Diagnose QuerschnittlĂ€hmung: "Mein RĂŒcken war eine Zeitbombe"

Geschrieben von: Ellen-Jane Austin

Mirko LĂ€pple war passionierter Sportler, bis ihn seine Beine plötzlich nicht mehr trugen. Im Interview spricht er ĂŒber die Diagnose QuerschnittslĂ€hmung und seinen Kampf zurĂŒck in ein bewegliches Leben.

Achim-Achilles.de: Herr LĂ€pple, als ehemaliger American-Football-Spieler in der Football League of Europe haben Sie ein sehr aktives Leben gefĂŒhrt - dann die Diagnose: QuerschnittslĂ€hmung. Was war passiert?

Mirko LĂ€pple: Ein paar Tage nach einem Beachvolleyball-Spiel hatte ich so starke RĂŒckenschmerzen, dass meine Frau mich ins Krankenhaus fuhr. Die Ärztin in der Notaufnahme machte ein paar Tests und wollte mir ein Muskelentspannungsmittel verschreiben. WĂ€hrend ich auf der Liege lag, bemerkte ich, dass ich meine Beine nicht mehr spĂŒren konnte.

Was hat die Ärztin dazu gesagt?

Sie war verwirrt und ĂŒberfordert, schließlich waren eben noch alle Tests okay. Ich kam sofort in den Kernspin. Die Ursache war den Ärzten schleierhaft, da ich ja keinen Unfall gehabt hatte. Aber sie ahnten, dass es nicht gut aussah. Der Neurochirurg stellte mich vor die Wahl: Abwarten was passiert oder Notoperation mit ungewissem Ausgang.

Im besten Fall wĂ€ren LĂ€hmung und Schmerzen weg, im schlimmsten Fall die QuerschnittslĂ€hmung final. Ich habe mich fĂŒr die OP entschieden, denn schlimmer konnte es fĂŒr mich nicht werden.

"Der Moment war so surreal"

Wie verlief die Operation?

Als ich im Aufwachraum lag, sagte der Arzt, ich solle doch mal meine Beine bewegen. Das ging nicht. Die Schmerzen im RĂŒcken waren weg, aber meine Beine waren gelĂ€hmt. Es folgten weitere Tests. Abends bekam ich die Diagnose, vom Becken abwĂ€rts querschnittsgelĂ€hmt zu sein.

Wie haben Sie sich gefĂŒhlt, als die Diagnose ausgesprochen wurde?

In dem Moment nimmst du das gar nicht wahr. Es war so surreal. Ich wollte einfach, dass sie mich wieder hinkriegen.

Wann haben Sie ihren Zustand akzeptiert?

Das war am nÀchsten Morgen beim Besuch meiner Eltern. Wir haben ziemlich viel geweint.

Wie ging es dann weiter?

Ich sollte ins QuerschnittsgelĂ€hmtenzentrum verlegt werden - wogegen ich mich gewehrt habe. Es ließ mein Schicksal so endgĂŒltig wirken. Ich wollte allen zeigen, dass ich nicht kaputt bin. Verlegt wurde ich trotzdem.

Wie ging es dort weiter?

Der Anfang war scheiße, aber mit der Zeit habe ich gelernt, mich etwas besser mit meinem neuen Leben zu arrangieren. Das lag vermutlich auch daran, dass ich mir mein Zimmer mit einem 19-JĂ€hrigen geteilt habe, der von den Schultern abwĂ€rts gelĂ€hmt war. Bei mir waren es immerhin nur die Beine. Aber echte Akzeptanz gelang mir nicht. Ich wollte einfach nicht aufgeben.

Da kam wohl der Sportler in Ihnen durch.

Ja. Im American Football muss man ein harter Hund sein. Stundenlang habe ich da gelegen, auf meine FĂŒĂŸe gestarrt und versucht, sie dazu zu bringen, sich zu rĂŒhren. Nach drei Wochen im QuerschnittsgelĂ€hmtenzentrum konnte ich tatsĂ€chlich zum ersten Mal meine Zehen bewegen.

Danach ging es ziemlich schnell. Ich habe trainiert wie besessen. Trainieren kann ich. Nach einigen Wochen wurde ich mit Gehhilfe entlassen und zur Reha geschickt.

"Ich hatte ja auch eine saugeile Zeit"

Haben Sie inzwischen herausgefunden, woher die LĂ€hmung kam?

Zumindest haben die Ärzte eine ziemlich sichere Vermutung. Ich hatte vor circa elf Jahren einen Zusammenstoß beim American Football, bin dabei auf den Kopf gefallen und wurde vom Feld getragen. Bei den Untersuchungen wurde ein Haarriss im gallertartigen Ring im Teil einer Bandscheibe entdeckt.

Durch meine gute Tiefenmuskulatur wurde alles stabilisiert und man musste nichts machen. Mir ging es schnell wieder gut. Kurz darauf habe ich mit dem Football aufgehört und die Muskulatur wurde mit der Zeit immer schwĂ€cher. Mein RĂŒcken war vermutlich eine Zeitbombe.

Sie waren nach Ihrer Genesung noch American-Football-Coach. Hatten Sie kein schlechtes GefĂŒhl dabei, die Spieler aufs Feld zu schicken?

Heute ist die Ausbildung eine ganz andere. FrĂŒher hieß es zum Beispiel: 'Rein mit dem Kopf beim Tackle', heute heißt es: 'Kopf weg beim Tackle'. Die Spieler werden viel besser trainiert, seit man mehr darĂŒber weiß, was alles passieren kann.

In den USA sind die gesundheitlichen LangzeitschĂ€den beim Football ein großes Thema: GehirnerschĂŒtterungen und andere SchĂ€den, die Jahre spĂ€ter zum Tod der Spieler fĂŒhren können. Sie haben einen Sohn, was wĂ€re, wenn er Football spielen wollte?

TatsĂ€chlich interessiert er sich dafĂŒr. Momentan macht er Jiu Jitsu und schwimmt – und das ist mir auch ganz recht. Falls er eines Tages spielen will, werde ich ihn nicht aufhalten. Ich werde aber dafĂŒr sorgen, dass er wirklich gut ausgebildet wird. Ich hatte ja auch eine saugeile Zeit, die ich nicht missen möchte. Trotz des Unfalls.

Wie geht es Ihnen heute?

Meine Zeit in den Kliniken ist nun fast fĂŒnf Jahre her, aber ganz abgeschlossen habe ich mit dem Thema nicht. Ja, ich hatte unglaubliches GlĂŒck, dass ich jetzt wieder ein normales Leben fĂŒhren kann, aber ich frage mich auch - warum ich?

MirkoLaeppleHundZur Person: Mirko LĂ€pple, Jahrgang 1970, ist ehemaliger American-Football-Spieler und deutscher Country Manager fĂŒr die dĂ€nische Sportbekleidungsmarke Newline. In seiner Freizeit fĂ€hrt er gerne Ski, spielt Golf und macht Fitnesstraining. Er ist Vater von zwei, bald drei Kindern und lebt in Hamburg. (Foto: privat)