04 Februar 2011 10:35
Ausgerechnet als die Massenproteste losgehen, wird in Ägypten Marathon gelaufen: Gerd Engel aus Stendal hat in Luxor ein Rennen organisiert, das brenzlig endete. Ein Interview über nächtliche Schüsse und den Laufsport am Nil.
Herr Engel, Sie organisieren den Ägypten-Marathon, der vergangene Woche in der Touristen-Stadt Luxor stattfand. Wie war die Situation vor Ort?
Gerd Engel: Während des Rennens gab es keine Beinträchtigung. Nach gut fünf Stunden waren alle Läufer im Ziel, ich wartete dann nur noch auf einen Amerikaner, der wegen seiner Behinderung sechseinhalb Stunden brauchte. Kurz danach gingen in Luxor die Demonstrationen los.
Was haben Sie davon mitbekommen?
Am Samstag, dem Tag nach dem Marathon, waren wir in der Stadt, da war alles voller Demonstranten, wir sahen auch zerstörte Gebäude. Und nachts hörte man Schüsse. Angst um mein Leben hatte ich aber nicht.
Wie haben Sie die Läufer heil aus dem Land bekommen?
Am Sonntag habe ich die Deutsche Botschaft angerufen und gesagt: Hier sitzen 90 Sportler, bitte bringt uns einen Flieger. Die Botschaft antwortete nur: Wir evakuieren nicht. Die Leute haben dann die Flüge genommen, die sie kriegen konnten – Hauptsache weg. Zum Glück hat es bei allen geklappt.
Wie kommt es überhaupt, dass Sie in Ägypten Marathon-Rennen organisieren?
Früher, zu DDR-Zeiten, haben wir die Bilder gesehen von Marathon-Läufen auf der ganzen Welt. Nach der Wende wollten wir dann natürlich auch reisen. 1993 waren wir zehn Läufer aus Stendal, die beim Ägypten-Marathon starteten, damals noch in Kairo.
Und, wie war's?
Der Lauf war katastrophal. Wir haben damals gesagt: Das können wir selbst besser organisieren. Seitdem habe ich rund 50 Läufe in Ägypten abgewickelt.
Gibt es am Nil so etwas wie eine Laufszene?
In Alexandria gibt es zwei große Laufgruppen, ansonsten ist der Sport eher eine Randerscheinung. Zum Marathon schickt das Sportministerium aber einige Volksläufer nach Luxor. Die haben aber eine ganz andere Mentalität als die Deutschen. Da wird beim Rennen abgekürzt oder schon mal ein Stück mit dem Bus gefahren. Für die Ägypter ist es vor allem ein großer Spaß.
Was für Erfahrungen haben Sie mit den ägyptischen Behörden gemacht?
Wenn ich zum Gouverneur nach Luxor gehe, macht der sofort die Tür auf. Die Verwaltung ist freundlich und kooperativ, denn der Marathon ist schon etwas Besonderes. Sogar das Fernsehen zeigt das Rennen.
Wird der Marathon durch die Mächtigen instrumentalisiert?
Nein, denn dazu ist das Laufen in Ägypten zu wenig populär. Fußball und Handball sind viel wichtiger. Mein Herz schlägt aber ohnehin für die einfachen Leute. Ich habe zwölf Jahre immer wieder in dem Land gelebt und gesehen, wie die Menschen ganz offen schikaniert werden. Ein unvorstellbarer Machtmissbrauch.
Werden Sie mit dem Ägypten-Marathon weitermachen?
Die Planungen für 2012 laufen schon. Und übernächstes Jahr, zum 20. Jubiläum, haben wir etwas ganz Besonderes vor: eine Pharaonen-Lauftour.
Interview: Wendelin Hübner

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