Achilles' Verse Classics: Bin ich Husky, bin ich König

Geschrieben von: Achim Achilles

Laufen in der Kälte ist kein Spaß – doch von ein paar Minusgraden lässt sich Superathlet Achim noch lange nicht stoppen. Der selbst ernannte Wunderläufer begibt sich in die Kältehölle und findet sich plötzlich mitten in einem erbitterten Kampf um die besten Plätze.

Mona ist eine Frostbeule. Sie hat das Wohnzimmer in einen Saunaclub verwandelt. Mit unserer Wärmemenge könnte man eine ganze Plattenbausiedlung in der Ukraine heizen. Ick freu ma uff die Heizkostenabrechnungssonderumlage. Dafür hätte ich zwei Paar neue Laufschuhe bekommen.

"Ich geh morgen Winterserie laufen", verkünde ich Samstagabend. Mona staunt und schweigt. Beides tut meine zauberhafte Gattin selten. Endlich hält sie mich mal wieder für einen Helden. Elegant verschweige ich, dass meine Serie einteilig bleibt.

10, 15 und 21 Kilometer werden vom BSV 92 im Januar angeboten. Mir reichen die 15 Kilometer. "Du wirst erfrieren", sagt Mona. Besonders traurig sieht sie nicht aus. Aber mein größter Rivale, die Lebensversicherung, muss noch warten. Denn ich werde zurückkehren aus der Kältehölle. Bin ich Husky, bin ich König.

Das Starterfeld ist eine gurkenfreie Zone

Als Hardcore-Schwitzer ist Frost durchaus angenehm. Ich mag den zarten Klang gefrorener Schweißtropfen an den Haarspitzen. Windspiel des Läufers. Das Problem bei Winterläufen: Das Starterfeld ist eine gurkenfreie Zone, praktisch keine Wellness-Trotter, die auch mal einen halben Kilometer marschieren und das hintere Drittel der Ergebnisliste besiedeln.

Kein Bussibussi, keine Verpflegungsstände, nichts menschlich Warmes hier. Nur Leistungsgräten, die sich vorher ein lockeres Stündchen warmlaufen.

Mist. Ich wollte nie ein Rennen gewinnen, aber auch nie Letzter werden. Ich fahnde nach Frauen und Senioren unter den gut hundert Mumien am Start. Leider kann man den eingepackten Leibern kein Geschlecht zuordnen, den Männern schon gar nicht. Minus sechs Grad verwandeln selbst den prallsten Männerstolz in Cocktailwürstchen. Auch eine Spielart sozialer Gerechtigkeit.

Countdown. Lieber langsam loslaufen. Durch die Nase atmen, sagen die Kälte-Experten. Würde ich ja gern. Aber meine Nasenlöcher sind zu klein. Passt nicht genug Luft durch. Also doch durch den Mund. Geeiste Mandeln. Jetzt zum psychologischen Teil. Für jeden Wettbewerb setze ich mir drei Ziele, von denen mindestens eines leicht zu erreichen ist.

So gewinnt man sicher, auch wenn man Vorletzter wird.

Auf Runde zwei überholt mich der erste Blödmannsgehilfe

Ziel eins: Nicht auf die Schnauze legen oder sonstwie verletzen auf dem verschnei(s)ten Zwei-Kilometer-Rundkurs. Ziel zwei: Ankommen. Ziel drei: Konstant wie ein westfälisches Uhrwerk ambitionierte fünf Minuten pro Kilometer. Am Ende noch einen zarten Sprint – Zielzeit demnach exakt 1 Stunde 14 Minuten und 59 Sekunden.

Die größte mentale Herausforderung ist es, all die humpelnden, verwachsenen und charakterlosen Gnome zu ignorieren, die mich schon auf dem ersten Kilometer überholen. Wahrscheinlich bin ich jetzt schon Letzter. Egal. Ich drehe mich trotzdem nicht um. Auf Runde zwei überholt mich der erste Blödmannsgehilfe. Schrecklich, diese jungschen Idioten, die nichts als Laufen im Kopf haben.

Vor mir läuft ein Weinroter, aber er will nicht näher kommen. Auf der Schlussrunde ist er dran. Ein Knallroter, ein Schwarzer und eine Gelbe überholen mich. 50 Meter vor mir vereinen sie sich mit dem Weinroten. Warum müssen diese Menschen mich demütigen.

Der Knallrote will den Weinroten ĂĽberholen. Aber der Weinrote zieht an. Der Knallrote zuckt die Schultern und bleibt hinten. Die Gelbe und der Schwarze schauen zu. Auf der vorletzten Runde haben die drei den Weinroten weichgekocht und ziehen davon. Noch 20 Meter, dann habe ich den Weinroten auch.

Es sind die kleinen Siege, die man lieben lernen muss

Ich federe durch den Schnee. Aber er sieht meinen Schatten, hört mein Keuchen. Er zieht an. Ich lasse mich auf kein Scharmützel ein. Er fällt von allein zurück. Ich ziehe vorbei. Er kommt nicht hinterher. Es sind die kleinen Siege, die man lieben lernen muss.

Jetzt Tempo verschärfen, um die Gelbe und den Schwarzen zu holen. Dummerweise haben die beiden den gleichen Plan. Der kleine, dicke, hässliche Schwarze lässt sich von der Gelben bis kurz vor dem Ziel ziehen, dann sprintet er an ihr vorbei. Tolle Leistung.

Im Ziel: Blick auf die Uhr. Verflucht! 27 Sekunden ĂĽber Zielzeit. Egal. Ziel eins und zwei erreicht, und zudem den Weinroten kalt gemacht.

Auf der Fahrt nach Hause den ersten satten Krampf im linken Bein. Mona, ich lebe noch.

 

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