Road to Roth (7): "Es war das Härteste, was ich je gemacht habe"

UnermĂĽdlich trainierte Guido Kleemann fĂĽr seinen Traum: Challenge Roth – fĂĽr viele, der Triathlon schlechthin. Ein paar Tage später, schreibt er die Emotionen und Ereignisse nieder. Hier sein sein Bericht zum Wettkampftag. 

Plötzlich war er da, der lang ersehnte Tag X, auf den ich mehr als sechs Monate gezielt hintrainiert hatte. Kaum ein Tag war vergangen, an dem ich nicht an diesen Tag gedacht habe. Anfangs noch nebulös irgendwann in der Ferne – im letzten Monat dann immer klarer fokussiert auf diesen Tag, zuletzt sogar auf die genaue Startzeit fixiert.

Sogar Wasser mit erhöhtem Ante

il Hydrogencarbonat habe ich meine Frau besorgen lassen, weil das für Speicher sorgen soll. In den letzten Wochen wurden die Schritte vorsichtiger gesetzt als sonst, jetzt bloß nicht mehr umknicken. Das klingt wahrscheinlich alles etwas übertrieben, entspricht aber tatsächlich der Realität.

19731994 10157250271866515 1651338829774201183 nFrĂĽh am Morgen war noch alles ruhig auf der Challenge Roth

Endlich in Roth – die Eindrücke überschlagen sich

06:50 geht mein Startschuss, 20 Minuten nach den Profis.

Mehr als 4.000 Kilometern in den Beinen über 200 Trainingsstunden. Rückschläge durch Verletzungen, zum Glück nichts Schlimmes. Und nun ist er da, Sonntag der 09. Juli 2017 und es soll der denkwürdigste Tag des Jahres werden.

Wir – das sind mein Sohn und Manager, den ich extra von der Klassenfahrt früher zurückreisen ließ und ich – sind am Freitag angkommen wie die meisten. Unser Lager haben wir nahe des Starts auf einer Campingwiese aufgeschlagen, ohne zu wissen, ob das eine Gute Idee war, aber mit einer dicken Matratze im Gepäck, Ohrstöpsel und Schlafbrille würde hoffentlich genug Schlaf möglich sein. Am Freitag suchten wir die Nudelparty auf und holten in einem riesigen aufgeheizten Zelt auf der riesigen Messe die Startunterlagen ab.

Bei der Wettkampfbesprechung war die wichtigste Verkündung für die meisten, dass die Wassertemperatur einen Neoprenanzug zulässt. Für einen Nichtschwimmer wie mich eine wichtige Aussage. Geschwommen wir im Main-Donau Kanal eine Wendepunktstrecke.

Die ganze Triathlonwelt schien auf den Beinen. Selbst ein Foto mit unserem Weltmeister Frodeno haben wir ergattert. Wir fuhren einen Teil der Radstrecke ab tankten und am Abend zuvor noch mit unseren Freunden von den Weltraumjoggern Kohlenhydrate in einem Biergarten.

Beim Rad einchecken am Samstag wurde einem das Ausmaß schon mal bewusst. 4.000 Räder in der Wechselzone. Fast alle besser als meins. Viele von ihnen im Wert eines Kleinwagens.

226 Kilometer, die mir einiges abverlangen werden. Ja, ich habe mir eine Traumzielzeit zurechtgelegt. Wenn alles perfekt klappen würde, könnte ich unter 10 Stunden bleiben können. Aber es könnten genau so gut einpaar Stunden mehr werden. Zu viel kann passieren, dass eine Planung zunichte macht. Wir werden sehen. Ob es klug war, sich eine Zeit vorzunehmen? Wahrscheinlich nicht.

It's Raceday – "wie auf einer Himalaja Expedition"

Juli. Der Wecker klingelt um 04:30 Uhr. Ich habe vielleicht 4 Stunden Schlaf gefunden. Sofort hellwach – raus aus dem Zelt. Die Sonne geht schon auf. Erste Zelte werden geöffnet. Gleichgesinnte stecken ihre Köpfe raus. Mein extra für diesen Trip erstandener Gaskocher zaubert einen ersten Tee. Dazu Müsli mit Obst und Wasser, um das Fett in der Milch zu vermeiden. Ich fühle mich wie auf einer Himalaja Expedition am Tag der Gipfelbesteigung.

Die Sachen liegen schon parat. Einteiler anziehen, Flaschen auffüllen. 15 Gel Tuben in die Flasche füllen, um auf dem Rad möglichst einfach versorgt zu sein und keine Zeit mit Aufreißen von Gels zu verbringen. Die letzten Dinge in den Wechselbeutel und zum x-ten Mal überprüft, ob auch alles drin ist. Erstaunlich wie kurz das Gedächtnis hält. Transponder, wo war der noch mal? Um 05:30 ziehe ich los 5 Minuten zu Fuß zum Startbereich und Wechselzone einz. Dort herrscht schon großes Gewühle. Reifen werden aufgepumpt, Helm und Brille zurecht gelegt. Aus den Lautsprechern wechselt sich Musik mit Kommentaren der Sprecher ab. Jeder hat mit sich zu tun. Meinen Sohn habe ich schon längst nicht mehr im Blick. Zu viele andere Zusschauer, der wird auf Brücke Warten nach dem Radaufstieg.

3,8 Km Schwimmen - Wunschzeit 1:10 h

06:30 Uhr: Der erste Startschuss ertönt aus einer Kanone. Noch 20 Minuten. Jetzt schnell den Wechselbeutel abgeben und rein in den Neo. Die Wechselzone leert sich, die Brücke über dem Schwimmkanal ist gefüllt mit Zuschauern. Am Kanal stehen Heißluftballone, die bald aufsteigen werden, ohne dass ich davon etwas mitbekommen werde.

Noch zehn Minuten bis zu meinem Start.

Ein letzter Blick zu den Zuschauern, ob ich nicht doch meinen Sohn entdecke. Da holt mich eine Helferin zurĂĽck mit den Worten: "Jetzt aber schnell zum Start." Recht hat Sie denn im richtigen Moment komme ich zum Schwimmstart als meine Startgruppe ins Wasser gelassen wird. Wir haben zwei Minuten zum Einschwimmen bevor auch fĂĽr uns der Kanonenschuss das Startsignal gibt.

Die Taktik: Ruhig anschwimmen, den Rhythmus finden, irgendwo auch ein bisschen Wasserschatten mitnehmen. Ich spĂĽre nach ca. 200 Metern zum ersten Mal meine Arme, aber das war im Training auch immer so. Das Wasser ist warm aber trĂĽb.

Es gibt öfter Körperkontakt mit anderen aber keine Prügelei. Die Brille beschlägt langsam, weil ich das antifog spray vergessen habe. Die ersten 1.500 m vergehen zügig und so freue ich mich als wir zur Wendepunktmarke kommen. Kein Blick für die Zeit übrig aber vom Gefühl her nicht ganz schlecht. Irgendwann geht direkt auf meiner Höhe der nächste Kanonenschuss hoch und dringt durch meinen Körper.

Sofort rechne ich, wann denn der letzte Startschuss fällt und versuche für meine Zeit einen Rückschluss zu ziehen aber das gelingt mir nicht. Ich schwimme eine gewisse Zeit neben einem Brustschwimmer und die Distanz bleibt gleich. Na bravo, scheint ja zügig zu sein mein Tempo. Auch ertappe ich mich immer mal wieder ins Schlingern zu kommen, statt auf einer optimal geraden Linie zu sein.

Der Vorteil im Kanal ist allerdings, dass man das sofort merkt. Nach etwa 3,3 Kilometern merke ich, dass das ständige Drehen zum Atmen einen leichten Schwindel hervorruft. Das GefĂĽhl versuche ich zu unterdrĂĽcken und versuche wieder nur bei jedem dritten Zug zu atmen.  SchlieĂźlich komme ich an der 3,6 Kilometer Beschilderung vorbei und finde es witzig, dass ich alle anderen Schilder bislang anscheinend verpasst habe.

Endlich am Schwimmausstieg angekommen riskiere ich einen Blick auf die Uhr: 1:13, und damit 3 Minuten hinter meiner angepeilten Optimalzeit. Aber Hauptsache gut ĂĽberstanden und unter 1:15 noch gut im Soll.

19732372 10157250271816515 4180449176622671551 n"Mit jedem Schritt Richtung Erleichterung"

180 Km Radfahren - Wunschzeit 5:15 h (34,3 km/h)

Mit Wechselbeutel im Wechselzelt erlebe ich zum ersten Mal die "Verwöhnkulter" der Helfer, die sich beeilen mich für die 180 Kilometer auf dem Rad auszustatten. Da wird geholfen wo es nur geht. Und so muss ich nur meinen Neo runterreißen, in die Radschuhe rein, Brille Startnummer und einen Riegel geschnappt und schon war ich auf dem Weg zum Rad.

Da ich mir den Laufweg gut eingeprägt habe, ist das Rad schnell gefunden und viele meiner Startwelle sind ja eh schon unterwegs, da habe ich genügend Platz, mein Rad zu finden.

Jetzt sehe ich auch erstmals meinen Sohn und den Weltraumjogger-Clan auf der vollen Brücke. Es fühlt sich gut an auf dem Rad. Die ersten Kilometer geht es abwärts und es rollt gut.An den Bergaufstrecken stehen viele Zuschauer, die für zusätzliche Motivation sorgen. Bei Kilometer 37 zeigt der Durchschnitt auf 35,6 und es läft weiter. Ich liege dauerhaft auf dem Aerolenker und fliege dahin.

Immer wieder nähern sich Kampfrichter auf Motorädern und verteilen munter blaue Karten an Windschattenfahrer. Ab und zu zucke ich zusammen, wenn nicht weit von mir eine Pfeife ertönt. Man weiß ja nie, denn mit zunehmender Zeit lässt die Konzentration nach.

Mit Aerohelm, Aerolenker und und Carbonfelgen habe ich maximal für die Geschwindigkeit aufgerüstet. Schließlich komme ich zum legendären Solarer Berg und lasse mich von der unglaublichen Stimmung den Berg hochpeitschen. Hier ist absolutes Tour de France Feeling und die Gasse der jubelnden Menge ist kaum breiter als das eigene Rad. Der absolute Wahnsinn mit Gänsehautfeeling auf dem Rad.

Doch kaum habe ich diesen Berg überwunden merke ich wie Kraft mich verlässt. Zwischen Kilometer 100 und 140 sollten nun 1,5 Stunden der Schwäche folgen, in denen mir der Gegenwind und die ständigen Anstiege immer mehr den Gar aus machen. Die gekrümmte Haltung auf dem Aerolenker lassen den Magen kein Gel aufnehmen und so ernähre ich mich nun schon seit über zwei Stunden ausschließlich von gereichten Bananen.

Es beginnt die Tour der Leiden, denn mit schwindender Kraft sinkt auch bedenklich die Durchschnittsgeschwindigkeit auf nun schon weit unter 34 Km/h. Und damit verlässt mich auch die Motivation und der Glaube, hier noch vernünftig durchzukommen. Ich fühle mich nicht mehr wohl auf dem Rad, würde am liebsten mal kurz absteigen und ein paar Schritte tun. Die Gedanken schweifen ab und ich muss mich zwingen weiter Druck zu machen.

Schließlich nehme ich Iso und endlich gibt es auch Cola, was mich wieder langsam aufbaut. Und tatsächlich kehrt die Kraft ab Kilometer 140 zurück und ich rette mich mit einer deutlichen Tempoverschärfung noch in einer Zeit von 5:18 in die zwete Wechselzone.

Auch hier wird man wie die Profis empfangen. Beim absteigen vergesse ich fasst zu bremsen und fahre demstarken Helfer, der mir mein Rad abnimmt ziemlich rabiat in die Arme - sorry war keine Absicht.

42 Km Laufen - Wunschzeit 3:30

Ich bin froh, endlich vom Rad runter zu kommen. Bin nun schon 6 Stunden und 37 Minuten im Rennen und weiĂź, dass es mit einer Zeit unter 10 Stunden nichts mehr wird, aber hey, davon lasse ich mir den Tag nicht vermiesen.

Während ich mir die Laufschuhe schnüre, werde ich durch einen der helfenden Engel an Schultern und Armen mit Sonnencreme eingeschmiert. Und nun geht es auf die Laufstrecke, die zum Anfang gleich leicht bergab geht.

So geht es zügig los und die ersten 10 Kilometer lasse ich in 45 Minuten hinter mir. Erstmals merke ich die 28 Grad Lufttemperatur. Ich nutze jede Möglichkeit der Abkühlung, stopfe mir Schwämme in den Einteiler. Sogar Eisbeutel werden gereicht, die ich mir in den Nacken stecke.

Ca. alle 1,5 Kilometer befindet sich eine der super organisierten Verpflegungsstellen, wo immer nach dem gleichen Muster Schwämme, Getränke und Verpflegung gereicht werden. Sollte ich nicht mehr können, kann ich mich wenigstens am Buffet vollessen. Aber es geht weiter.

Die zweiten 10 Kilometer läuft es immer noch ziemlich  gut.  Allerdings merke ich, dass ich die Bergaufpassagen nicht mehr so locker durchlaufe. Ich nutze jede Verpflegung - Wasser, Cola, Salz, NĂĽsse - versuche kaum stehenzubleiben um nicht zu viel Zeit liegen zu lassen.

Die Strecke führt mitten durch die Altstadt von Roth und es herrscht Volksfeststimmung. Die Helfer und Zuschauer geben alles und ich genieße es. Ich komme schon zum zweiten Mal bei Sohnemann und meinen Fans von den Weltraumjoggernvorbei. Mein Sohn schneidet ein kurzes Stück Film mit und ich sehe später in welch schlechtem Zustand ich mich befinde.

Tatsächlich schwächel ich das erste mal bei km 30  â€“ muss bergauf gehen – und die Einheizerin am Mikro fragt mich doch tatsächlich, ob ich nicht lieber aufhören will. Um nichts in der Welt sage ich und sehe zu, dass ich schnell weiterkomme, bevor ich es mir nicht doch noch anders ĂĽberlege.

Ich rette mich nun zwischen Roth und Büchenbach von einem Stimmungsnest zum Nächsten. Bloß nicht dran denken wie lang 12 Kilometer sind. Beim vorletzen Berg und km 35 trifft man dann der Hammer. Ich kann nicht mehr will mich am liebsten am Straßenrand ausruhen, gehe weiter bergauf und erreiche endlich die nächste Verpflegungsstelle, wo ich verweile, Cola in mich reinkippe und Studentenfutter esse.

Später sehe ich, dass ich für diesen 1 Kilometer 9 Minuten gebraucht habe. Die Leute in Berlin die über den live chat dabei sind, denken schon ich bin ausgestiegen. Aber mit dem nötigen Zuckernachschub soll es weitergehen. Der Kopf will weiter, aber die Beine brauchen große Überredungskünste um sich nochmals in Laufbewegungen zu quälen.

Doch es soll wieder leichter werden, es geht bergab, das Ziel rückt näher und solasse ich mich von den Büchenbachern und Rothern feiern und gebe meinen Dank klatschend zurück.

19961519 10157260492186515 1254883809474140551 nGeschafft!

So kommt mit jedem Schritt Richtung Ziel Erleichterung aber auch ein bisschen Wehmut. Schließlich laufe ich nach 10:17 Stunden ins gut gefüllt Stadion und bin übermannt von der Stimmung, überwältigt von meinem eigenen Durchhaltevermögen.

Ich koste jeden Meter im Stadion aus. Könnte Lachen und weinen gleichzeitig. Mehr als ein ganzer Arbeitstag voller Strapazen liegt hinter mir und nun fühle ich mich als Sieger. Sieger über die Strecke von 226 Km, über die Erschöpfung und mich selbst.

Endlich im Ziel – "Es war das Härteste, was ich je gemacht habe"

Es folgt ein langer Aufenthalt im Nachzielbereich mit Verpflegung und Schwelgen in Erzählungen des Erlebten mit Sohnemann. Und am Abend kehren wir noch einmal ins Stadion zurück und feiern mit Leuchtstäben und Wunderkerzen die letzten Athleten, die mit Fackeln ins Ziel laufen und von Jan Frodeno die Medaille umgehangen bekommen (Neid). Alle sind Sieger wenn um 23:00 Uhr der Himmel durch ein Höhenfeuerwerk in erleuchtet wird.

Wir verlassen Roth mit Stolz und Freude ĂĽber das Erreichte.

Jetzt mit ein paar Tagen Abstand sind die Schmerzen weg und der Stolz bleibt. Es sind keine bleibenden Schäden zurückgeblieben. Aber was folgt nun? Nur noch Reha-Sport? Sicher nicht, aber mit der Langdistanz habe ich erst einmal Frieden geschlossen. Es war das Härteste, was ich je gemacht habe.

Nun freue ich mich am Wochenende auszuschlafen und nicht mehr unter Stress morgens den 4 Uhr Tee mit MĂĽsli zu mir zu nehmen. Mission erfĂĽllt -Langdistanz gefinisht. Das geht auch noch mit fast 50 und Familie - verlangt einem aber alles ab.

 

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