01. Juli 2010
Ein Jahr vor dem Mauerfall startet Roland Winkler heimlich beim Berlin-Marathon. Die Freude über die Teilnahme ist groß, im Ziel fließen die Tränen. Doch der Lauf in der geteilten Stadt hat auch etwas Beklemmendes. Im Interview mit Achim-Achilles.de spricht Winkler über Marathon, Mauerfall und die Machenschaften der Stasi.
Achim-Achilles.de: Herr Winkler, 1988 lebten sie in Ost-Berlin. Dennoch haben sie damals am Berlin-Marathon im Westteil der Stadt teilgenommen. Wie haben Sie das gemacht?
Roland Winkler: Meine Tante hatte ein paar Tage vor dem Berlin-Marathon Geburtstag. Das war natürlich äußerst günstig für mich. Das gab ich als Grund für meine Ausreise an, die dann auch genehmigt wurde. Also bin ich nach Nürnberg gefahren, um meine Tante zu besuchen, aber eigentlich ging es um den Marathon. Auf der Rückreise nach Berlin bin ich im Westen ausgestiegen und zum Reichstag an den Start gegangen.
Achim-Achilles.de: Wie haben Sie sich für den Lauf angemeldet?
Winkler: Ein Bekannter aus dem Westen hat das für mich getan. Läufer aus der DDR mussten kein Startgeld zahlen.
Achim-Achilles.de: Haben Sie einen falschen Namen angegeben?
Winkler: Nein, ich bin unter meinem richtigen Namen gestartet. Es war ja nicht verboten, in West-Berlin Sport zu machen, aber offiziell erlaubt war es eben auch nicht.
Achim-Achilles.de: Waren Sie 1988 der einzige Starter aus der ehemaligen DDR?
Winkler: Es waren etwa 30 Läufer aus der DDR dabei. Die meisten haben wohl den Trick mit dem Verwandtenbesuch angewendet. Von einem Läufer weiß ich, dass er sich unter dem Namen seines Hundes angemeldet hat.
Achim-Achilles.de: Was haben Sie gefühlt, als Sie im Westteil der Stadt an der Startlinie standen?
Winkler: Es war einfach gewaltig. Es war alles neu, viel bunter und sauberer als im Osten. Ich kann mich noch sehr genau an all die verschiedenen Farben (der Laufklamotten, d. Red.) erinnern, die sich vor dem Reichstag mischten. Das Bunte ist mir sehr aufgefallen, bei uns war ja vieles farblos und grau. Ich habe mich auf ein Podest gestellt und über die Mauer nach Osten geschaut: gähnende Leere. Und auf der Westseite, direkt vor mir, ein Meer aus 15.000 bunten Läufern. Dieser Kontrast hatte auch etwas Beklemmendes. Aber ich musste mich damit arrangieren.
Achim-Achilles.de: Welches Gefühl überwog? Die Freude über den bevorstehenden Marathon oder die Gewissheit, dass es womöglich eine einmalige Sache bleibt?
Winkler: Das ist schwer zu sagen. Ich war sehr froh, dass ich dabei sein konnte. Andererseits war ich traurig, dass meine Familie und Freunde nicht mitlaufen konnten.
Achim-Achilles.de: Wie haben Sie den Start erlebt?
Winkler: Ich habe mich in die erste Reihe vorgedrängelt. Als der Startschuss fiel, habe ich spontan die Arme nach oben gerissen – ein grandioser Moment. Diesen Augenblick hat Manfred Steffny fotografiert und ich bin damit auf dem Titelbild des Laufmagazins Spiridon gelandet. Das habe ich natürlich erst ein wenig später erfahren, weil wir uns die Laufzeitschriften illegal besorgen mussten.
Achim-Achilles.de: Und wie war der Lauf für Sie?
Winkler: Es war ein tolles Erlebnis, ich habe den Lauf sehr genossen. Vor allem, weil so viele Zuschauer am Straßenrand standen und uns angefeuert haben. Außerdem war ich ganz begeistert von den vielen Bands, die mit ihrer Musik für gute Laune sorgten. Das Ganze hat einen gewaltigen Eindruck auf mich gemacht. Beim Zieleinlauf hat ein Sprecher mich über die Lautsprecheranlage begrüßt. Das war ein irres Gefühl. Ich hatte Gänsehaut und Tränen in den Augen. Rennveranstalter Horst Milde habe ich am Abend bei der Abschlussfeier kennengelernt. Seither verbindet unsere Familien eine enge Freundschaft.
Achim-Achilles.de: Wann und wie sind Sie wieder nach Hause gefahren?
Winkler: Noch am selben Abend. Ich habe mich gegen 23:30 Uhr in die letzte S-Bahn gesetzt und bin rüber gefahren. Es hätte nicht später sein dürfen, meine Reisegenehmigung lief an dem Marathonabend aus. Es war ein sehr seltsames Gefühl, wieder nach Hause zu fahren.
Achim-Achilles.de: Hatten Sie bei der ganzen Aktion keine Angst?
Winkler: Nein, die hatte ich nicht. Wie gesagt, ich habe ja nichts Verbotenes getan, ich bin bloß gelaufen. Ich war ja kein Spion, sondern ein Läufer, der im Westen starten wollte.
Achim-Achilles.de: Hat die Staatssicherheit nichts von Ihrem Marathon-Abenteuer erfahren?
Winkler: Die Stasi hat das bestimmt mitbekommen. Immerhin stand mein Name auf der offiziellen Starterliste und ich war auf dem Titel eines westlichen Sportmagazins zu sehen. Aber ganz sicher bin ich mir nicht. Dennoch gibt es Indizien dafür.
Achim-Achilles.de: Welche denn?
Winkler: 1989 bin ich zu einem "Friedenslauf", einem Etappenlauf von Paris nach Moskau, eingeladen worden. Darüber habe ich mich natürlich riesig gefreut. Es waren viele bekannte Spitzenläufer dabei, unter anderem auch Waldemar Cierpinski. Doch wenige Tage vor dem Lauf bin ich wieder ausgeladen worden.
Achim-Achilles.de: Wer hat Sie denn wieder ausgeladen? Die Stasi? Der Veranstalter in Paris?
Winkler: Das kann ich Ihnen gar nicht mehr sagen. Ich erinnere mich nicht mehr daran. Ich weiß nur noch, dass ich stinksauer war. Aber ich vermute, dass die Stasi damals dahintersteckte. Die haben meinen Start sicher verhindert, weil sie sich für meine Teilnahme am Berlin-Marathon rächen wollten.
Achim-Achilles.de: Sind Sie trotzdem auch 1989 noch mal mitgelaufen?
Winkler: Im darauf folgenden Jahr ist meine Frau mitgelaufen. Ehepaare durften ja nicht gemeinsam ausreisen. Und ein Jahr später waren wir dann gemeinsam dabei.
Achim-Achilles.de: Das haben Sie 1988 sicher noch für unmöglich gehalten.
Winkler: Horst Mildes Frau Sabine hat mir eine Postkarte geschrieben, die sie am 4. November abgeschickte. Erhalten habe ich sie sechs Tage später, am Tag nach dem Mauerfall. Sie hat geschrieben: "Ich wünsche mir, dass ihr euch einfach in die U-Bahn setzt und uns besuchen könnt." Was noch am 4. November ein Wunschtraum war, wurde plötzlich wahr. Am 10. November 1989 saß ich bei Mildes im Wohnzimmer – das war ein kleines Wunder. An diesem Abend haben wir beschlossen, dass wir einen Berlin-Marathon ins Leben rufen, der durch beide Stadtteile und das Brandenburger Tor führt. Die Postkarte von Sabine Milde hängt seitdem bei uns zuhause.
Zur Person:
Roland Winkler (62) hat mehr als 200 Marathons in den Beinen. Hinzu kommen etliche Ultramarathons. Den Rennsteiglauf hat er seit 1975 kein einziges Mal verpasst, außerdem ist er dreifacher Ironman-Finisher und Europameister in der Altersklasse 60. 1972 stand er im Olympiakader der DDR, verpasste aber die Qualifikation. Seine Marathon-Bestzeit: 2:17 Stunden. Außerdem hält er mit 6:45 Stunden den ewigen DDR-Rekord über 100 Kilometer. Winkler ist Sport- und Geografielehrer in Berlin-Neukölln. Einer seiner größter Lebensleistungen, abseits des Sports: "Während meiner gesamten beruflichen Zeit war ich keinen einzigen Tag krank."
"Wir Läufer sollten unser Glück teilen"

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