Warum Läufern in der Kälte die Luft wegbleibt

Geschrieben von: Frank Joung

Was wenige wissen: Körperliche Anstrengung kann Atembeschwerden und Asthma erzeugen. Sportmediziner Matteo Rossetto erklärt, warum Ausdauersportlern an kalten Tagen erst mal die Puste wegbleibt und wie man Hustenanfälle leistungssteigernd einsetzt.

 

Achim-Achilles.de: Herr Rossetto, Läufer haben in der kälteren Jahreszeit häufig ein Problem: Sie müssen plötzlich husten oder haben Atembeschwerden. Woran liegt das?

Matteo Rossetto: Wenn man an kalten Wintertagen oder bei trockener Luft Sport treibt, kann das zu Atemproblemen führen. Gerade bei Ausdauersportarten in der Kälte wird die Atmung stark gefordert, wir müssen schneller atmen, gleichzeitig werden die Atemwege durch die Kälte und den Feuchtigkeitsverlust stark gereizt. Sie kühlen und trocknen aus. Dann kommt es im leichtesten Fall zu Räuspern oder Husten, im Schlimmeren zu Atemnot.


 
Dr. Matteo Rossetto, Jahrgang 1959, ist Internist und Sportmediziner in der Sportklinik Basel im Münchenstein. Er ist Mitglied der Breitensportkommission des Schweizerischen Leichtathletikverbandes, selbst regelmäßiger „Genussläufer“ und betreut zahlreiche Läufer und Laufsportvereine.
Was kann man dann tun?So lange man nur ein kleines Kitzeln oder Räuspern hinter dem Brustbein verspürt, kann man sicher weiterlaufen. Dieses Phänomen ist mehr oder weniger bei jeder Belastung in der Kälte vorhanden. Es ist die mildeste Form eines so genannten Anstrengungsasthmas. Es beginnt meist zwischen der dritten und sechsten Minute einer körperlichen Anstrengung und erreicht nach rund zehn Minuten sein Maximum. Das Problem ist: Nicht jeder reagiert gleich. Wenn man also starke Atembeschwerden hat oder vor Husten kaum Luft bekommt, dann sollte man die Belastung lieber abbrechen.

Was passiert genau in den Atemwegen?

Unabhängig vom Auslöser reagieren die Atemwege immer gleich: die Muskeln der Luftwege verkrampfen, die Schleimhäute schwellen an. Es wir eng. Im Grunde ist es so, als würde man durch einen Strohhalm atmen – und wenn man dann läuft, schafft man es nicht, genügend Luft durch den Halm zu saugen, und man bekommt Atemnot. Wenn sich die Verengung der Atemwege wieder zurückbildet – das passiert meist innerhalb von 30 Minuten nach Belastungsende – kann man in der Regel wieder normal atmen.

 

"Jeder Asthma-Betroffene kann Sport treiben"

 

Asthmatiker müssen also nicht mit dem Sport aufhören?

Nein. Generell kann jeder Asthma-Betroffene Sport treiben. Wichtig ist, dass man selbst spürt, in wieweit man durch dieses Phänomen beeinträchtigt ist. Je kühler es ist, also bei Minustemperaturen, desto schneller kühlen die Atemwege aus. Solange man es abklingen lässt, genügend trinkt und vielleicht auch Dampfinhalationen macht, passiert meist nichts. Wenn man zu häufig oder intensiv – trotz Beschwerden – trainiert, kann es sich schon zu einem größeren Problem entwickeln. Dann ist auch die Gefahr größer, sich einen viralen Infekt einzufangen – und man wird krank.

Viele Läufer berichten, dass sie nach anfänglichen Atembeschwerden ohne Probleme auch lange Läufe absolvieren können. Wie erklären Sie sich das?

Tatsächlich ist es so, dass der Sportler nach dem ersten Auftreten der Atembeschwerden für die folgenden Stunden quasi „geschützt“ ist vor einem Wiederauftreten des Asthmas. Diese Eigenschaft wird „Durchlauf“-Phänomen oder „Running Through“ genannt, bei welchem sich die Atemprobleme bessern, auch man einfach weiterläuft.

Woran liegt das?

Man geht davon aus, dass es an der Ausschüttung luftwegserweiternder Botenstoffe liegt. Sie werden am Anfang der Belastung gebildet und lösen dann die Verkrampfungen der Bronchien.

Können sich das Sportler auch zunutze machen?

Klar, man könnte vor Wettbewerben beim Einlaufen bewusst, ein mildes Anstrengungsasthma provozieren, danach eine Pause einlegen. So wäre man dann im Wettkampf vor einem erneuten Hustenanfall besser geschützt.

 

"Läufer, die auf hohem Niveau laufen, müssen eine stärkere Atemarbeit verrichten"

 

Kann man im Vorfeld ganz vermeiden, dass es überhaupt zu einem Anfall von Anstrengungsasthma kommt?

Theoretisch ja. Einige Wintersportler, vor allem Ausdauerathleten wie Langläufer, verwenden manchmal gewisse thermische Atemhilfen. Diese wirken wie ein Filter und erwärmen die kalte Luft, die man einatmet. Allerdings hat man dann ein Plastikteil vor dem Mund – was nicht gerade angenehm ist. Ansonsten ist es ziemlich schwierig: Atmen muss man nun mal.

Ein warmer Schal, den man sich vor den Mund wickelt, reicht nicht?

Das funktioniert vielleicht zwei, drei Minuten, dann beginnt die Ausatemluft zu gefrieren. Dann hat man einen Eisklotz vor dem Mund. Das ist auch eher kontraproduktiv.

Warum haben Asthmatiker beim Laufen mehr Probleme als, sagen wir, beim Radfahren?

Je stärker der Körper beim Sport „geschüttelt“ wird, desto stärker scheint der Asthma-auslösende Reiz zu wirken. Beim Laufen oder Springen hat man eher Atemprobleme als bei sanften Disziplinen wie Radfahren oder Schwimmen.

Haile Gebrselassie musste beim diesjährigen Berlin-Marathon wegen Atemnot aufgeben. Warum leiden gerade viele Leistungssportler an chronischem Asthma?

Läufer, die auf hohem Niveau laufen, müssen natürlich auch eine stärkere Atemarbeit verrichten. Sie laufen und trainieren überall, teilweise auch in Trainingsumgebungen  oder Orten, wo man sich es früher zweimal überlegt hätte. Dadurch ist es sicher so, dass bei ihnen die Atemwege häufiger gereizt werden.

In manchen Sportarten scheinen auffällig viele Athleten an Asthma zu leiden. Wie glaubwürdig ist das?

Ich will es mal vorsichtig ausdrücken: Die Behandlung von Asthmabeschwerden mit den entsprechenden Inhalationsmitteln schützt vor dem Auftreten der an sich normalen Reaktion der Atemwege. Wenn man diesen Schutz hat, dann ist man diesem Risiko weniger ausgesetzt, man bleibt leistungsfähiger. Das könnte den einen oder anderen Sportler dazu verlocken, sich quasi als Asthmatiker zu verkaufen, damit er in den „Genuss“  dieser Inhalationsmittel kommt.

Interview: Frank Joung

 

 

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