'Sch....eibenkleister! Stell' doch endlich mal jemand diesen blöden Wecker ab!', schoss es mir durch den Kopf. Draußen war's definitiv noch zu dunkel, es konnte also unmöglich schon Zeit zum Aufstehen sein. Und die blöden Vögel könnten sich gerne auch mal 'nen Schalldämpfer zulegen und Ruhe geben. Dann fiel's mir langsam wieder ein. Ich war ja gar nicht zu Hause in meinem eigenen gemütlichen Bett und es war auch kein normaler Sonntag im September.
Ich war in Neuenhagen, irgendwo im wilden Osten, angeblich der anwohnermäßig größten Gemeinde Deutschlands ohne Stadtrechte. - Wow, die gestrige Stadt- , ähm, Gemeindeführung hatte in meinem Hirn tatsächlich Spuren hinterlassen! - Gemeinde hin, Stadt her, immerhin hat Neuenhagen einen S-Bahn-Anschluss nach Berlin. Außerdem ist es die Heimat der Schwiegerfamilie meines Bruders. Diese Kombination machte es zum idealen Ausgangspunkt für mein neuestes Projekt.
Gleich nachdem die Meldung für den Berlin-Marathon unter Dach und Fach war, habe ich den Hörer in die Hand genommen und mich dort kurzerhand telefonisch eingebucht, all-inclusive natürlich, Abhol- und Bring-Service vom Flughafen Schönefeld ebenfalls inbegriffen - selbstredend! Oder kurz in Neudeutsch: Ich habe mich dort eingewullft! Aber egal. Jedenfalls bewohnte ich jetzt seit zwei Tagen mein eigenes Zimmer in einer schicken Doppelhaushälfte. Der eigentliche Besitzer, der Sohn des Hauses, war kurzerhand ausquartiert worden; zur Freundin. Seinem fröhlichen Grinsen nach zu urteilen schien er das ganz gut verkraftet zu haben. Der Arme!
Da saß ich also, noch halb schlafend, auf der Bettkante und es war tatsächlich erst 4:15 Uhr. Vielleicht hätte ich den finalen Tipp von Laufguru Herbert Steffny für eine erholsame Nacht vor dem Wettkampf doch nicht befolgen sollte. Zur Beruhigung könne man sich ruhig eine Flasche Bier zum Abendessen genehmigen, stand in meiner Laufbibel. Aha. Wenn es dort stand. Also habe ich dann auch zur Flasche gegriffen. Wie schon Tausende, ach was, Millionen vor mir. Der Herr des Hauses hatte zwei Varianten im Angebot: Hell und zart oder Dunkel und hart. Als waschechter Fast-Marathoni habe ich natürlich die zweite Variante gewählt. Manchmal ist mehr ja auch wirklich mehr. Vielleicht hätte ich dabei besser bedenken sollen, dass diese eine Flasche so ungefähr meinem durchschnittlichen jährlichen Alkoholkonsum entsprach. Eingeschlafen bin ich auf alle Fälle richtig gut danach, blöd nur, dass sich das Wachwerden jetzt so schwierig gestaltete.
Aber es half ja nix. Also raffte ich mich auf, schnappte mir meinen Kulturbeutel und ein paar Klamotten und schlurfte leise fluchend Richtung Bad. Vielleicht würden mir ein paar Spritzer kaltes Wasser in die Gänge helfen. So war's dann schließlich auch. Keine Ahnung wie lange es gedauert hat und wie hoch die Nachforderung der Wasserwerke Neuenhagen an meine Gastgeber gewesen ist. Als nächstes ging's dann ein Etage tiefer in die Küche. Frühstücken. Zwei schon leicht angetrocknete Brötchen mit Marmelade. Bloß keine Butter oder Margarine. Fett am Wettkampftag ist der Leistung abträglich, sagt Guru Steffny. Stattdessen schob ich mir noch einen Energieriegel hinterher. Garantiert fett- und geschmackfrei, dafür aber ultranahrhaft und aus dem Chemielabor. Ich habe noch nie gehört, dass zu viel Energie schädlich wäre. Dazu gab's literweise leckere isotonische Getränkebrühe in einer nicht näher zu bestimmenden Geschmacksrichtung, die ich mir schon am Vortag zusammen gemixt hatte. Viel Trinken vor dem Wettkampf ist wichtig, sagt Guru Steffny. Marathonläufer müssen eben nicht nur auf der Laufstrecke schmerzfrei sein! Perfekt gestärkt ging's dann nochmal eine Etage höher, den Laufkrempel zusammensuchen: Hose, Shirt, Kompressionswaffen, Schuhe, Startnummer, Championchip, Handgelenktacho, Leukoplast, Zeugs zum Duschen und Umziehen, Kopf - glücklicherweise angewachsen! Alles da.
Die S-Bahn Richtung Berlin ging um 6:13 Uhr. Für den Fußweg brauchte ich gut zehn Minuten; dreimal gecheckt. Sicherheitshalber bin ich um 5:40 Uhr aus dem Haus. Man kann ja nie wissen.
Für die Fahrt bis zum Hauptbahnhof würde ich ungefähr 75 Minuten brauchen. Pünktlich zum Marathon hatten sie unterwegs eine Baustelle eingebaut, außerdem fuhr die Hälfte der Züge nicht. Bremsen wird doch total überschätzt, das weiß selbst der dümmste Autofahrer. Das einzig Verlässliche bei den Berliner Verkehrsbetrieben ist also doch deren Unzuverlässigkeit. Am Bahnhof war ich auf jeden Fall schon mal superpünktlich - und ganz allein. Auf der Temperaturanzeige standen 15 Grad an, um 6 Uhr morgens, am 20. September. Der Wetterbericht hatte einen Tageshöchstwert von 28 Grad im Schatten und strahlenden Sonnenschein vorhergesagt. Der kluge Berlin-Besucher schippert bei solchem Wetter gemütlich auf der Spree oder fährt raus an den Wannsee und gönnt sich ein Eis; die Bekloppten laufen Marathon.
Immerhin war die S-Bahn Richtung Berlin pünktlich; außer mir stieg noch ein Mann um die Sechzig ein. Wie sich herausstellte, war er Masseur und in die Organisation des Marathons eingebunden. Sein Job war es, irgendwo an der Strecke zu stehen und Lahme wieder zum Gehen, idealerweise wieder zum Laufen zu bringen. Jesus reloaded sozusagen. Und das im Akkord. Ich fragte ihn, ob er es unhöflich fände, wenn ich ihm sagte, dass ich ihn später nicht wiedersehen wolle. Jesus lächelte bloß großmütig und meinte, das sei schon in Ordnung so.
Je weiter ich Richtung Innenstadt kam, umso mehr Marathonläufer waren unterwegs. Unverkennbare Erkennungszeichen: Trainingsanzug, das offizielle Marathon-Bag vor sich auf dem Boden stehen, Trinkflasche in der Hand. So langsam machte sich dann auch bei mir so etwas wie Nervosität breit. Es könnte auch ein Anflug von Panik gewesen sein. Im Nachhinein würde ich das aber niemals zugeben.
Das Umsteigen in Richtung Hauptbahnhof gestaltete sich schon einmal leichter als erwartet. Ich musste einfach nur den ganzen Marathon-Bags folgen, die schließlich zu Hunderten oder Tausenden in einer nicht enden wollenden Schlange vom Hauptbahnhof in Richtung Reichstag, Kleideraufbewahrung und Startaufstellung pilgerten. Endlich an meinem Ziel angekommen fand ich mich in einer ganz anderen Welt wieder!