08 Dezember 2010 11:11
"Herbstgold" war eine der schönsten Sportfilme des Jahres – jetzt erscheint die Doku über fünf greise Sportler auf DVD. Regisseur Jan Tenhaven, selbst begeisterter Läufer, erzählt im Interview, wie der Film seine Sicht auf den Sport verändert hat.
Herr Tenhaven, Sport verbinden die meisten mit Kraft und Jugend – wie kamen Sie auf die Idee, einen Film über greise Athleten zu machen?
Jan Tenhaven: Genau wegen dieses vermeintlichen Widerspruchs. Bevor ich das erste Mal auf einer Senioren-Leichtathletik-WM war, hatte ich meine gepflegten Vorurteile: schrullige Alte, die im Kreis rum laufen. Stattdessen habe ich lebenslustige, selbstironische und ehrgeizige Athleten erlebt, die meine Vorstellung vom Alter völlig auf den Kopf stellten. Ich wollte danach einen bewusst lebensbejahenden, im Grundton positiven und humorvollen Film über diese Alten drehen - Diskuswerfer, Hochspringer, Kugelstoßer und Sprinter zwischen 80 und 100 Jahren, die nicht in unser Bild von tattrigen Greisen passen.
Wie haben Sie die Protagonisten für den Film gefunden?
Ich bin zu vielen Meisterschaften gefahren und habe mit sehr vielen alten Sportlern gesprochen. Etwa 20 habe ich dann zuhause besucht, weil mir wichtig war zu sehen, ob diese Leute auch abseits des Sportplatzes eine Geschichte zu erzählen haben. Mit acht Athleten haben wir dann anderthalb Jahre lang bis zur Senioren-Leichtathletik-WM in Finnland gedreht; das sind eigentlich zu viele Protagonisten für einen Film, aber wir mussten realistisch sein und damit rechnen, dass es vielleicht nicht alle bis nach Finnland schaffen oder einige vorher sterben. Doch alle haben durchgehalten! Im Schneideraum musstem wir uns dann für fünf Athleten entscheiden - keine leichte Wahl.
Gibt es eine Botschaft, die Sie mit "Herbstgold" vermitteln wollen?
Erstmal soll der Film einfach Spaß machen und unterhalten. Und dass ein Dokumentarfilm mit 80- bis 100-jährigen das schaffen kann, ist schon eine Botschaft für sich. Ich will einen neuen Blick auf alte Menschen eröffnen und die Frage stellen: Was ist überhaupt "alt"? Es gibt eine immer größere Gruppe von sehr alten Menschen bei uns, aber es gibt nicht mehr die Alten. Das ist eine sehr heterogene Truppe, und es lohnt sich, genauer hinzugucken.
Sie sind selbst Marathon-Läufer. Haben Sie nach der Arbeit an dem Film ein anderes Verhältnis zum Sport?
Ironischerweise bin ich wegen der intensiven Arbeit an "Herbstgold" zuletzt nur noch Halbmarathons gelaufen, aber das will ich wieder ändern. Denn klar, mir fallen morgens vor dem Laufen weniger Ausreden ein, wenn ich an den 82-jährigen Jiri aus Tschechien denke, der selbst im Winter jeden Tag eine Runde in der Elbe schwimmt, oder an Herbert, den alten Schweden, der mit seinen 93 Jahren täglich durch Stockholm joggt. Da wird der eigene Schweinehund ziemlich klein.
Machen die fünf Filmhelden weiterhin Sport?
Ja, sie reisen durch die halbe Welt zu Wettkämpfen. Nur der Diskuswerfer aus Wien hat mit dem Sport aufgehört, aber der wird nächste Woche immerhin 102.
Interview: Wendelin Hübner

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