Tja da war ich also wieder in Fleckenberg im Sauerland. Es galt erneut den Halbmarathon am Rothaarsteig mit seinen 22,1 km und 425 Höhenmetern zu bewältigen. Bei mir mein Freund Michael aus dem Lauftreff, mit dem ich gemeinsam an den Start ging. Vor 2 Jahren feierten wir an genau dieser Stelle unseren 1. Halbmarathon. Ein unbeschreiblich schönes und einprägsames Erlebnis.
Doch dieses Jahr verlief alles ein wenig anders. Der Reihe nach.
Vor 3 Wochen packte ich den 1/2-Waldmarathon in Bestwig, und das Ganze sogar in einer für mich sehr guten Zeit. In der Zwischenzeit hatte ich nicht viel Raum für ein ordentliches Training und beruflich wie privat waren die Tage recht turbulent. Die Wettervorhersage tat ihr Übriges, um meine Erwartungen im Zaum zu halten. Regen und um die 5°C. Brrrrrrrrr. "Von Freitag auf Samstag hat es ordentlich gekübelt" teilte uns einer der zahlreichen Helfer im Vorfeld mit. Toll ! Der Lauf ist eh schon eher ein Crosslauf als alles Andere, aber mit Regen auf der Strecke wird es mühsam werden, sehr mühsam. Das ich bei Temperaturen um 6°C am Start noch überlegte, ob ich nicht doch lieber obenrum kurz laufen sollte, zeigte wie wenig ich wirklich bei der Sache war. Die Wolken hingen tief und mit Regen war jederzeit zu rechnen. Zum Glück entschied ich mich für mein Langarmshirt und reichlich drunter. 1Stunde nach den Marathonis war es dann auch für uns so weit. Warmlaufen und mit zuversichtlicher Stimmung gingen wir beide in die Startaufstellung. Nett war auch die Ansage: "Seit einem Jahr haben wir freilaufende Wisente im Laufgebiet, die tun in der Regel nix, aber vielleicht spornen sie euch ja mit ihren Hörnern zu einer Bestzeit an."
Nach dem Start hat das Feld genau 700m um sich zu sortieren, danach geht es rauf, weiter rauf, noch weiter rauf, immer weiter und weiter rauf. Endlos. Die ersten 5-6 km ist es ein einziger steiler Anstieg und bis km 11,8 gibt es nur unwesentliche gerade oder gar bergabführende Stücke. Einfach immer nur hoch. Wer hier zu schnell angeht bezahlt sofort und hat es nicht so weit zurück. So gesehen eine ganz ehrliche Sache. Ich hielt mich zurück, ich kannte die Strecke und meine momentane Fitness ja schließlich. Das Michael schon nach 2 km dann abzog und sein Heil in der Flucht zu suchen schien kam für mich dann doch etwas überraschend. So flott wie er aus meinem Blickfeld entschwand begann ich über Doping im Breitensport nach zu denken. Zeit hatte ich ja genug. Irgendwo zwischen km 5 und 7 begann es dann auch noch zu regen. Bitte, is' mir doch egal. Ich versuchte, im gleichmäßigen Tempo die schier endlose Steigung hinter mich zu bringen und freute mich auf die 5 km, die direkt im Anschluß steil -stellenweise sehr steil- bergab gingen. Bis dahin war es aber noch ein steiler Weg. Die Natur bot reichlich Ablenkung. Tiefe Pfützen, Schlammlöcher, Wurzeln wie Fußangeln und unter feuchtem Laub lauernde Stolpersteine sorgten bei mir dafür, dass keine Langeweile aufkam. Die Waldwege waren aufgeweicht und da ich mich im hinteren Feld bewegte auch schon reichlich zertrampelt. Die Natur entlang der Strecke ist wirklich schön. Buchenwälder mit malerischem Farbenspiel, Wolkenbänke die in den Fichtenbeständen für Feenstimmung sorgen, Wassertropfen die in Spinnenweben hängen, Pilze am Wegesrand. Na ja, bei meinem Tempo hatte ich Zeit zum Genießen.
Endlich gelangte ich an den Streckenabschnitt der "Millionenbank" heißt. Hier wusste ich, dass es "nur" noch galt 2 steile Rampen zu bewältigen. Der Anblick der schnurgeraden und steilen Wegestrecke entlockte einer Läuferin neben mir ein verzweifeltes "och nö!" Ich hingegen wusste, dahinter geht's runter. Das moblisierte Kräfte und der am höchsten Punkt gelegene Verpflegungsstand tat sein übriges um mich da hoch zu bringen. Ich bestellte "Pommes Currywurst und nen Bier" und auch ohne diesen Wunsch erfüllt zu bekommen ging's weiter. Hier zweigt die Marathonstrecke wieder ab und vor mir lag das lang herbei gesehnte Gefälle. Auf knapp 4km "verbrennt" man hier gut 300Höhenmeter!!! An besonders steilen Passagen stehen Helfer und warnen vor der Rutschgefahr. Die ist wirklich nicht zu unterschätzen. Ich hab mich mehrfach wie ein Surfer rutschend wiedergefunden, aber was solls, irgendwie wollte ich ja auch wieder ins Ziel kommen. An alle Kniegeschädigten: überlegt euch die Teilnahme sehr gut, bergab sind die Belastungen hier enorm, zumal bei diesen Wetterbedingungen!
Insgeheim hatte ich gehofft, Michael hier wieder einzuholen, aber er war weit und breit nicht zu sehen. Unglaublich. Egal. Nach dem ich mich also 11,8 km den Berg hinauf gequält hatte schoss ich diesen im halsbrecherischen Tempo wieder hinunter. Mir liegt das, andere gingen vernünftiger Weise. "Die letzten 6km sind flach Lurch, da gehst du volle Pulle" war mein Mantra den ganzen langen und quälenden Anstieg über. Nun war ich also "unten" in Latrop angekommen und wollte antreten.
Nix! Null!Nada! Niente! Auf der Suche nach Power fand ich nur leere und erschöpfte Muskeln vor. Ein "uff" hier, ein "stöhn" dort, aber nirgndswo 'ne Faser die jubelte und schrie "jaaa, ja ja gas gas gas". Frustrierend.
Dann sah ich Michael vor mir am Verpflegungsstand. Ich schnappte mir auch noch mal warmes Iso (geschmacklich höchst bedenklich) und sog mich näher an ihn ran. Ich brauchte eine ganze Weile und dann konnte ich an ihm vorbei ziehen. Er rief mir was Nettes hinterher, aber ich war schon so im Tunnel, dass ich es nicht mehr richtig verstanden habe. Ich wollte nur noch eines: ankommen.
Jede noch so kleine Steigung wurde für mich zum Prüfstein. "Nicht gehen, nicht gehen NICHT gehen,nicht..." war mein neuer Leitspruch. Ich hatte Angst, dass ich dann gleich stehen bleiben würde, also weiter. Noch 5, 4, 3km... Immer wieder zogen flotte Marathonis an mir vorbei. Schon von Weitem kann man den Stadionsprecher hören. Km 3 der letzte Versorgungsstand. "Nix da Lurch, da wirste nur langsamer, denk an Raelert und Macca auf Hawaii", völliger Blödsinn den ich da so im Unterzucker im Hirn hatte, aber ich trabte weiter. Ich wollte nur noch ankommen.
Kurz bevor es ins Stadion geht kommt noch eine völlig aufgeweichte Wiese. Ich muss aufpassen nicht auszurutschen. Da sehe ich aus dem Augenwinkel, wie sich ein Läufer von hinten an mich heranschiebt. Eine kurze Zwiesprache zwischen Engelchen und Teufelchen auf meinen Schultern und ich ziehe mein Tempo an. Ach nee, wo kommen den jetzt die Karbos her, hä? Egal, der Typ kommt näher. Ich geh auf den Vorfuß, noch 100m auf Asche. Verflixt der kommt noch näher, läuft direkt hinter mir. Sprint! Alles raus was Zucker heißt! Ziellinie, ein kurzer Blick über die Schulter, geschafft!!! und der lange Lulatsch gibt mir high five. An seinem fetten Grinsen erkenne ich, dass er genau so gerne fightet. Gut, dass im Zielkanal überall Gitter stehen die stabil genug sind. Ich bin fix und alle. Ein guter Geist hüllt mich in Alufolie und der Organisator persönlich fragt mich, ob ich ne Cola wolle. Toll hier, danke, aber ich brauch nur Luft zum Atmen und einen, der mich den Rest vom Tag trägt, sonst nix.
Kurz drauf kommt Michael ins Ziel. Auch er ist völlig alle und froh, angekommen zu sein. Schnell noch ein Foto gemacht und dann ab ins Duschzelt. Hier gab es die verdiente lange & sehr heiße Dusche. Danach noch 2 große Portionen Pasta mit Bolognese. So langsam kroch ich aus meinem Zuckerloch heraus und war froh, nicht selber fahren zu müssen. Wir waren beide fertig mit Schönschreiben und freuten uns auf die heimische Couch.

Michael und ich, völlig fertig aber zufrieden.
Ach so, Zahlen. Ich brauchte wie vor 2 Jahren 2:32, Michael verbesserte sich um gut 5 Minuten auf 2:36. Bravo von meiner Seite!
Wie es der Sieger in 1: 24 schafft, ohne sich die Knochen zu brechen, ist mir ein Rätsel. Michael und ich sind uns einig, an den letzten 6km gilt es zu arbeiten.
Jetzt ist erstmal RUHE angesagt.
RUHE...
Hier das Monster-Höhenprofil (zumindest für mich):

Hoffentlich klappt es beim nächsten Mal mit dem Treffen actea28 & toette. ;-)
So hier die versprochenen Bilder:

Locker flockig bergauf bei ~km 10. Da kann ich sogar noch lächeln.

Schön zu wissen, dass dieses Jahr meine Frisur endlich voll im Trend ist ;-)

~km 21,8 böse gucken kann ich gut. Ich bin Fix &Foxi. Wo verdammt noch mal ist das Ziel?

es geht auch ohne Red Bull...

Täusche ich mich oder schaut er da etwas verdutzt ????
Ich sach' ma: "vom Lurch versägt!"