100km-Staffellauf von Zielona-Gora nach Cottbus. DAS Ereignis für mich. Aber es sollte sich zu einer regelrechten Hitzeschlacht entwickeln. Am Ende zählte nur noch das unversehrte Ankommen.
10. Juli 2010. Kurz nach 4.30 Uhr. Der Wecker klingelte. Gähn. Man ist das früh. Es ist doch Wochenende. Aber es half ja nix. Endlich war der Tag gekommen. Der 100km-Staffellauf von Zielona-Gora nach Cottbus stand vor der Tür. Um 9 Uhr sollte der Start in Zielona-Gora erfolgen. Da musste man eben zeitig aufstehen, denn ich war im Moment noch etwa 125km vom Startort entfernt.
Der Staffellauf. Das sind etwa 100km, die eine Mannschaft, bestehend aus 5 Läufern, davon eine Frau und ein Jahrgang 1960 oder älter zu bewältigen hat. Die Strecke ist in 15 Etappen unterschiedlicher Längen aufgeteilt und jeder muss mindestens 1x gelaufen sein.
Gegen 6 Uhr wurde ich am verabredeten Treffpunkt in Cottbus von der restlichen Mannschaft, einer netten Truppe Vetschauer Läufer aufgelesen und dann ging es Richtung Zielona-Gora. Bereits jetzt war es schon warm und die Wetterprognosen konnten einem Angst und Bange machen. Über 35°C waren angekündigt. Wahrlich kein Wettkampf-Laufwetter. In meiner Tasche befanden sich etwa 6,5 Liter Flüssigkeit. Das hielt ich Anfangs zwar etwas für übertrieben, sollte sich jedoch als sehr gute Entscheidung herausstellen.
Pünktlich angekommen, Startunterlagen geholt, gestärkt, gequatscht. Der Wettkampf konnte beginnen.

Etwa 20min vor dem Start verabschiedeten wir uns von unserem Startläufer, er hatte die mit 15,6km deutlich längste Etappe des Tages vor sich, und machten uns auf und davon.
Anmerkung: Die erste Etappe soll dazu dienen, das Läuferfeld zu entzerren um ein Chaos an den ersten Wechselzonen zu vermeiden.
Nach etwa 8km wollte unser Startläufer eine Getränkepause haben, und für uns galt es diese Position schnellstmöglich einzunehmen, bevor das große Verkehrschaos, dann wenn nämlich die Läufer und sämtliche Begleitfahrzeuge unterwegs sind, ausbricht.

Ein Weilchen warten und dann sah ich, wie einen Autoschlange langsam näher kam. Angeführt von der Polizei mit lautem Sirenengeheul wurden die ersten Läufer angekündigt. Wie nicht anders zu erwarten dominierten schon nach wenigen Kilometern polnische Mannschaften das Geschehen.

Unser Läufer war im guten Mittelfeld zu finden. Kurzes Wasserfassen und dann ging es auch schon weiter. Auf Grund der jetzt schon sehr hohen Temperaturen wurde kurzerhand beschlossen, einen weiteren Stopp einzulegen. Der erste Wechsel war dann doch noch etwas chaotisch, ging aber von unserer Seite her problemlos vonstatten. Und nun wiederholte sich das Spielchen. Unser Begleitfahrzeug fuhr 1,5km-2km vor, wartete auf den Läufer, Wasserfassstopp, und weiter ging’s bis zur nächsten Wechselzone.

Mein erster Einsatz sollte auf der 3. Etappe erfolgen. 5,5km. Um 10:41Uhr wurde mir die Schärpe = Staffelstab übergeben. „Teile dir deine Abschnitte gut ein, nicht zu schnell beginnen!“ Dieser letzte Trainerkommentar schoss mir sofort durch den Kopf. Aber ehrlich gesagt, die Hitze machte mir im Moment mehr Angst als ein zu flotter Beginn. Ich bin nun schon einige Male regelrecht eingegangen und heute wäre einfach der falsche Zeitpunkt um erneut sich den Temperaturen geschlagen geben zu müssen. Die ersten Schritte wie erhofft sehr locker. Vorbeifahrende Autos nicht weiter wahrgenommen. Und schon waren die ersten zwei Kilometer um und ich erreichte unser Begleitfahrzeug. Ein paar Schluck, den Kopf und das Shirt ordentlich gewässert und weiter ging’s.

Immer schön auf der Straße bei direkter Sonneneinstrahlung und Autoabgasen. 2 weitere Stopps folgten bevor ich die Schärpe an den nächsten Läufer weitergeben konnte. Erstmal war ich geschafft. Aber auch froh, meinen ersten Einsatz relativ gut überstanden zu haben. Heute ging was. Die Hitze hatte mich erstmal nicht so stark K.O. gesetzt wie befürchtet. Aber noch waren wir ja am Anfang des Wettlaufs. Das konnte bei meinem nächsten Einsatz schon ganz anders aussehen.



Die nächsten Etappen verliefen ohne besondere Vorkommnisse.
Dann Etappe Nummer 7 und unser Läufer bekam erste Probleme. Ausgedehnte Getränkepausen retten ihn zum nächsten Wechsel. Aber bereits15km später war er erneut an der Reihe. Und er hatte zu kämpfen. Mühselig von Verpflegung zu Verpflegung musste er’s ich hangeln. Nach 4km seiner insgesamt 8km ging so gut wie nix mehr. Das ganze Team hoffte und bangte. Sollte das Rennen hier und jetzt für uns beendet sein? Auswechseln des Läufers innerhalb einer Etappe würde zur Disqualifikation führen. Ihn ins Auto setzen und weiter vorn wieder aussetzen kam der Ehre wegen schon gar nicht in Frage und würde beim Erwischen ebenfalls zur Disqualifikation führen. Also immer gut zureden. Die Getränkeversorgung wurde mittlerweile in Kilometerabständen durchgeführt, und immer ein Läufer begleitete unseren Sorgenfall. Um ihm Mut zuzusprechen, aber auch um im Notfall am Mann zu sein.

Die Sonne war einfach erbarmungslos. Der Asphalt kochend heiß, man hatte ein Spiegelei braten können. Mit Hilfe aufmunternder Worte und am Ende doch noch eines kleinen Zwischenhochs erreichten wir in einer Mischung aus Traben und Walken die nächste Wechselzone. Von anfangs einer Position im guten Mittelfeld waren wir aber mittlerweile ziemlich ans Ende durchgereicht worden. Das war uns aber völlig egal. Ankommen wollten wir, und möglichst vor 18 Uhr (Zielschluss).
Jedoch auch unser nächster Läufer bekam leichte Probleme und musste gehen. Das waren ja auch unmenschliche Bedingungen heute. Ich konnte gar nicht so schnell Flüssigkeit nachführen wie ich verdunstete.

Und dann war es endlich wieder soweit. 16:10 Uhr. Die 12. Etappe und somit mein zweiter Einsatz stand bevor. Diesmal hatte ich Mütze und Shirt bereits vor dem Start ordentlich gewässert und ich sah aus als wäre ich eben in nen Platzregen gekommen. Was tut man nicht alles für etwas Abkühlung. Die ersten Schritte und ich musste feststellen, die Beine waren gar nicht mal so schwer, jedenfalls erstmal nicht. Das Tempo war zwar diesmal etwas langsamer, und in Gedanken hatte ich mir die Etappe auch von Versorgungspunkt zu Versorgungspunkt eingeteilt. Insgesamt betrachtet schien mir die Hitze diesmal nicht ganz so stark zuzusetzen. Zum Glück. Dennoch zog sich der letzte Kilometer der insgesamt 5,6m langen Etappe ganz schön in die Länge und die Beine wurden zusehends schwerer. Murrende Autofahrer wurden gekonnt überhört. Heute durfte ich auf der Straße laufen und Basta!


Die Schärpe dem Gefährten überreicht und nun schnell wieder zu Kräften kommen, denn ich durfte diesmal die Schlussetappe laufen. In 11 km sollte es schon wieder so weit sein. Da nicht ganz klar war, ob sich auf der letzten Etappe noch mal die Gelegenheit für einen Getränkestopp ergeben würde, zumal alles schnell gehen musste, da das Team ja gemeinsam einlaufen wollte (Ampeln, Parkplatzsuche) nahm ich einfach ne Wasserflasche in die Hand. Ohne würde nicht funktionieren heute, auch nicht auf eigentlich lächerlichen 3,6km.

17:37 Uhr. Noch ein kleines Stück Weg. Auch dieser wiederholte Antritt ging leichter als erwartet. Die KM-Zeiten, dafür dass ich schon den gesamten Tag unterwegs war, mehr als akzeptabel. War wohl das finale Hoch. Ich empfand es nämlich als Ehre, die Schlussetappe laufen zu dürfen. Da mobilisiert man noch mal alles, und das Ende war ja auch in sicht. Dennoch musste ich drei Überholungen hinnehmen. Was soll’s. Wo in Cottbus war ich eigentlich? Zuschauer Fehlanzeige. Die Streckenposten konnten einem auch fast Leid tun, mussten sie doch etliche Stunden in Hitze, in nicht überall war Schatten, ausharren. Als ich dann endlich wusste wo in Cottbus ich mich befand und dass es jetzt nur noch wenige Meter waren, noch mal die Zähne zusammengebissen und das letzte herausgeholt. Und da standen die Teamgefährten auch schon und warteten auf mich. Die letzten vielleicht 200m liefen wir dann gemeinsam Richtung Ziel. Hier waren dann doch ein paar Leute, zwar überwiegend andere Läufer, aber immerhin, an der Strecke die klatschten und jubelten. Geschafft! Total glücklich.

Ankunftszeit: 17:54Uhr.
Ziel erreicht:
1. wir waren ANGEKOMMEN, was am heutigen Tag nicht selbstverständlich war
2. noch vor 18Uhr (Zielschluss war auf 18:30 Uhr verlegt worden, 18 Uhr ist dennoch eine wichtige psychologische Grenze
3. trotz schwerer Phasen alles gut überstanden und Spaß hat’s auch gemacht, jederzeit wieder
35°C - Wir lassen uns nicht unterkriegen!
















