„Hast du schon gehört? Frank läuft am Sonntag seinen ersten Halbmarathon…“
„Frank? Welcher Frank?“
„Na, der Frank von Corinna.“
„Corinna…?“
„Mensch, Kenianer! Außer deinen Sportergebnissen merkst du dir aber auch gar nichts mehr. Die alte Schulfreundin von mir, die wir letztens auf der Party getroffen haben. Der Mann ist dieser Große! Wirtschaftsprüfer. Zwei Kinder. Drei und fünf Jahre alt. Leonard und Victoria…“
Jetzt fiel es ihm ein. Leonard. Dieser unerträgliche Schreihals, der den anderen Kindern immer ihre Spiele kaputt gemacht hat, was den Frank aber gar nicht interessiert hatte.
„Ach klar. Der Frank von Corinna…!“
Oh ja. Typische Nordbürger aus Düsseldorf. Teure Autos, doppeltes Einkommen in führenden Positionen. Dazu private Ganztageskitas für Leonard und Victoria und eine Teenager Armada als Babysitter. Jahrelang waren Studienbedingungen und Berufsaussichten ihre Themen gewesen.
Dann kamen die Kinder und das Sommermärchen. Plötzlich interessierten sich Corinna und Frank für Kinderbetreuung und Fußball.
Zu Schulzeiten war ein Fußballstadion für beide eine „No-Go Area“ und den Balltretern zuzuschauen nur was für besoffene Prollos. Corinna und Frank fanden Massenveranstaltungen mit siebentausend Zuschauern im Rheinstadion „irgendwie bedrückend“. Jetzt trugen die Kinder im Sandkasten „St. Pauli“ Sweatshirts und Frank war stolzes Mitglied im Club der Düsseldorfer Vereinsfreunde.
Auf den Partys nervte er irrsinnig mit Halbwissen. Letztens hatte er dem Kenianer den Erfolg der Fortuna damit erklärt, „dass wir (WIR!!!) dieses Jahr viel besser gegen den Ball arbeiteten als in der letzten Saison!“ Und das „man doch am besten das System von Barcelona kopieren sollte…“
Und ausgerechnet der wollte morgen am großen Stadtlauf in der Nachbarstadt teilnehmen.
„Frank läuft Halbmarathon? Wieso das denn…?“
„Wieso…? Das ausgerechnet du das fragst, ist schon lustig. Du kannst es dir deine Rennerei ja selbst nicht erklären…“
„Nein, so meinte ich das nicht! Wie kommt der dazu? Der war doch immer so sportlich wie Cindy aus Marzahn… “
„Die haben in der Firma eine Laufgruppe mit Trainer und so. Da haben die sich ein halbes Jahr darauf vorbereitet. Ist doch eigentlich ganz nett. Vielleicht kannst du dich mit ihm mal verabreden...?“
Dem Kenianer wurde heiß. Laufen mit Frank käme gar nicht in Frage. Dann müsste er sich die ganze Zeit Tiraden über die Unzulänglichkeiten der staatlichen Schulen anhören und das der neue „Hybridpanamera“ die passende Antwort auf den Klimawandel sei. Das würde er sich nicht antun.
Was aber viel schlimmer war, dass Frank überhaupt lief.
„Wenn solche Leute in meine Sportwelt einbrechen, ist das überhaupt noch meine Welt?“, fragte er sich.
Er erinnerte sich mit Grausen an die WM. Das war doch eins von den Paaren, die ihm nach dem zweiten Spiel der deutschen Mannschaft 2006 mit schwarz-rot-goldenen Zöpfen und dem Original „Ballack“ Trikot den Platz vorm Fernseher beim Kneipengucken weggenommen hatten. Den Rest der WM hatte er dann alleine mit seinem alten Herrn vorm Fernseher verbracht.
Das war der Beginn des Fußballbooms, der jetzt schon rauchfreie Familienblöcke und Schiedsrichterinnen in der Bundesliga hervorbrachte.
Frank beim Halbmarathon! Früher bewegte der sich nur beim Billard und Backgammon. Und jetzt hatte der sich mit einem engagierten Laufcoach in der Firma pulszonenkontrolliert auf einen Halbmarathon vorbereitet.
„Schlimm!“, dachte der Kenianer als ihm plötzlich weitere Schreckensszenarien in den Sinn kamen. Wie lange würde es dauern, bis die Firmengruppe auf der Suche nach neuen Gemeinschaftsevents den logischen Weg zum Triathlon finden würde? Es bräuchte nur einen neuen Abteilungsleiter mit der Obsession für den Ausdauerdreikampf und kurze Zeit später ständen hundert Wirtschaftsprüfer in der Teilnehmerliste für die Firmenstaffeln.
Und dann würde Frank im sündteuren Neoprenanzug plötzlich neben ihm auf dem Schwimmponton im Medienhafen stehen und Sachen sagen wie:
„Wir haben im Zielbereich eine eigene Lounge von unserer Firma! Da kommen nachher auch die Sieger hin. Komm doch vorbei, vielleicht kann ich dich da mit reinbringen…“, würde er ihm großmütig anbieten.
Das war doch zum Brechen. Er wollte in keiner Gemeinschaft Mitglied sein in deren Mitte die Corinnas und Franks dieser Welt standen.
Corinna würde ihren Freundinnen beim Glas Minztee erzählen, dass „es auch für die Kinder total wichtig wäre, wenn der Frank ihnen ein gutes Vorbild wäre. Gerade heutzutage ist es soo wichtig, dass man Sport als Ausgleich macht…“
Und nach der Staffel würd der Frank sicher schnell auf die Idee kommen, dass ein Eisenmann hervorragend in seinen Lebensentwurf passen würde. Als Rookie würde er sich ein unglaubliches Traumrad und einen Personal Coach kaufen und dann mit der Firmenleitung einen Plan ausarbeiten der seine Trainingszeiten und die Geschäftsziele für ein Jahr unter einen Hut bringen würde.
Wer sollte das denn noch bezahlen können? Wenn sich die Franks dieser Welt den Triathlon kauften, dann könnte der Kenianer demnächst nur noch mit einem Kleinkredit oder tief im Dispo die Anmeldung für eine Großveranstaltungen bezahlen.
„Die wollen für die Teilnahmegebühr in Frankfurt mehr haben, als uns ein komfortables Ferienhaus in den Sommerferien an der Nordsee kostet! Und das ist nur die Teilnahmegebühr! Ohne Anfahrt, Hotel und PowerGels.“, hatte sich das Weib letztens schon empört. „Das ist doch der Hammer!“
Erfolglos hatte der Kenianer versucht, den Preis mit „dem hohen Wettkampfstandard“, „komplett gestreckte Strecken und den vielen Verpflegungspunkten“, „sowie den vielen Hawaiislots“ zu erklären.
Kein Wunder. Wenn es Starter gibt, die für das Neuwagenleasing doppelt so viel zahlen wie der Durchschnitt der Gesellschaft für Wohnungsmiete, und die zudem noch innerstädtische Parkgaragenplätze zum monatlichen Hartz IV Satz belegen.
Er klagte dem Weib sein Leid.
„Dann kann ich demnächst gar nicht mehr mitmachen! Wenn Frank Triathlon macht, dann ist das nicht mehr mein Sport…“
„Also zum ersten…“ Sie hielt den ersten Finger geduldig in die Höhe… „…läuft der nur einen Halbmarathon. Das muss noch lange nicht heißen, dass der später Triathlon machen. Zum zweiten muss man ja nicht in den Großstädten vor spektakulären Skylines starten. Die kleinen Seesportfeste in der Provinz mit den Kinderveranstaltung und den Kuchentheken der Vereinsmitglieder gefallen mir als Zuschauer eh besser. Und zum dritten…“ sie legte eine bedeutungsschwangere Pause ein. „…müsste es doch für einsame Trainingsläufe im Wald, Radfahrten am frühen Morgen und stupides Bahnenziehen im Bad total unwichtig sein, ob die Sportart kommerziell total ausgelutscht ist. Es bleibt immer noch dein Sport! Das kannst du auch in zig Jahren noch machen. Und wenn es dir zu teuer wird, dann machst du halt nur noch deine eigene Triathlons am Schwimmbad wie zu Neujahr.“
Sie hatte mal wieder Recht.













