Extremläuferin Flammersfeld: Ich laufe vor nichts weg, ich laufe auf etwas zu

Geschrieben von: Frank Joung
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Anne-Marie Flammersfeld ist eine der erfolgreichsten Extremläuferinnen der Welt. Die 36-Jährige spricht über die Einsamkeit von Extremsportlern, die Überwindung der Berge und das tiefe Loch nach Wettkämpfen.

Achim-Achilles.de: Frau Flammersfeld, Mario Götzes Siegtor im WM-Finale haben Millionen Zuschauer live mitverfolgt. Bei 100-Kilometerläufen schauen nur wenige zu. Haben Sie sich die falsche Sportart ausgesucht?

Anne-Marie Flammersfeld: Nein, es geht mir nicht um die Anerkennung von außen. Ich laufe aus innerem Antrieb. Es ist wie bei einem Kind, das sich stundenlang gedankenverloren mit einer Sache beschäftigt und pure Begeisterung spürt.

Sie haben 2012 den 4-Deserts, einen der härtesten Wüstenläufe der Welt, gewonnen. Eine tolle Leistung, aber die meisten können nicht nachvollziehen, was Sie da geleistet haben. Macht Extremsport einsam?

Nach der zweiten Etappe wollte ich meinen Freunden mitteilen, dass ich den Lauf durch die Wüste Gobi gewonnen habe. Aber es ging nicht, im Hotel gab es kein Internet. Also saß ich im Hotelzimmer und keiner konnte mir gratulieren, keiner hat mit mir gefeiert.

Eigentlich schade.

Ja, aber mir wurde da klar: Ich kann mich nur selbst feiern. Natürlich können andere sagen: ‚Haste gut gemacht'. Aber ich muss es selbst spüren. Noch ein Beispiel: Letztes Jahr bin ich vom tiefsten auf den höchsten Punkt der Schweiz gerannt ...

Sie waren fünf Tage unterwegs, bei 10.000 Höhenmetern ...

...genau. Als ich nach erfolgreicher Beendigung des Projekts abends wieder in Zermatt angekommen war, bin ich dann mit meinem riesigen Rucksack zwischen den vielen Touristen durch die Straßen geschlendert – und habe einfach nur ein dickes Grinsen im Gesicht gehabt.

Niemand wusste, was ich die letzten Tage gemacht habe. Nur ich wusste, was ich geschafft hatte.

"Nach dem Wettkampf verfalle ich in eine Depression"

Was machen Sie nach den Wettkämpfen?

Ich kann sehr gut entspannen, aber das Interessante ist, dass ich nach allen Wettkämpfen in eine „Post-Race-Depression" verfalle. Ich sitze zu Hause rum, schlafe schlecht, und manchmal kommen mir die Tränen. Ich weiß, dass das so ist, aber trotzdem bin ich immer wieder überrascht, dass ich da so in ein tiefes Loch falle.

Wie lange dauern diesen depressiven Verstimmungen?

Sechs bis zehn Tage. Aber es ist okay und auch irgendwo logisch. Das hohe Trainingspensum, der Adrenalinkick beim Wetkampf pushen mich so in die Höhe, da muss ich mich danach wieder normalisieren. Sonst drehe ich durch.

Wie gehen Sie damit um?

Ich akzeptiere es und schreibe mir meine Gedanken währenddessen auf, damit was hängenbleibt. Ich werde oft gefragt: Wovor läufst du weg? Da sag ich immer: Ich laufe vor nichts weg, ich laufe auf etwas zu.

Es scheint, als stünde das Erleben als solche im Vordergrund und nicht der sportliche Ehrgeiz.

Ja, auf jeden Fall. Ich bin kein Profi, ich laufe aus Spaß und um neue Dinge kennenzulernen. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass ich wohl nie einen Lauf zweimal machen werde. Ich entdecke gerne neue Länder und neue Läufe.

 

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