♂tga/2NO -XXXIX - Der Kater vom Passo Campo Carlo Magno
Erstellt von: patella
in Blogs
am 03. August 2011
Es fühlte sich anders an, als er wieder anfuhr. Keine halbe Stunde war vergangen, seit er den atemberaubenden Ortsschildsprint gewonnen hatte. Zwischendurch hatte er ein Eis geschleckt und die Jammereisen seiner Schwester ignoriert.
„Wir sind erst dreißig Kilometer gefahren. Uns stehen noch über hundert bevor und wir müssen noch über den Passo Carlo Campo Magno…!“
„Passo Carlo Campo Magno!“? Was sollte das denn sein? Hatte er noch nie gehört. Konnte schon nicht so schlimm sein. Erstens war er doch jetzt der Bergkönig der Gruppe und zweitens war gestern der höchste und schwerste Punkt erreicht worden. Aus langen Internetrecherchen wusste er, dass der „Passo Carlo Campo Magno“ nicht zu den legendären und schwersten Strecken in den Alpen gehörte. „Stilfser Joch“ klang furchterregend und wurde in Erfahrungsberichten sagenhaft beschrieben. Aber doch nicht diese merkwürdige Aneinanderreihung italienischer Wörter. Er hatte sich nicht damit beschäftigt. Und so war ihm nicht klar, dass ihm die Nordrampe dieses Passes nochmal 912 Höhenmeter auf 15 Kilometern bescheren würde.
Und das Schwesterherz sich in der Gluthitze des Val di Sole vorausschauend über die kommende Passquerung sorgte, irritierte ihn nicht wirklich.
„Die ist halt am Ende und macht sich jetzt in die Dornenhose!“ Ein wenig sprach er ihr zu und versuchte dabei, die Warnsignale seines eigenen Körpers zu ignorieren.
Denn plötzlich waren die gleichen Beine, die ihn nach Tuenno hochgepeitscht hatten wie ausgewechselt. Beunruhigt registrierte er die Schmerzen in den Oberschenkeln. Als wenn sich kleine Bergarbeiterheinzelmännchen in seine Muskeln eingraben wollten. Sie hackten sich kleine Gänge durchs Fleisch auf der Suche nach wertvollen Körnern. Sollte er zu viele davon im Ortsschildsprint verschossen haben? Konnten wenige Kilometer Tempofahrt ausreichen, um aus guten Beinen schlechte zu machen? Er redete sich ein, dass diese kleinen Nadelstiche nur vorübergehend sein würden. Es war ja noch nicht mal ein Viertel des Tagespensums erfüllt.
Das Val die Sole machte seinem sonnigen Namen alle Ehre. Zäh zog sich die Gruppe schon in der Ebene auseinander. Mal fuhr er vorne mit, um das Tempo zu kontrollieren, dann ließ er sich Fallen um das Treibholz nach vorne zu ziehen und immer häufiger zückte er den Fotoapparat, um Bergpanoramen als willkommene Erholungspause zu missbrauchen. Noch immer hoffte er, dass sich die vier Köpfe des Oberschenkelmuskels medusengleich aufrichten würden und ihn auch am nächsten Berg triumphieren lassen würden.
Es waren bestimmt 35 Grad, als sich die Gruppe um einen kleinen Brunnen in Dimare versammelte. Der Ort, der den Einstieg in die Passstraße markierte.
Cora gab noch einige Hinweise. „Am Anfang geht’s aweng aufwärts, doch zur Mitte wird’s dann moderat…!“ Die Kombination der beiden Begriffe ließ alle Alarmglocken schrillen. „Aweng“ zum Beginn. Und das in der Hitze. Und „moderat“ nach sieben Kilometern war auch nicht wirklich ein Ziel, auf das es sich mit Freude hinzuarbeiten lohnte.
„Oben wartet der Begleitwagen. Da könnts ihr euch was Frisches anziehen und dann setzts euch einfach in dene Terassen von die Kneipn und schiassts a paar Fotos von dena, die nach euch kumma! Geht’s ruhig an. Es ist hoaß und machts euch noch mal die Flaschen voll!“
Die Gruppe machte sich bereit. Wasser in den Nacken, Trikots öffnen und Helme lockern. Es war heiß. Unglaublich heiß.
„Was ist mit Dir? Fährst Du mit uns vorneweg?“ Die Bergziegengruppe formierte sich. Die Angriffslust in der Stimme des alten Bergkönigs war nicht zu überhören.
Der Kenianer dachte „Ja, klar! Ich fahre dich gleich wieder aus den Schuhen!“, sagte aber: „Mal schauen was die Beine so machen. Ich starte locker den Berg hoch!“
Natürlich startete er nicht locker den Berg hoch. Er wollte auch auf der langen Steigung beweisen, dass 35 Kilo mehr Systemgewicht kein Hindernis im Kampf um die Bergwertung waren. Und so fuhr er mit der Führungsgruppe in die Steigung, als wenn er nie etwas anderes gemacht hätte. Die ersten Serpentinen lagen in der prallen Sonne. Er sehnte sich nach Wald und Schatten und langsameren Tempo. Die ersten beiden Dinge waren absehbar. Langsameres Tempo nicht. Sein Spurt um das Ortsschild von Tuenno hatte den Ehrgeiz der anderen geweckt. Sie fuhren Tempo um den Neuen zu testen. Das war gemein, aber verständlich. Er hätte es nicht anders gemacht. Die Platzhirsche gaben ihr Revier nicht kampflos auf.
„Ist zwar schneller als ich eigentlich wollte, aber so leicht werden die mich nicht los!“, redete er sich ein. Nach fünf Minuten hatte er die Trinkflasche leer. Halb getrunken und halb über den Kopf geschüttet. „Im Wald wird sich bestimmt eine Quelle zum nachfüllen finden.“ dachte er. Es wurde schwerer, die Hinterräder zu halten. Immer wieder riss eine Lücke und immer wieder gab er zu viele Körner von seinem spärlichen Habenkonto ab, um sich heran zu lutschen.
„Wenn nur bald der Schatten kommt! Im Wald wird es kühler sein, da kann ich locker mitfahren. So lange muss ich halt leiden…“ Mit diesen Gedanken über die ersten zwei Kilometer, des fünfzehn Kilometer langen Anstiegs. Vernünftig war es nicht, so in einen langen Alpenpass zu starten, aber für den Moment alternativlos.
Kaum hatte er sich wieder ans Hinterrad gekämpft, wechselten sich die drei in der Führung ab. Abgesprochen? Vielleicht. Drei gegen einen. Hätte er die Beine für diese Tempoverschärfungen gehabt, dann wäre ihm dieser ungleiche Kampf ein Fest gewesen. Leider hatte er sie nicht. Und noch bevor der Waldrand erreicht war musste er die Gruppe ziehen lassen. Es ging nicht.
„O.K.! Die Spielchen mache ich nicht mit. Ich werde im Wald meinen Rhythmus suchen und dann kriege ich die wieder. Die verzocken sich…“ hoffte er.
Der Wald kam. Die Steigungsprozente und die Hitze aber blieben. Die hochstehende Mittagssonne brannte erbarmungslos auf den Asphaltstreifen. Kein Lüftchen wehte durch die alten Kiefern.
Was hätte er um den Regen vom Tegernsee gegeben? - Einen Laufradsatz? Einen Fortunasieg? Einen Tag unbezahlter Arbeit? Ein zweites Fernsehinterview? Die Löschung seiner virtuellen Identität in der weltweiten Sportlergemeinschaft?
In der Hitze am Pass begann alles zu verschmelzen. Die Grenzen zwischen Erleben und Erzählen. Ich fahre doch nicht wirklich, ich erstelle nur einen Blogbeitrag. Welche Wertung habe ich wohl hierfür verdient? Den „Oberhammer“ oder das gepunktete Trikot? Fahre ich für mich oder die Leser? Sind die Beine nur der Mittler auf dem Weg zu sinnvollen Tastenkombinationen? Er sah Tasten, er sah Buchstaben und begann Geschichten von Helden und Märtyrern zu schreiben, während er hitzeflimmernde Luft atmete. Fliegen begleiteten seinen Aufstieg.
„Wo ist eigentlich meine Tastatur? Scheiße ich habe kein Netz. Systemabsturz…“ Er wurde wirr.
Ich muss trinken, ich brauche Kühlung. Ein heller Moment, als überhängende Äste einige hundert Meter Schatten spendierten. Eine Quelle hatte er vor kurzem passiert. Leider hatte er sie nicht genutzt. Da hatte er noch gehofft, die Führungsriege einzuholen. Den Zahn hatte er sich schon lange gezogen. Voller Sorge blickte er sich um. Einige hundert Meter hinter ihm sah er ein Pärchen den Berg hochklettern. Der Schwager und die drahtige Triathletin im Duett. „Wenn ich was getrunken habe, dann fahre ich mit denen zusammen den Berg hoch…!“
Es gab keine Quellen. Dafür aber einen Ort. Hochhäuser.
„Prima, ich suche schnell ein Büdchen.“ Er war froh über die Geldreserven in seiner Rückentasche und überlegte, in welcher Sprache er am leichtesten Eistee und Wasser bestellen würde. Doch leider war er nicht im Ruhrgebiet. Wo jede Ansammlung von festen Unterkünften mit Trinkhallen versorgt wird. Wo die Bude mit König Pilsener zu den meritorischen Gütern der Bevölkerung gehört.
Es gab keine Buden mit Flaschenkühlschränken in den Hochhausschluchten. „Dann vielleicht ein Bistro…?“ Doch auch die gab es nicht. Es gab auch keine Autos auf den Straßen und die Hochhäuser waren verrammelt. Es war überhaupt keine Menschenseele zu sehen. Er war in einer Retortenstadt gelandet. Diese riesenhaften Hochhäuser im Wald waren Winterquartiere für Urlauber. Im Sommer war hier tote Hose. Absolute!
Dann halt raus aus dem Ort. Irgendwo muss doch mal eine Wasserquelle kommen. Schnell bog er wieder auf die Straße. Das Schwagerduett noch knapp hundert Meter zurück.
„Nicht den auch noch vorbeilassen müssen.“ Er verzweifelte. Keine Kühlung und keine Getränke und von hinten noch Druck vom Feind.
Ihm fiel Tom Simpson ein. Tot vom Rad gefallen auf dem Anstieg zum Mont Ventoux. Dem Briten hatten sie dort ein Denkmal gesetzt. Würde er auch eins bekommen?
Der Ortsausgang. Kein Büdchen, kein Restaurant, keine öffentlich Toilette, kein Kneip-Tretbecken und keine hilfreichen Nachbarn, die mit einem Gartenschlauch Athleten kühlen. Wie warm kann Blut werden? Ob der Schwager mir was zu trinken gibt? Er hätte seine Berufsausbildung für einen Liter alkoholfreies Bier verkauft. Eiskalt. Gelb mit Schaumkrone. Er sah eine große Maß vor sich und versuchte wie ein Esel hinter der Möhre herzufahren, als plötzlich etwas am Straßenrand glitzerte…
Wasser! Kein See! Kein Fluss! Kein Bach, eher ein winziges Rinnsal. Es fand den Weg vom Hang herunter und verschwand dann unter der Straße. Wenig, aber geschickt vom Himmel. Dieses Bächlein am Ortsausgang von Folgarida war besser als Schöneberger im Männergefängnis oder Robbie Williams bei H&M.
Wasser. Kaltes klares Wasser! Er stürzte sich vom Rad und warf sich hinein in die Pfütze. Trinken und Kühlen. Er versuchte beides auf einmal. Über Wasserqualität machte er sich keine Gedanken. Er hätte auch Terpentin getrunken. Aber dieses war klar und kalt… Ein Geschenk des Himmels über den Alpen.
„Ich wollte nur kurz was trinken…!“ stammelte er aus der Pfütze heraus, als der Schwager ankam.
„Sonst aber alles o.k. bei dir?“
Der Kenianer war ein Bild des Jammers.
„Klar, nur kurz abkühlen. Tut gut, willst du nicht auch mal…!“ Es war ein schwacher Versuch, ihn aufzuhalten und vielleicht doch wieder als erster auf der Passhöhe zu sein.
„Nee danke. Ich fahre meinen Rhythmus weiter…“ Er hörte alle Gehässigkeiten des Sportlerlebens in den wenigen Worten durch. Der Schwager würde ausgleichen. Nach dem knappen Sieg am Jauffen war eine deutliche Niederlage am Campo Carlo Dingsbums nicht zu verhindern. Aber er störte sich nur kurz am Anblick des entschwinden Schwagers. Noch hatte er sein Treffen mit der Wasserquelle nicht beendet. Immer mehr Teilnehmer passierten, bis er wirklich jeden Teil seiner Körpers in der flachen Pfütze gebadet hatte.
Fünf Minuten? Zehn Minuten? Fünfzehn Minuten oder gar mehr? Es war ihm egal. Er war geschlagen. Bestraft vor allem von seinem Hochmut und Ehrgeiz in Tuenno. Ein wenig auch von der Hitze, der er später die alleinige Schuld für seinen Einbruch zuschreiben würde.
Glücklicherweise war „moderat“ für einige Kilometer wirklich moderat und er konnte sich erholen und den Pass im Sattel bezwingen.
„Hey, was war denn los bei dir? Du wolltest doch mit uns mitfahren?“ Die Bergziegen saßen beim zweiten Radler, der Schwager hatte einen Milchkaffee vor sich. Ihm war nicht nach antworten. Wortlos entschwand er in den Schankraum. Zunächst einmal setzte er alle Bargeldreserven in Apfelschorle um. Dann pumpte er den Schwager an und setzte sich mit einem Stück Kuchen an einen anderen Tisch.
Kurz nach ihm hatte es auch Schwesterherz geschafft. Sie so stolz, wie er niedergeschlagen war. Sie hatte irgendwelche Grenzerfahrungen gemacht. Von wegen Dornenkronen, nur nicht auf dem Kopf, sondern in der Hose, aber Hauptsache nicht in den Besenwagen eingestiegen…
So fuhr die Gruppe später mit gemischten Gefühlen auf den Schlussabschnitt der Etappe. Es gab keine Attacken mehr. Der Tag hatte alle weichgekocht. Dankbar nahmen sie die Möglichkeit von Fotopausen war. Spektakuläre Schluchten und Tunnel auf einsamen Wegen begleiteten sie nach Lomaso, wo ein Schlosshotel mit ambitionierten Essen wartete. Und wenn mal keine tollen Schluchten zu sehen waren, dann rettete sich der Kenianer in Coras Windschatten und genoss die Aussicht auf einen sportlichen Hintern in einem schmalen Sattel. Anderswo zahlen Herren der Schöpfung viel Geld, um Frauen bei Verrenkungen an dünnen Rohren zuzusehen. Beim Radfahrern in einer gemischtgeschlechtlichen Gruppe war diese Leistung inklusive und lenkte trefflich von den Schmerzen der vergangenen Kilometer ab.
Und da am nächsten Tag wirklich nur noch ein kleiner Pass und mickrige dreißig Kilometer bis zum Gardasee warteten, ließen sie diesen Tag in einer Birraria ausklingen. Ein Tag voller Triumphe und Niederlagen wurde in einer lauen Sommernacht unterm Sternenzelt gemeinsam begossen.











