Laufen schenkt Freiheit

Geschrieben von: Wendelin HĂĽbner

Der Einstieg ins Laufen ist geschafft, jetzt heißt es: dranbleiben! Achim Achilles nimmt dich in seiner Serie mit auf den langen Lauf zu dir selbst. Im letzten Teil erklärt er, warum Läufer Organisationstalente sind.

 

Die beliebteste Ausrede für das Nicht-Laufen lautet seit jeher: keine Zeit. Interessant. Warum finden andere Menschen Zeit – Manager, Hausfrauen, Künstler, amerikanische Präsidenten, der Nachbar? Machen wir uns nichts vor: Es ist keine Frage der Zeit, sondern eine Frage von Prioritäten und ein wenig Organisationstalent.

Zunächst ist festzuhalten: Sport ist grundsätzlich gut und wird vom Partner schon aus bindegeweblichem Eigeninteresse selten torpediert. Zweitens kann man Laufen ideal mit sinnvollen Dingen kombinieren, mit einem Kinderwagen, dem Weg zur Arbeit, einer Mittagspause, dem Besprechungstermin, einem ausgiebigen Schwatz mit einem guten alten Freund. Und drittens gibt es da noch die Tagesrandzeiten: Ob morgens um halb sechs oder weit nach Mitternacht – immer sind irgendwo Läufer unterwegs. Der Komiker Wigald Boning beispielsweise hat Nachtläufe ganz gezielt unternommen, weil er Städte auf diese Weise ganz anders kennenlernte.

Zeitprobleme? Gibt es eigentlich nicht.

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Kultläufer Achim Achilles führt in dem E-Book in zehn gnadenlos kurzen Kapiteln vom Kampf gegen den inneren Schweinehund bis über die Ziellinie des Marathons. Und therapiert damit weit mehr als die Fitness und Ausdauer.…

Listen wir schonungslos auf, wo wir den Tag vertrödelt haben, uns im Internet verloren oder durchs ewig fade TV-Angebot gezappt haben, dann kommt jeden Tag locker exakt jene Stunde heraus, die wir für unser Wohlbefinden brauchen. Dazu braucht es nicht mehr und nicht weniger als die innere Bereitschaft. Ob die vorhanden ist? Die Antwort fällt denkbar leicht. Schon mal ein Zeit-Management-Buch gekauft? Und? Nach zehn Seiten in die Ecke gefeuert? So geht es fast allen. Würden derlei Bücher funktionieren, müsste die Menschheit nicht ständig neue kaufen. Systematisches Lauftraining, keine Frage, fügt unserem ohnehin schon vollgestopften Leben eine Belastung hinzu. Diese neue Zeiterfordernis zwingt uns andererseits, unsere anderen Budgets von Grund auf zu überdenken. Was ist uns wirklich wichtig? Und was kann eine Weile warten?

Zeit in Laufschuhen ist kostbare Zeit

Welchen therapeutischen Wert kann nun eine zeitliche Mehrbelastung haben? Ganz einfach: Sie schafft Ordnung. Es sind zwei Aspekte, die dem Läuferleben Übersichtlichkeit verleihen. Zunächst gilt es, dem Partner, der Familie, dem Job, vor allem sich selbst mindestens drei, besser fünf, bisweilen sogar zehn Stunden Zeit die Woche zu entreißen. Endlich wieder eine Gelegenheit, jede einzelne Aktivität zu prüfen und auf ihre Verträglichkeit mit unseren Bedürfnissen hin zu überprüfen. Vieles lässt sich kombinieren: Mag die Partnerin vielleicht mitlaufen? Sorgt ein früher Lauf am Samstag womöglich für deutlich größere Glücksgefühle als ein Morgen im Bett? Schon deswegen, weil der Nebel im Kopf verschwindet, den der Rotwein vom Abend zuvor hinterlassen hat.

Die Zeit in Laufschuhen ist nahezu fĂĽr jeden Freizeitsportler kostbare Zeit, weil sie irgendwo anders weggenommen wurde. Kostbare Zeit aber verlangt nach besonders bewusstem Umgang. So bekommt Lauftraining einen hohen ideellen Wert.

Zweitens erfordert systematisches Lauftraining Regelmäßigkeit. Dienstag ist beispielsweise der Tempo-Tag, Donnerstag ist der Dauerlauf dran, Samstag und Sonntag wird sowieso trainiert. Und plötzlich hat die Woche wieder einen Rhythmus. Zu Zeiten, da es richtig freie Tage kaum noch gibt, da die traditionelle Trennung zwischen Alltag und Wochenende mehr und mehr verschwindet, da sich Sonntage wie Dienstage anfühlen, schafft das Laufen neue Inseln der Freiheit, wenn nicht für Tage, so mindestens für Stunden.

Laufen schafft Ordnung

Früher bestimmten die Kirche oder die Landwirtschaft das Jahr. Im Winter wurde repariert, im Frühjahr aufgebaut, im Spätsommer geerntet. Genauso ist es beim Laufen. Der Tag, die Woche, der Monat, das Jahr – die Zeit ist, je nach Plan des Athleten, gestaltet in Erholungs-, Aufbau- und Leistungsphasen.

Wie die Religionen ihre Fest- und Fastenzeiten haben, ist auch gutes Training in disziplinierte und lockere Abschnitte eingeteilt, die relativ nachvollziehbar ineinander greifen. Was anderen Ordnungssystemen – ob Kirche, Job, Simplify-Zettel – nicht gelingt, schafft das Laufen. Wer trainiert, erkennt sehr bald den wechselnden Rhythmus von Trainings- und Entspannungszeiten. Ruhe ist Ruhe, Belastung ist Belastung, und das Wetter gewinnt auch an Wert. Laufen erfüllt das Bedürfnis der Menschen nach festen Abläufen.

Da diese Phasen mit unmittelbaren körperlichen Erfahrungen – von Erschöpfung bis spürbarer Fitness – einhergehen, kann der Freizeitathlet seinem Sport sehr viel emotionaler folgen als irgendwelchen gut gemeinten Programmen aus Diät-Zeitschriften. Disziplin, Ruhe, Konzentration – alles bekommt einen spürbaren Sinn, Klarheit und Ordnung. Das war schon länger nicht mehr so, oder?


Wo ist Zeit versteckt?

    • Wer eine Stunde frĂĽher aufsteht, hat 7 Stunden Trainingszeit pro Woche gewonnen.
    • Laufe zur Arbeit, wenn es im BĂĽro eine Dusche gibt. Oder nimm zumindest das Rad.
    • Nutze die Mittagspause fĂĽr einen entspannten Lauf.
    • GrĂĽnde einen Lauftreff mit spannenden Menschen.
    • Besprechungen lassen sich auch beim Laufen oder Gehen abhalten.
    • Lass die Klamotten im BĂĽro und laufe nach Hause.
    • Fernseher nervt? Partner auch? Wut auf den Chef? Kopf voller Themen? Nichts wie raus in die Natur!
    • Pack Dein Kind in den Babyjogger: Du hast Bewegung, der Partner seine Ruhe und das Kind frische Luft.
    • Vergiss nicht den Urlaub: Es tut gut, unbekannte Strecken zu laufen – und nachher guten Gewissens ran ans Buffet.
    • Langweilige Familienfeier? Setze einen wichtigen Blick auf, erwähne, dass Du „fĂĽr einen wichtigen Wettkampf“ trainierst und setze Dich fĂĽr eine Stunde ab.
    • Dunkelheit ist fast nie ein Problem. Falls Du mal eine Nacht keinen Sex haben solltest - Nachtläufe machen auch SpaĂź.