Berlin! Berlin! Auch ich war in Berlin!
Erstellt von: patella
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am 28. September 2011
Es ist drei Tage her. Aber noch immer schwirren mir die Erinnerungen an diese faszinierende Stadt im Kopf herum. Es war ein überwältigendes Wochenende. Berlin!... „Ist ein Wolke“, sagen wohl die einheimischen.
Für mich war es einfach der Wahnsinn. Zum ersten Mal war ich dort, wenn ich mal die meist betrunkenen Erinnerungen von der Stufenfahrt im Jahr 1985 außer Acht lasse. Zum einen liegen die Bilder von damals in einem Schimmer von Jonny Walker und Berliner Weiße und zum anderen hat sich in der Stadt ja einiges verändert, wenn ich das mal vorsichtig formulieren darf.
Der ICE 947 spülte mich in der Nacht auf Freitag an den Lehrter Bahnhof, wo mich ein alter Schulfreund („Der dicke Schäng“) abholte. Inzwischen gehört er zum Heer der Wochenpendler. Kleine Wohnung in der Hauptstadt und am Wochenende zurück zu seinen Lieben, wie so viele andere.
Mich brachte es in den Genuss einer kostenlosen Wohnmöglichkeit und einiger hervorragenden Tipps für Berlin. Leider konnte er aus gesundheitlichen Gründen nicht den Marathon laufen, wie wir es uns eigentlich vorgenommen hatten.
Zwei Tage habe ich Berlin besichtigt bis zum Umfallen. Naja, nicht ganz bis zum Umfallen, aber jeden Abend war das linke Knie geschwollen. Ehrlich! Das passiert mir beim Laufen nie.
Was habe ich alles gesehen? Bahnhof, Reichstag, Kanzlerinnenamt, Mahnmäler, Plätze, Friedhöfe mit prominenter Besetzung, Parteizentralen, alte Flughäfen, Grenzübergänge, Tränenpalast usw. usw.
Bis dahin dachte ich in einer Stadt zu wohnen, die sich nicht zu Unrecht als Großstadt bezeichnet. Inzwischen finde ich, dass sie den Namenszusatz „ …dorf“ im Vergleich zur Deutschen Metropole mit Recht trägt. Berlin braucht mich zwar nicht, aber ich werde wiederkommen. Ich war und bin begeistert. Ich hätte auch am Samstag nach Hause fahren können.
Doch da war noch etwas: Stimmt. Marathonlaufen. Hatte ich bis zu dem Abend fast verdrängt. Erst das Treffen mit vielen netten Leuten, die sich alle zu diesem Ziel nach Berlin aufgemacht hatten, brachte mich auf den Boden dieser Erkenntnis zurück. Inmitten all der Vorstarthibbeler in der Kreuzberger Pizzeria lies ich mich anstecken.
„Ich muss nach Hause! Schlafen! Renntaktik und Startnummer zurechtlegen! Trainieren! Frühstücken… Scheiße, scheiße…“
Die letzte Nacht verbrachte ich mit dem Schwager in der Wohnung seines Vaters. Auch er konnte wie der Schäng nicht laufen, obwohl er es sich vorgenommen hatte. Da aber schon die Treppen am Bahnhof-Zoo eine ernste Belastungsprobe für seinen lädierten Knieknorpel waren, war die (bereits im Vorfeld getroffene) Laufabsage durchaus nachvollziehbar. Nett, dass er trotzdem nach einer Dienstreise noch den Abstecher nach Berlin machte, um mich ein wenig zu unterstützen
Am nächsten Morgen tat er es dadurch, dass er mich ungestört Frühstücken ließ und tief und fest weiterschlief. Sechs Uhr dreißig. Ich in einer fremden Stadt, in einer fremden Wohnung, vor einem fremden Kühlschrank und mit einem einsamen Frühstück. Dann machte ich mich auf mit einem Fahrrad ins Getümmel des Marathons.
Um 9.20 ging ich auf die Reise. Vier Stunden und 17 Minuten später war ich im Ziel. Knapp eine dreiviertel Stunde hinter meiner Bestzeit aus dem letzten Jahr. Nicht das ich jetzt auf irgendwelchen Zeiten rumreiten will oder gar prahlen möchte. Es hilft aber, die Leistung und den Lauf einzuordnen.
Eine Bestzeit hatte ich gar nicht im Visier. Die Vorbereitung und meine Form sprachen deutlich dagegen. Das Tempo des letzten Jahres halte ich momentan maximal über zwanzig Kilometer. Auch die Renntaktik (wenn man sie so nennen will) war eine ganz andere. Letztes Jahr war es Sekt oder Selters in meiner Heimatstadt. Mit der Aussicht, von überall aus mit einem Taxi aufs heimische Sofa zu kommen. Dieses Jahr stand mir noch ein ganzer Tag mit schwerem Gepäck und eine Nacht im ICE bevor.
Sightseeing. Fotos schießen. Genießen. Das war meine Devise. Was nicht heißt, das ich keine Angst vor dem Tag hatte. 42 Kilometer müssen erst mal gelaufen werden. Auch langsamer ist das kein Kinderspiel.
Wie ich es fand?
Zwiespältig. Wo ist der Punkt, an dem die Begeisterung für ein fantastisches Massenerlebnis umschlägt in ein Gefühl der Bedrückung durch zu viele Menschen?
Wo ist die Grenze zwischen Freude über so viele Zuschauer, die einem am Streckenrand zujubeln und dem Moment, ab dem man die einzelnen Bands und Anfeuerungen nur noch als lauten Einheitsbrei empfindet und man sich nach der Ruhe der Vorbereitungsläufe am Nordseestrand zurücksehnt? Wann sind die vielen Mitläufer auf der Strecke Brüder und Schwestern im Geiste, die alle eine gemeinsame Idee Marathon in sich tragen und wann rauben einem die Massen an Läufern das Gefühl für den exklusiven „Mythos Marathon“?
Während mich die Beine in einem Wohlfühltempo über die Strecke trugen, wandelte ich emotional immer an diesen Polen entlang. Mal voller Freude über die unglaublich fröhlichen und begeisternden Zuschauermengen am Straßenrand, dann wieder mit dem Gefühl, einsam und verlassen in einer anonymen Menge buntgekleideter Grenzgänger zu sein.
Dazu kam eine leichte Enttäuschung darüber, dass mein „Wohlfühltempo“ doch eine Idee langsame war, als ich es gehofft hatte. Glücklicherweise ließ ich mich nicht verleiten, das Tempo dem Diktat einer Zielmarke zu opfern und ließ daher die Hasenballons ziehen. Bis zum Kilometer Zwanzig wusste ich nicht, ob die wenigen Läufe über drei Stunden reichen würden. Ab Kilometer Fünfundzwanzig war ich mir sicher, dass ich laufend durchs Brandenburger Tor kommen würde. Das hob meine Stimmung und ließ meinen emotionalen Kompass immer häufiger zu den positiven Polen ausschlagen. Es war mir zunehmend egal, dass ich auch jenseits der Dreissig Kilometer Marke noch über Wiesen musste um frei Laufen zu können. Ich amüsierte mich über die Klebesohlen nach den Isoständen, über die Schlurfschritte durch knöchelhoch liegenden Plastikmüll. Alle paar Kilometer ging der Kampf aufs Neue los. Wo muss ich mich am besten platzieren, um verletzungsfrei an die Getränkebecher zu kommen. Dann lief ich Hammermannopferslalom und telefoniert zwischendurch mit dem Schwager („Wo bist du gerade? Schaffe ich gerade nicht!“ Später „Kudamm? Siehst du noch das Kaufhaus?“ „Ja, bin gerade dran vorbei!“ „Scheiße, schon wieder verpasst!“), machte ein paar Handyfotos, die leider unter der verschwitzten Linse zu leiden hatten und freute mich auf den Zieleinlauf. Es würde klappen. Mein sechster Marathon! Und das in Berlin! Bei Kilometer 41 traf ich den Schwager dann doch noch. Vor dem Brandenburger Tor ließ ich mich von einer freundlichen Streckenpostin ablichten (ein historisch tolles Bild, welches ich später historisch doof einem Copy§Paste Fehler opfern würde…) und wurde dann von einer Gänsehaut überrascht, die mir bei der Passage desselben über den Rücken lief.
Auf fünfzig Meter Breite wurden Medaillen verteilt. Trotzdem Stau. Dann schob man sich dichtgedrängt in der Sonne Richtung Verpflegungsstände. Ich war froh, mich besser zu fühlen als viele um mich herum. Gedränge, noch nicht bei den Getränken zu sein und dann völlig im Arsch, das ist bestimmt nicht so prickelnd. Nicht falsch verstehen. Es ist keine Kritik am Veranstalter. Es ist alles top organisiert. Aber es ist ein Massenevent. Da darf man sich nicht drüber beschweren. Das ist wie im Auto sitzen und über Stau schimpfen, den man selbst mit verursacht.
Ich wollte nur raus. Ein Weizen, auf den Werbe- und Mitgiftbeutel habe ich verzichtet und bin schnell aufs Fahrrad, in die Schwagerwohnung zum Duschen und Kaffeetrinken.
Dann wieder zurück. Mit dem Fahrrad zum Treffpunkt der Forenmitglieder vom Vorabend. Ich hatte schon fast keine Hoffnung mehr, sie zu treffen, als ich sie beinahe über den Haufen fuhr. Glücklicherweise waren sie aufmerksamer als ich und erkannten mich sofort. Ich kam noch in den Genuss eines tollen Abschluss der Veranstaltung in einem Biergarten, der schwangere Auster oder so heißt. Es war Klasse, die ganzen frischen Läufergeschichten mal nicht erst übers Netz zu lesen. Und richtig fertig sah für mich keiner aus. Leider mussten dann doch viele bald zurück zum Bahnhof.
Ich hatte noch bis zum Abend Zeit.
Mein Fazit: Berlin ist mehrere Reisen wert. Am liebsten natürlich zum Pokalfinale der Fortuna…
Bei dem Marathon weiß ich nicht, ob mir eine reicht!
Die Begeisterung der Zuschauer ist überwältigend, die Organisation top und auch die vielen Läufer aus aller Herren Länder sorgen für ein Wahnsinnsgefühl der Verbundenheit.
Aber manchmal war mir das alles zu viel. Wer sich ein eigenes Bild machen will, dem seien die Videoaufnahmen empfohlen, die es bei dieser Veranstaltung für jeden Teilnehmer gibt. Gebt hier 27280 ein und drückt dann auf das Videosymbol. Und nur um Missverständnisse vorzubeugen. Die Bilder sind allesamt von den letzten 15 Kilometern und nicht vom Start. Der, der größer ist als alle anderen, das bin ich…
PS: Ich hatte kurz nach dem Wilden Eber einen Mann am Straßenrand gesehen, den ich für unseren Bundespräsidenten hielt. Der stand dort aber recht ungeschützt und fröhlich alleine, so dass ich es mir nicht vorstellen konnte, dass er es war. Später erfuhr ich vom Schäng, dass der dort wohnen soll. Hat noch jemand den Mann auf der linken Seite der Straße gesehen und ihn gar erkannt?

geschrieben von saxwolf, September 29, 2011
geschrieben von mariechen2004, September 28, 2011
geschrieben von luftbumb, September 28, 2011
geschrieben von schnittchen, September 28, 2011
geschrieben von catcat, September 28, 2011
geschrieben von otti, September 28, 2011
geschrieben von kittymuc, September 28, 2011
Aber wenn ich mir die Bilder so anschaue bin ich gar nicht mehr so unfroh, wegen meiner Langsamkeit stets die Letzte zu sein: da hinten ist es zwar manchmal ziemlich einsam aber eben auch ruhig *grins* Für euch echte Marathonis natürlich nicht zur Nachahmung empfohlen *nochmehrgrins*
geschrieben von ursula, September 28, 2011










