01 Juli 2010 02:00
Es ist das Eldorado für Läufer: Die "Berlin Vital"-Messe präsentiert viel Schnickschnack, aber auch Neues und Nützliches. Dieses Jahr der Renner: Wunderketten, die stark machen.
Christian Bäcker trägt drei Halsketten. Er trägt sie deutlich sichtbar über seinem T-Shirt. Sie sind aus Stoff und Silikon, in grellen Farben und liegen eng um seinen Hals. Seine Mission: T-Shirts, Hals- und Armbänder, Powertapes und E-Water-Lotion an den Mann bringen. Sein Resümee nach drei Stunden Messe: „Das Zeug geht weg wie warme Semmeln.“ Seine Verkaufsargumente: Er erklärt die Produkte – Sportfreaks und Laien reißen sie ihm aus der Hand.
Was ist das Erfolgsgeheimnis von Phiten? Die Münchner Firma, die auf der "Berlin Vital" mit dem Verkaufen nicht nachkommt, setzt auf japanische Technologie. Hals- und Armbänder sind mit Titan durchzogen. Die E-Water-Lotion ist ein Nasenschmaus und mit Nano-Goldpartikeln versetzt, das weiße Funktionsshirt mit Aquatitan angereichert.
„Das Titan in den Ketten ist durch ein spezielles Verfahren bioenergetisch behandelt“, sagt Christian. Was das genau heißt, weiß er nicht. Das Produkt hält jedoch, was es verspricht: Es macht stärker, besser, schöner. Christian überzeugt sein Publikum mit einem Test. Ein Kunde hebt mit einem Finger eine Stofftasche an – schwer. Nun legt Christian eine Rakuwa-Halskette auf das Handgelenk des Kunden. Der hebt wieder mit einem Finger den Beutel. Tatsächlich – es wirkt: Mit Kette ist die Tasche jetzt verblüffend leicht zu heben. Superheldenkräfte für 22 Euro. Soviel kostet eine Zauberkette in der günstigsten Ausführung. Für die schicke Businessvariante werden 120 Euro fällig. Nebenwirkungen und Wirkungsverluste haben die Produkte nicht, sagt Christian.
Bioenergetisch aufgeladenes Titan, Aquatitan, karbonisiertes Titan, Nano-Goldpartikel: Was nach Esoterik klingt, kommt in der Läufer- und Gesundheitswelt bestens an. Prominente Aushängeschilder von Phiten: Der Schweizer Fußball-Nationalspieler Pascal Zuberbühler und Marathon-Weltrekordhalterin Paula Radcliffe.
120.000 Besucher strömen an drei Tagen vor dem Berlin-Marathon, der am Sonntag startet, in das alte Spandauer Kabelwerk zur "Berlin Vital". Jeder ambitionierte Sportler findet hier etwas, um seine Leistung zu steigern, besser auszusehen oder einfach auf dem neuesten Stand zu sein. Das Angebot an Ausrüstung, Tests, Nahrungsmitteln und praktischen Tipps ist groß. Die Nachfrage bestätigt das Angebot.
Vor dem Messegelände regeln 25 Polizisten den Straßenverkehr. „Verkehrsstufe 5“ heißt es im Polizeijargon und bedeutet: Stau. Das angereiste Publikum kommt von überall her, Italien, Spanien, USA und aus ganz Deutschland. Dialekte und Sprachen vermischen sich an jeder Ecke. Bei Veranstaltungen, die nichts mit Sport zu tun haben, scharen sich sonst immer Raucher vor den Toren der Messehalle. Hier gibt es nicht mal Aschenbecher. Dafür ganze Vereinsmannschaften, die in Fachsimpeleien vertieft sind.
Stephan Schildhauer fachsimpelt nicht nur gerne, sondern kümmert sich um die Probleme der Sportler. Sein Spezialgebiet ist die Orthopädietechnik. Sein Angebot steht für gesündere Bewegung. Er verkauft für die Berliner Firma Paul Schulze durchblutungsfördernde Strümpfe und hochtechnisierte Sportschuheinlagen aus Polyethylen, gefertigt aus 26 Schichten und mit verschiedenen Druckzonen, je nach Typ. „Pauschal kann ich nicht sagen, wer welche Einlage braucht“, sagt Stephan. „Das kommt auch auf den Schuh an. Vor allem aber auf denjenigen der sie trägt.“ Läufern empfiehlt er Einlagen aus Weichschaum. Sie sollen medizinische Fehlstellungen korrigieren, Statik und Dynamik des Läufers herstellen. Dafür muss Stephan den Menschen als Ganzes sehen, sagt er.
Am Stand der Schweizer Firma Sponser gibt es Trinkflaschen für einen Euro, Farben- und Formen schier unbegrenzt. Außerdem Power-Riegel, hochdosierte Koffeingetränke, Haferkonzentrate – alles womit der ambitionierte Läufer seine Leistung verbessern kann. Der Verkaufsschlager: Säurefreie Sportgetränke mit acht verschiedenen Zuckerarten. „Das ist der absolute Renner“, sagt Verkäufer Rico. Ebenso das Gel ohne Geschmack: „Die Käufer sind sehr froh über unsere Produkte. Nahrungsmittel ohne Säure und Geschmack sind sehr beliebt“, sagt Rico.
Zwei Amerikaner stehen vor einem Stand mit Textilien. Sie sind erfahren und kampferprobt, das zeigt ihr Outfit: Laufschuhe mit Chip, Funktionsshirt, Trainingsjacke mit dem Aufdruck „Boston Athletic Association“, Sportmütze, Sportbrille. Kantige Gesichter, hervorstehende Wangenknochen, durchtrainierte Körper – echte Laufcracks. Nur die hellblauen Jeans passen nicht ins Bild. Die Amerikaner unterhalten sich über die richtige Beschaffenheit ihrer Laufhosen. Sie ziehen am Material, machen Belastungstests und entscheiden sich für die Hose, die sich am weitesten dehnen lässt.
Wer am Abend die Messe verlässt, trägt eine Tüte in der Hand. Oder sieben, wie die beiden Italiener, die gerade aus der Halle kommen. Im Sonderbus zur nächsten U-Bahn-Station schimpft ein Mann über die Messe-Taschen. Seit fünf Jahren sind es die gleichen, sagt er. Sie gefallen ihm nicht. Lieber erzählt er der Frau neben ihm von seinen Einkäufen: kiloweise Sportnahrungsmittel, Kohlehydratbomben in den mannigfaltigsten Formen. Gel, Pulver, Riegel, Müsli, Cracker. Der Mann ist stolz. Er wühlt in seiner Tüte. Die Augen glänzen wie bei einem kleinen Jungen, der Weihnachtsgeschenke auspackt.
Der Mann hat sich selbst beschenkt. Er hat sich all die Sachen gekauft, die er braucht, um glücklich zu sein, mit sich und seinem Hobby. Jetzt liegt das ganze Glück ausgebreitet in seinem Schoß. Die Frau liest konzentriert die Inhaltsstoffe der Wundermittel.
Dann steigt sie aus. Der Mann schaut, als hätte man ihn beim Nasebohren ertappt. Er packt schnell zusammen, sein Blick huscht umher. Der Bus hält. Der Mann steigt aus, die Tüte fest umklammert. An seinem Handgelenk: Ein Rakuwa-Armband.
Für reiche Russen: Höhentraining auf dem Sofa

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