01 Juli 2010 02:00
Nacktläufer haben Freude daran, ihren Schweiß an der frischen Luft verdunsten zu lassen – und: das Wäschewaschen zu sparen
Nacktläufer haben kein Interesse an Funktionswäsche. Es geht ihnen aber auch nicht um Sex. Um was dann? Achim-Achilles.de hat einen Nacktläufer auf den Zahn gefühlt – und bekam nackte Antworten.
Achim-Achilles.de: Herr Kaye, warum laufen Sie splitterfasernackt?
Kaye: Man könnte die Frage auch umdrehen: Warum laufen die meisten Menschen in Textilien? Der menschliche Körper hat eine hervorragende Kühl- und Wärmeorganisation. Kleidung stört dabei nur.
Achim-Achilles.de: Es gibt doch speziell für Läufer entwickelte Funktionswäsche. Was ist denn schlecht daran?
Kaye: Wenn ich laufe, schwitze ich. Wieso sollte ich mir also etwas überziehen, was ich vollschwitze? Ich lasse den Schweiß einfach verdunsten. So entsteht auch keine Reibung und die Oberschenkel scheuern sich nicht wund.
Achim-Achilles.de: Wo laufen Sie? Gibt es spezielle Wege für Nacktläufer?
Kaye: Es gibt Naturistengelände, so wie auch bei mir in der Nähe auf dem Familiensportgelände am Zieselsmaar: Da laufe ich um einen See, die Strecke ist schön und ungefähr 1200 Meter lang. Manchmal laufe ich auch auf normalen Laufstrecken, aber nur auf weitläufig sichtbarem Gelände. Eine Hose habe ich immer dabei, für den Fall, dass mir jemand entgegenkommt. Ich kenne aber auch Nacktjogger, die auf Vorsichtsmaßnahmen verzichten und einfach so durch den Wald laufen.
Achim-Achilles.de: Haben Sie kein Schamgefühl?
Kaye: Man gewöhnt sich daran. Problematisch sind nicht die Begegnungen mit Fremden, sondern mit Bekannten. Den Eltern der Schulkameraden meiner Kinder möchte ich zum Beispiel nicht unbedingt nackt über den Weg laufen.
Achim-Achilles.de: Wie reagieren angezogene Menschen auf Ihre Nacktläufe?
Kaye: Wenn man in einer Gruppe unterwegs ist, sind die Reaktionen meistens positiv. Da hat sich bisher auch keiner über unsere Nacktheit beschwert. Im Gegenteil, oft kommen wir mit den Leuten sogar ins Gespräch. Manche sagen, dass sie selbst gerne mal nackt laufen würden.
Achim-Achilles.de: Sie haben noch nie Ärger bekommen?
Kaye: Nein. Ich überlege mir schon sehr gut, wann und wo ich nackt laufe. Ich renne zum Beispiel nicht nackt durch die Innenstadt. Wenn man nicht bewusst provoziert, gibt es auch keine Probleme.
Achim-Achilles.de: Laufen Sie auch mal angezogen?
Kaye: Ich bin schon den Köln-Marathon gelaufen – bekleidet natürlich. Während einer Herzmuskelentzündung, die ich nach einer Blutvergiftung und einer Virusinfektion erlitt, war ich fünf Monate arbeitsunfähig und saß zeitweise im Rollstuhl. Durch Zufall habe danach einen FKK-Verein in der Region kennengelernt. Davor hatte ich keinen Bezug zu dieser Szene. In diesem Familien-Sport-Bund wurde ich dann wieder zum Sport animiert. Erst nach ein paar Jahren habe ich begonnen, dort nackt zu laufen.
Achim-Achilles.de: Sind Sie Ihrer Familie nicht peinlich?
Kaye: Meine drei Töchter und meine Frau gehen ganz locker damit um. Auch sie ziehen sich auf FKK-Geländen aus. Für meine Kinder ist Nacktheit etwas völlig Natürliches. Ich finde, das ist eine normale und gesunde Einstellung.
Achim-Achilles.de: Und Freunde und Kollegen? Tuscheln die?
Kaye: Die Reaktionen sind geteilt. Nicht jeder muss wissen, dass ich nackt laufe, aber wenn mich jemand danach fragt, antworte ich ehrlich. Außerdem steht mein Name im Zusammenhang mit dem Nacktlaufen im Internet. Wenn es also jemand herausfinden will, schafft er das auch. Ich denke, es wissen auch in meinem Bekanntenkreis mehr, als es zugeben. Und obwohl mich noch niemand darauf angesprochen hat, gehe ich auch davon aus, dass viele Arbeitskollegen Bescheid wissen.
Achim-Achilles.de: Woher wissen Sie das?
Kaye: Nach einem Nacktlauf am Wochenende war das Gelächter am Montag sehr groß, weil ein Foto von mir auf einer sehr bekannten Laufseite ohne Erlaubnis dort online war.
Achim-Achilles.de: Es gibt Rennen für Nackte? Erzählen Sie mehr.
Kaye: Im vergangenen Jahr haben wir einen Naturisten- und Spendenlauf an der Ostsee über fünf und zehn Kilometer veranstaltet. 65 Starter zwischen 3 und 81 Jahren waren dabei, darunter auch Läufer aus Schweden und Brasilien. Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten.
Achim-Achilles.de: Haben die alle so tolle Körper, die sie so gerne vorzeigen? Oder spielen sogar sexuelle Reize eine Rolle?
Kaye: Nein, nicht im Geringsten. Erstens haben nicht alle tolle Körper und zweitens spielt Sexualität dabei überhaupt keine Rolle. Bei mir nicht und soweit ich das einschätzen kann, auch nicht bei den anderen Nacktläufern. Es geht uns um das Körpergefühl. Es kneifen keine Textilien und man spart sich das Wäschewaschen. Bei den Männern regt sich auch nichts zwischen den Beinen. Das Blut wird woanders benötigt.
Achim-Achilles.de: Was machen Sie eigentlich im Winter?
Kaye: Auch dann ist das Laufen ohne Bekleidung kein Problem. Ich bin selbst schon bei Temperaturen unter Null Grad nackt gelaufen. Wenn man friert, legt man einfach einen Zahn zu. Ich würde mir wünschen, es hätten mehr Läufer den Mut, dass Nacktlaufen einmal zu probieren.
Achim-Achilles.de: Würden Sie gerne auch nackt einkaufen, Bahn fahren oder ins Kino gehen?
Kaye: In Frankreich gibt es sehr große Naturisten-Zentren. Dort kann man alles nackt erledigen. Bekannte von mir waren mal in Barcelona und sind dort nackt durch die Fußgängerzone spaziert. Dort wird Nacktsein in der Öffentlichkeit nicht bestraft. Ich bin gerne nackt in der Natur, nicht in der Stadt.
Die Fragen stellte Bahador Saberi
Zur Person: Herr Kaye ist 1964 geboren, verheiratet, hat drei Töchter und arbeitet in der IT-Branche. Damit keine Rückschlüsse auf seine Person möglich sind, möchte er seinen Vornamen nicht veröffentlicht sehen.
Fit mit Jogi, Poldi und Schweini

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