Dr. med Petra Bracht die LNB-Schmerztherapie. Er arbeitet mit den Physiotherapeuten verschiedener Profisportlern zusammen, darunter Per Mertesacker und Skifahrer des DSV. Er ist Autor von „Der Schmerzcode: Ihr Schlüssel zur Schmerzfreiheit“, erschienen im LNB-Verlag. www.liebscher-bracht.com

 

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