Jan Frodeno: Vom Weichei zum Ironman – Wie ich zum Sieger wurde

jan frodeno

Früher Leiden, heute Leidenschaft. Früher Zweifler, heute Winner. Jan Frodeno, der beste Triathlet der Welt, hat sich mental neu programmiert, ganz ohne Tschakka und Eso-Firlefanz. Eine Geschichte vom unbedingten Gewinnenwollen. Teil 1. Aufgezeichnet von Achim Achilles.

Jan Frodeno, 35 Jahre alt, geboren in Köln, 194 cm groß, 76 Kilogramm schwer, fünf Prozent Körperfettanteil, Ruhepuls 36, Maximalpuls 195.

Wie ich mich umprogrammierte

Zwei Wochen vor Peking hat es geknallt. Ich bereitete mich im Trainingslager auf der südkoreanischen Insel Jeju auf die Olympischen Spiele vor. Feinschliff. Ich lag im Halbschlaf, es war gegen halb zwei Uhr morgens. Wie jede Nacht hatte ich meine Kopfhörer aufgesetzt und hörte dieses Psycho-Tape, zum aberhundertsten Mal.

Meine Kopfbilder dazu waren in den letzten Monaten immer dieselben gewesen: Ich lag beim abschließenden 10-km-Lauf in Führung. Doch kurz vor dem Ziel war ein Konkurrent an mir vorbeigeschossen. Ich war nicht in der Lage dranzubleiben. Zweiter.

Immer und immer wieder. Für viele mag Silber eine ehrenvolle Platzierung sein. Für mich bedeutet ein zweiter Platz Niederlage, Demütigung, Versagen.

Plötzlich schreckte ich aus dem Bett hoch. Ich sprang auf, zappelte und begann wie ein Irrer durch die kleine Bude zu tanzen. Ich warf die Arme in die Luft, johlte und hüpfte. Endlich! EndlichEndlichEndlich! Zum allerersten Mal hatte ich mich in meinem Kopffilm nicht überholen lassen.

Ich wusste nicht, warum, aber zum ersten Mal war ich nicht der Loser, sondern der souveräne Sieger. Ich habe das Ding gewonnen, nicht locker, aber klar. Offenbar war mir gelungen, woran ich fast schon nicht mehr geglaubt hatte: Ich hatte mich umprogrammiert, von Zweiter auf Erster.

Tatsache: Ich war ein Weichei

Jahrelang hatte ich mich innerlich wie eine Niete gefühlt, was man Medien, Fans und Sponsoren besser nicht verrät. Tatsache war: Ich war ein Weichei. Ich ließ mich von irgendwelchen blöden Storys leiten, die in meinem Kopf herumgeisterten.

In den entscheidenden Momenten kurz vor dem Ziel knickte ich ein. Nun, als ich schon fast nicht mehr daran geglaubt hatte, war ich plötzlich ein Champion. Weil ich in meinem Unterbewusstsein erfolgreich herumgeschraubt hatte.

Zugegeben, die Story klingt ebenso simpel wie verrückt. Aber 14 Tage später hatte ich die Goldmedaille.

Seither habe ich den Ironman auf Hawaii zweimal gewonnen, bin Weltmeister über die Mitteldistanz geworden und habe die Weltbestzeit über die Langstrecke in Roth aufgestellt.

Ich habe einen Fast-Burnout durchgestanden und einen brutalen Muskelfaserriss. Ohne diesen Klick im Sommer 2008 hätte ich diese Erfolgsstrecke nicht hinbekommen.

Es gibt einige Kollegen, die mindestens so talentiert und trainingsfleißig sind wie ich, Sebastian Kienle zum Beispiel. Aber er ist dreieinhalb Minuten langsamer auf Hawaii. Lässt sich diese vergleichsweise minimale Distanz mit noch mehr Training aufholen? Ich glaube nicht.

Am bitteren Ende eines Wettkampfs, wenn wir im tiefroten Bereich unterwegs sind, entscheidet nicht mehr stärkere Körper, sondern die festere Birne. Und die habe ich mir seit Olympia 2008 systematisch neu programmiert.

Die weniger gute Nachricht: Es gibt keinen Trick. Die Sache dauert, sie strengt an, sie ist schmerzhaft.

Die gute Nachricht: Es ist möglich.

Und die allerbeste Nachricht: Mein ganzes Leben hat sich seither zum Besseren verändert.

Nach außen sind wir immer Sunnyboys

Was genau hatte ich vor Peking nun gemacht? Zunächst war mir klar geworden, dass mein Sportlerleben oftmals eine Qual war. Das Training strengte mich an, vor Wettkämpfen war ich nervös und fiel in düstere Verlierer-Phantasien. Nach außen sind wir ja immer die Sunnyboys.

Aber innendrin, da rumort es gewaltig. Nach einigen zweiten und dritten Plätzen in den Jahren 2006 und 2007 war mir klar, dass etwas passieren musste. Ich habe enge Rennen immer auf der Zielgeraden verloren: Europameisterschaft, Weltcups. Es war zum Verzweifeln.

Und ich stand vor einer fundamentalen Entscheidung: Wollte ich den Leidensweg gehen und eine Sportlerkarriere durchmachen, die wie so viele andere knapp unterhalb des Gipfels enden? Oder war ich bereit, noch einmal neu anzufangen, mit allen Konsequenzen, vor allem der, dass ich mich mir selbst stellen müsste, meinen Ängsten, meinen Schwächen, meinen eigenen Erwartungen und denen meiner Umwelt?

War ich bereit, mich ehrlich zu machen? Das mag lächerlich klingen, aber ich verspürte Panik: Was ist, wenn da etwas ganz anderes auftaucht als ich erhoffte? Was, wenn ich wirklich jenes Weichei war, als das ich mich bisweilen, wenn auch nicht immer, fühlte?

Ich habe mich für den zweiten Weg entschieden, für die Treppenstufen hinab in die Welt meines Unterbewusstseins, hin zu meinen Traumata, in den düsteren Keller der eigenen Seele, wo jede Menge Gerümpel aus alten Zeiten lagerte. Dieser Müll sollte ans Licht. Im Kern geht es darum, unbewusste Glaubenssätze aus der Vergangenheit hervor zu holen, die mich in Grenzsituationen womöglich bremsten.

Zusammen haben sie Olympiasieg, Iroman-Hawaii-Titel und Challenge Roth gewonnen: Jan Frodeno und Achim Achilles (Foto: Felix Rüdiger)

Mein Komplex: Du kannst nicht schwimmen

Ich habe zum Beispiel herausgefunden, dass ich mir eingeredet habe, ein gescheiterter Leistungsschwimmer zu sein. Ich war 15, als ich das Schwimmen überhaupt gelernt habe.

Spitzenschwimmer haben da schon einige Jahre Training hinter sich. Obwohl ich regional ganz gut war und viel trainierte, habe ich den Anschluss an die nationale Spitze nicht geschafft. So hatte sich bei mir unterbewusst ein Versagenskomplex verfestigt: Du kannst nicht schwimmen. Die anderen sind viel besser. Vergiss es.

Solche miesen kleinen Sätze fressen sich fest und wirken im Wettkampf wie mentale Bremsen, wenn das Hirn, dieser tückische Clown, in Momenten höchster Anstrengung nach allerlei Möglichkeiten sucht, sich dem Gequäle zu entziehen.

Ich habe mich immer wieder unbewusst in solche negativen Sätze zurückfallen lassen. Aber mit Training kommt man gegen eine solche Programmierung nicht an. Denn unterbewusst ist noch härteres Trainieren nichts anderes als eine Selbstbestrafung für das eingeredete Versagen.

Ein Kampf der schlechten Gefühle

Das Ergebnis: Training macht keinen Spaß, sondern ist ein dauernder Kampf gegen das eigene schlechte Gewissen. Im Schatten der Seele tobt ein verhängnisvoller Kampf der schlechten Gefühle. Was sich aber im Unterbewusstsein verbirgt, sitzt auch in den Knochen. Ich wollte es weg haben. Raus damit.

Mit Hilfe eines Tapes, einer Mischung aus autogenem Training und Hypnose, ging ich das Problem an. Die Texte bildeten oft widersprüchliche Untertitel zu meinem Kopffilm. Denn während ich in Gedanken mal wieder ein Rennen versemmelte, sprach das Tape tapfer dagegen an.

Der Text war weder Hexenwerk noch literarisch wertvoll, eher in die Richtung: Ich kann gewinnen. Ich will gewinnen. Ich schaffe das. Nicht sehr originell, zugegeben. Und anfangs scheinbar auch nicht sehr wirkungsvoll. Ich habe dieses Tape gehört, immer und immer wieder. Aber nichts hat sich getan – bis zu dieser Nacht 2008 in Jeju, bis zum Wunder in Südkorea.

Ich bin in den Monaten davor fast verrückt geworden, weil ich dieses Trauma vom Verlieren auf den letzten Metern offenbar so tief in mir trug, dass ich einfach nicht herankam und fast daran zerbrochen wäre. Wirklich wahr.

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