Velothon 2016: Berlin feiert seine Jedermann-Radler

Geschrieben von: David Bedürftig
velothon berlin

Der Velothon in Berlin ist für viele Radfahrer ein Highlight im Jahr – vor allem für die Freizeit- und Hobbysportler. Neben Höllentempo, frenetischem Jubel und Bestzeiten gab es aber auch schlechte Nachrichten: Ein 65-jähriger klagte über körperliche Beschwerden – und verstarb im Krankenhaus.

Berlin schläft noch, die Straßen sind leergefegt. Vereinzelt torkeln müde Partygänger, große Sonnenbrillen auf den Nasen, aus Clubs und Bars. Es ist der Sonntagmorgen des neunten Berliner Velothons und die ersten Sonnenstrahlen kitzeln angenehm auf der Haut. Ein Rennen für Jedermann – so wird das Event angepriesen – und ein Höhepunkt im Sportkalender der Hauptstadt.

Um 7 Uhr schlummert auch der Tiergarten, Start und Ziel des Velothons, noch ruhig. Nebenan wartet die Fanmeile auf die Abendspiele der Europameisterschaft.

Wellenstarts und frenetischer Jubel

„Peng!" Um Punkt 7.40 Uhr ertönt ein Schuss: Am Start treten die ersten Jedermänner kräftig in die Pedalen und sausen im Schatten der Siegessäule los. 60 Kilometer quer durch Berlin wollen sie überwinden. Die ersten Zuschauer klatschen bereits am Rand – rund 250.000 kommen über das gesamte Velothon-Wochenende.

„10-9-8-7..." Die nächsten 40 Minuten ertönen nun immer wieder Countdown und Startschuss: Wie beim Marathon gibt es Wellenstarts, es können natürlich nicht alle rund 10.000 Teilnehmer gleichzeitig losfahren. Kurz nach neun bricht dann zum ersten Mal frenetischer Jubel aus. Keine Spur mehr von Berliner Müdigkeit. Im Affenzahn und mit grimmigen Mienen rasen die Spitzenleute auf der Straße des 17. Juni gen Ziellinie, da wird bis zum letzten Meter gekämpft – und durchaus mal gedrängelt.

„Insgesamt sind die Unfall- und Versorgungszahlen etwas geringer als im Vorjahr", sagt Velothon-Pressesprecher Reinald Achilles. „Auf der Strecke mussten knapp 50 Leute versorgt werden, das ist bei über 10.000 Teilnehmern verhältnismäßig wenig." Das Risiko bei solch einem Rennen sei für Radfahrer wie im normalen Berufsverkehrt und sie wüssten darum.

Fotos Velothon

„Besonders die Frauen waren echt schnell"

Nachzügler sind deshalb schon entspannter unterwegs, halten sich an den Händen oder ballen die Faust. Erschöpft sind sie alle – und bejubelt werden sie immer. Fans halten Poster in die Höhe, lassen Rasseln lautstark kreisen, hämmern mit den Fäusten auf die Werbebanner an den Absperrungen: Nach nur anderthalb Stunden zischt Enrico Busch, immerhin schon Jahrgang 1959, mit einem Höllentempo als Erster über die Ziellinie.

Reinald Achilles weiter: „Die Fahrer waren auch dieses Jahr sehr fix unterwegs." Buschs Durchschnittsgeschwindigkeit: Stolze 42,8 Stundenkilometer. „Besonders die Frauen waren echt schnell", so der Pressesprecher weiter, „das fiel auf." Nur sechs Minuten nach dem Gewinner durchquert Lydia Schad als erste Radlerin das Ziel.

Gleichzeitig starten nun die Jedermänner mit noch mehr Ausdauer: 120 Kilometer ist ihre Strecke lang. Die Zuschauer treffen mit voran schreitendender Uhrzeit in immer größeren Scharen ein. Neben dem Geknatter ihrer Rasseln, dem Zujubeln und der schallenden Partymusik versteht man an der Rennstrecke kaum noch sein eigenes Wort.

„Du hast es geschafft" – „Starkes Rennen" – „Herzlich Willkommen im Ziel für den Teilnehmer aus Schweden" – Nur der Ansager übertönt mit seinem Mikrofon jedes Gerufe. Jeder Fahrer trägt einen Chip bei sich, so dass er stets weiß, wer ins Ziel rollt.

"Ich bin echt stolz auf die Zeit"

Knapp eine Stunde nach dem Sieger hat es auch Ex-Koloss Micha Klotzbier endlich geschafft: Mit einer respektablen Zeit von 2 Stunden und 18 Minuten und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp 29 Stundenkilometern. „Mann, war das geil", prustet er seine ersten Worte noch direkt im Ziel heraus. „Von der Kondition her war es super, ich hatte viel mehr Angst als nötig war."

Auch Michas Freundin Kristin hatte anfangs ein wenig Bammel. „Ich dachte, dass wir vom Besenwagen eingeholt werden", sagt sie lachend. "Aber jetzt bin ich echt stolz auf unsere Zeit". Die beiden Amateur-Radler gingen auch gleich mit einer Puls-Challenge an den Start. Micha gewinnt mit 122 Schlägen pro Minute gegenüber Kristins 143 und strahlt vor Glück: „Sie muss sich jetzt einen Monat lang zuckerfrei ernähren." Ein alkoholfreies Bier zur Erholung gönnten sich dennoch beide.

65-Jähriger stirbt nach Beschwerden

Später macht noch eine traurige Nachricht die Runde. „Auf der 60-km-Strecke ist ein erfahrener 65-jähriger Radler wegen körperlicher Beschwerden zunächst vom Fahrrad abgestiegen", erklärt Pressesprecher Achilles. „Der Notarzt kam schnell und fuhr ihn ins Krankenhaus. Leider war die Sache so gravierend, dass der Mann dort verstarb."

Trotz dieses Schocks zieht der Velothon-Offizielle ein positives Fazit: „Die Teilnehmerzahlen konnten wir im Vergleich zum Vorjahr noch mal ein bisschen steigern, das Wetter hat mitgespielt. Es war ein rundum gelungenes Radsportfestival auf allen Ebenen."

Hier könnt ihr Michas Strecke nachverfolgen: www.strava.com/activities/614887931

Hier geht's zu den Ergebnissen des Velothon:www.velothon-berlin.de/velothon/ergebnisse/

 

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