Psychologe Frankenbach: "Läufer sind harte Arbeiter"

Geschrieben von: Frank Joung
seitenstechen schmerz laufen

Sag mir, welchen Sport du treibst, und ich sage dir, wie du bist. Der Psychologe Thomas Frankenbach erklärt, warum Läufer harte Arbeiter sind und wie sich typische Männer- von Frauensportarten unterscheiden.

Achim-Achilles.de: Herr Frankenbach, Sie haben die psychologische Dimension des Sports untersucht. Wie würden Sie den klassischen Läufer charakterisieren?

Thomas Frankenbach: Ausdauersport ist ein Sport für beständige Arbeiter. Anders als etwa Surfer muss ich mich als Läufer aus eigener Kraft nach vorne bewegen. Die Bewegungen sind monoton, auch das muss man mögen. Im Vordergrund steht auch die Tugend der Beharrlichkeit. Läufer können sich aber auch fragen: Kommt der Genuss bei soviel Arbeit in der Freizeit zu kurz?

 

 

Thomas Frankenbach, Jahrgang 1973, leitet den Fachbereich Ernährung und Bewegung in einer osthessischen Klinik für Rehabilitations-medizin. Der Gesundheitswissen-schaftler, Psychologe, Bewegungstrainer und Autor macht seit 20 Jahren Karate und läuft gerne. Im April ist sein Buch „Warum Läufer beharrlich sind und Surfer das leben genießen – was dein Sport über dich verrät“ (Koha, 16,99 Euro) erschienen.

Läufer haben also Probleme, das Leben zu genießen wie zum Beispiel Surfer?

Das ist mir zu plakativ. Mir geht’s nicht darum, zu sagen: Du bist Läufer, deswegen bist du so und so. Mir geht’s darum, dass man seine eigenen Lieblingssportarten reflektiert und erkennt, warum man sie so gerne macht – es geht um Selbsterkenntnis.

Laufen ist monoton und erinnert an Arbeit. Wie kommt es, dass Ausdauersport so boomt?

Arbeitsrituale in der Freizeit sind per se keinesfalls negativ. Sie können ein Zeichen dafür sein, dass wir produktiv durchs Leben gehen. Außerdem haben viele die Erfahrung gemacht, dass Laufen ihnen körperlich und seelisch gut tut.

 "Buddhisten machen aus dem Pilgern ein Ganz-Körper-Work-out"

Warum tut Laufen der Seele besser als Kugelstoßen?

Kugelstoßen kann auch guttun. Aber: Monotone Bewegungsmuster helfen, mit sich in Einklang zu kommen. In vielen Religionen nutzt man solche Bewegungen, um sich zu zentrieren. Christen zum Beispiel pilgern stundenlang, um ihre Mitte zu finden, Buddhisten machen aus dem Pilgern eine Art Ganz-Körper-Work-out. Sie laufen drei Schritte, knien dann nieder, verbeugen sich, stehen wieder auf – das machen die jeden Tag stundenlang, über Wochen – und finden so auch ihr seelisches Gleichgewicht wieder.

Ist Sport eine Art Ersatzreligion geworden?

Für einige Menschen ist er das sicher. Auf der ganzen Welt widmen die Menschen viele Stunden ihrer kostbaren Zeit dem Sport. Gleichzeitig greifen vielerorts die althergebrachten abstrakten und moralischen Wertesysteme weniger als früher. Der Einfluss der traditionellen Religionen scheint zu schwinden. Andererseits wird Sport zum Massenphänomen, er gibt den Leuten etwas. Dass da auch religiöse Sehnsüchte eine Rolle spielen, zeigen Begriffe wie Laufpapst, Fitnessjünger oder Ernährungsbibel. Ob Sport allerdings dauerhaft ein gebührender Religionsersatz ist, daran zweifle ich.

Jugendliche tendieren eher zu Fun-Sportarten wie Skaten, Unternehmer oder Manager eher zum Joggen. Warum ist das so?

Dem Jugendlichen geht’s womöglich um Ausdruck eines Lebensgefühls, das extrem entspannt rüberkommt und sich so vom Establishment abhebt. Der Geschäftsmann sucht vielleicht Ausgleich zum Berufsleben. Themen aus dem Alltag werden in den Sport verlagert. Ein Großteil der Läufer übt einen Sport aus, weil dieses An-was-Dranbleiben eine konsequente Übertragung ihrer Lebensprinzipien in den Sport ist. Sport kann ein Spiegelbild der Lebensauffassung sein. Bin ich im Leben oder im Beruf beharrlich und beweise Ausdauer, so zeige ich dies womöglich auch beim Sport.

Aber Skater müssen doch auch üben, um gut zu werden.

Alle Sportler eint, dass sie sich immer wieder einer Sache zuwenden. Skater und andere Funsportler nutzen aber primär die Gravitation und machen sich die Elemente zunutze. Das Sich-Bewegen geschieht weniger aus Eigenantrieb, hier ist eher Feinmotorik und Kreativität gefragt. Noch ein großer Unterschied: Der Skater hat Spaß, während er Skateboard fährt.

Und die Läufer haben keinen Spaß?

Doch, sicher auch. Aber sie sähen beim Training auch Samen, die Früchte werden aber erst später eingefahren. Irgendwann merkt man, jetzt komme ich leichter die Treppe rauf oder bin nicht mehr so schnell gestresst. Solche Sportarten sind meist Themen für Menschen, die anfangen, verantwortungsvoll mit sich und ihrem Körper umzugehen. Arbeit und Produkt. Sie schuften auf der Strecke, in der Muckibude – den Gewinn haben sie später. Das macht diese Sportarten für viele so attraktiv.

"Es gibt den Schatten in uns"

Es gibt immer wieder Menschen, die im Alltag lieb und nett sind, auf dem Fußballplatz aber unfaire Ekelpakete. Wie erklären Sie sich das?

Carl Gustav Jung, ein Schüler Freuds hat gesagt: „Es gibt den Schatten in uns.“ Bestimmte Aspekte, die wir sonst gerne verdrängen – und die womöglich im Sport zutage treten dürfen. Der Spieler lebt seine Aggressionen auf dem Platz aus, weil es hier okay und sozial anerkannt ist, aggressiv zu sein. Würde er das gleiche Verhalten am Arbeitsplatz zeigen, würde es schwierig.

Wie unterscheiden sich typische Männer- und Frauensportarten?

Klar, dass es in allen Sportarten hoch talentierte Frauen und Männer gibt. Eher männlich dominierte Sportarten wie Motorsport sind jedoch häufig reine Wettkampfsportarten, wo es primär auf das archetypische Wetteifern, Sich-Messen-Wollen ankommt. Männer scheinen oft einen möglichst objektiven Vergleich, ein Ranking zu brauchen: eine bestimmte Zeit erreichen, eine gewisse Anzahl von Toren schießen. Bei weiblich dominierten Sportarten wie Ballett oder Rhythmische Sportgymnastik sehen wir eher subjektive Formen der Bewertung wie Ästhetik oder Körperbeherrschung.

Warum sollten Menschen ihren Sport überhaupt analysieren?

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Nicht selten ist es so, dass Menschen mit einem neuen Lebensthema auch eine neue Sportart beginnen oder intensivieren. Wer sich selbst reflektiert, gibt Licht zum Schatten und steigert sein Wohlbefinden. Je höher die Selbsterkenntnis, desto höher ist auch die Chance, ein angenehmeres Leben zu führen, innere Blockierungen zu lösen, erfolgreicher zu sein. Wir haben so die Chance, dem Fitnessbegriff eine neue Dimension öffnen.

Interview: Frank Joung

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