Am Sonntag galt es also für den Lurch die 10km des Kemnader Burgenlaufes anzugehen. Dieser flache Lauf entlang des gleichnamigen Sees ist gut für schnelle Laufzeiten geeignet. Dies strebte auch der Lurch an. Er wollte überprüfen wie seine Form war. Schließlich standen im Herbst ja 2 Halbmarathons auf dem Plan.
Doch es gab noch einen anderen Grund hier schnell zu laufen und der hieß Schwejk. Seinen alten Schulkumpel hatte der Lurch im Urlaub auf Menorca wieder getroffen und dort schon einige Kilometer mit ihm gemeinsam unter die Sohlen genommen. Noch im Urlaub verabre-deten sie sich für den Lauf rund um den See, schließlich handelte es sich um eine Benefitz-veranstaltung zu Gunsten Muskel-kranker Kinder und es sollte nebenbei auch Spaß machen. Doch der Lurch hatte an diesem Tag im Jahre 09 keinen Spaß am Lauf. Schuld daran war Schwejk. Dieser Meister der Tarnung und des Understatements war ihm schon auf dem ersten Kilometer des Laufes entschwunden, und zwar nach vorne. Nach einem schnellen Start konnte der Lurch nur noch ein " mach du mal, ich bin heut' nicht gut drauf" hinterher keuchen und als auch der erhoffte Einbruch vom Schwejk ausblieb war dem Lurch klar, dass er hinter ihm eintrudeln würde. So kam es auch. Nachdem er sich tapfer aller negativer Gedanken entledigt und zu seinem Rennen zurück gefunden hatte schaffte es der Lurch in 57:20 ins Ziel zu torkeln. Hier stand der Kontrahent und beglückwünschte ihn scheinheilig mit "ne 57-er Zeit, Respekt, nicht schlecht für nen Laufanfänger". Dieser Stachel saß im Fleisch des Lurches und ihn galt es nun am Sonntag zu beseitigen. Die Zeichen dafür standen extrem günstig. Er hatte sein Training in Absprache mit seinem Trainer von "Triathlon" auf "Laufen" umgestellt. Er hatte seine schnellen Schuhe an. Das Wetter war kühl und es hatte mehrfach am Tag stark geregnet, echtes Lurchwetter, er stand darauf. Er war kein Schönwettersportler. Je widriger die Natur gegen ihn spielte um so mehr fühlte er sich in seinem Element, desto besser wurde er. Zu guter Letzt hatte der Schwejk gerade noch einen Familienurlaub in den Bergen hinter sich gebracht und außer ein paar roten Blut-körperchen mehr sollte ihm das nichts gebracht haben. Auch eine Verletzung beim Holz-hacken hatte er erwähnt. Die Zeichen standen also alle günstig für eine kleine Lektion durch den Lurch.Kurz vor dem Start verdunkelte sich sogar wieder der Himmel und es schüttete noch einmal aus Eimern. Na also, die Götter sind auf meiner Seite, dachte der Lurch.
Der Startschuß viel und er legte los. Volle Pulle. Die ersten 3 Kilometer wollte er hart angehen, ganz wider aller Vernunft und Trainingslehre doch wusste er, seine Laktattolleranz war groß, sehr groß. Also galt es dann einen ruhigeren Kilometer einzuschieben und dann wieder anzuziehen. Dies bis km 6 zu halten, dann kurz zu verlangsamem um die letzten zweitausen Meter alles raus zu hauen was noch drin war. So war der Plan, und er schien aufzugehen. Schon nach wenigen hundert Metern hörte der Lurch hinter sich eine gequälte Stimme. "Heute gehst du aber ganz schön flott an". Alleine für diesen Satz hatte der Schwejk gute 20 Meter gebraucht, so heftig pumpte sein Atem. "Keiner hat gesagt, dass du dran bleiben musst" antwortete der Lurch mit einem süffisanten Grinsen im Gesicht und verschärfte sogar geringfügig sein Tempo. Vom Schwejk war schon kurz darauf nichts mehr zu sehen, geschweige denn zu hören.
Bei Km 3 wollte der Lurch seine Taktik überprüfen und blickte dazu auf sein Handgelenk. Doch hier erfuhr er nicht dank finnischer Präzision alles über seinen Körper und die Zeit, nein das Gelenk war frei jeglicher Technik. Oh Mann! Klar, die Uhr hatte er zur Revision eingeschickt. Aber warum zum Teufel hatte er nicht wenigstens einen dieser altertümlichen Chronographen ohne jegliche Zusatzfunktion umgebunden. Wie die Taktik überprüfen wenn keine Zwischenzeiten zur Verfügung standen?
Noch nie hatte er sich gefreut wenn er überholt wurde, nun aber war er glücklich, gehörte das Pärchen doch zu der Klasse der Standartläufer mit GPS Gerät. Eine schnelle Frage, eine superpräzise Antwort "5:18 seit Startschuß". "Danke" hechelte er herüber. Freude machte sich breit, im Körper und vor allem im Geiste des Lurches. Super, voll im Soll. Sogar leicht darüber dachte er, wobei er kein Freund der Sekundenzählerei war. Nun merkte er auch die geringfügigen Ansammlungen der Milchsäure in seinen Muskeln und ging zum planmäßigen ruhigen Kilometer über. Nach der 4km Marke zog er wieder an und schnell kam der Versor-gungsstand bei Km 5 in Sicht. Hier galt es mit geübten Griff 2 Becher im Laufen zu fassen. Einen gegen den trockenen Hals und den anderen um den Kopf zu kühlen. Dringend sollte er auch seine Zwischenzeit kontrollieren. Da, die Läuferin in Pink hatte bestimmt einen stylischen Zeitmesser mit Tamagotchifunktion am Arm. Er verlangsamte kurz, balancierte beide Becher aus und fragte nach der Zeit. Die Angesprochene zog ihr Klapphandy aus der Oberarmtasche, frickelte umständlich auf den Tasten herum und sagte "14:29 Uhr".
WAS!?! durchfuhr es den Lurch. Das konte nicht sein. In seiner Verzweiflung schüttete er sich beide Becher bei geöffnetem Mund ins Gesicht, versuchte gleichzeitig zu atmen und zu trinken, was nicht gehen konnte. Nachdem er den Hustenanfall überlebt hatte, selbstver-ständlich laufend, fasste er sich wieder und beschloss, dass die Gute ihre Uhr dringend neu stellen müsse. Die Zeit konnte nicht stimmen. So langsam konnte er auf den letzten 2 Kilometern nicht geworden sein. Also weiter, gerne etwas schneller, den ganz sicher konnte er ja nicht sein. Was, wenn das GPS des Pärchens bei Km 3 gerade keinen Empfang gehabt hatte? Zerstörerische Gedanken machten sich im Kopf des Lurches breit. Er lief was das Zeug hielt. Ungefähr bei km 6,5 knickte die Strecke ab und es galt die Autobahnbrücke zu erklimmen. Ein guter Punkt um einfach das rückwärtige Feld zu checken ohne sich verräterisch weit umdrehen zu müssen. Nur pro forma, dachte der Lurch, aber was er da sah jagte ihm das Adrenalin ins Blut. Der Schwejk! Keine 50 Meter hinter ihm erblickte er die weiße Mütze mit dem roten T-Shirt, das konnte nur Schwejk sein. Ruhig Lurch ruhig, hier ist dein Terrain, der hat nur einen verzweifelten letzten Sprint eingelegt und kocht gleich ab. Die Brücken hoch ging er federnd auf den Vorfuß und gab Gas, abwärts ließ er den Beinen freien Lauf und erreichte so eine erstaunlich hohe Schrittfrequenz. Seine Stärke, hier machten sich seine für Läufer kurzen Beine bezahlt. Bei den sich anschließenden kurzen Hügel verfuhr er ähnlich. So, das sollte genügen um den lästigen Verfolger entgültig abgeschüttelt zu haben. Er erreichte km 7 und bereitete sich auf das Finale Furioso vor.
Was war das? Eine Kinderstimme hinter ihm, kurz darauf hörte er Schritte. Mehr ein Getrappel. Dann zog an ihm ein Vater mit seinem ca 6-jährigen Sohn an der Hand an ihm vorbei. Unglaublich! Was war das denn für ein Film? Wo war die Kamera? War der Steppke bei Km 5 eingestiegen? Egal Lurch, konzentrier dich auf deinen Lauf, nur du und die letzten 3 km. Nichts und niemand hält dich mehr auf. Dann eine Stimme von hinten "ok Kumpel, du hast genug auf mich gewartet, lass uns loslegen". Schwejk! Mit einem fröhlichen Lächeln zog er neben den Lurch. Doch das Tempo das der Lurch aufnahm war hoch, sehr hoch, viel zu hoch. Wo nahm er diese Power her? Wie ging das? Was hatte er unterwegs getrunken dass er auf einmal aus dem Nichts wie eine Rakete abging? Das Herz raste und schon längst hatte er sich direkt hinter Schwejk gesetzt. Mit Blicken wollte er sich an ihn hängen und ziehen lassen, aber das Tempo war viel zu hoch. Die Beine wurden schwer und viel schlimmer, die Lungenflügel reichten nicht mehr aus, um genügend Sauerstoff aufzunehmen obwohl der Mund schon sperrangelweit aufstand. "Lauf du mal, ist mir heute zu schnell". Zum zweiten Mal musste er diese verhasste Formel sprechen, und Schwejk zog wie an einer unsichtbaren Schnur gezogen in einem Affenzahn von dannen. Schon bei Km 8 hatte er ihn aus den Augen verloren. Gut, dachte sich der Lurch, aber meinem Zielsprint auf dem letzten Kilometer kannst du nichts entgegensetzen, da bekomme ich dich. Sicher! Die Strecke knickt wirklich auf dem letzen Kilometer nochmals rechtwinklig ab und verläuft gerade bis kurz vor das Ziel. Hier dachte der Lurch werde ich dich sehen und einholen. Das funtktionierte schließlich immer. Dafür waren seine Muskeln gebaut, das lag ihm, das Ausdauertraining war die Pflicht, der Zielsprint die dadurch verdiente Kür.
Er sammelte sich und bog auf die lange Zielgeraden ein. Tempo aufnehmen hämmerte es in seinem Hirn. Er lief schneller, er kam nur nicht schneller voran. Was war das schon wieder? Deutlich hatte er sich wieder der blitzsauberen Lauftechnik besonnen die ihn schon aufgrund des gezielten kraftvollen Abdruckes schneller machte. Bewust setzte er die Arme ein und doch wurd er nicht schneller? Verdammt warum? Darum, ihm bließ eine starke Brise frontal auf die Stirn. Das Getreide links und rechts des Weges stand nicht, es zeigte mit den Ähren auf ihn, als ob es ihm zeigen wollte, woher der Wind wehte. Von vorne, und nur von dort. Hart und unerbittlich. Sein angezogener Sprint verkümmerte zu einem kläglichen Tempohalten. Nur noch ankommen schoß es durch seinen Kopf, nur einfach ankommen.
Die Zuschauer jubelten und auch Frau Lurch freute sich ihren Gatten wohlbehalten wieder zu sehen. Kurz darauf sah er Schwejk im Ziel und bei einem isotonischen Kaltgetränk wurden erste Analysen erstellt. Nicht schlecht dachte der Lurch, schneller als im letzten Jahr und wenn der Wind nicht gewesen wäre... .