29 Juli 2011 00:00
Was ist das Geheimnis von Haile Gebrselassies Erfolg? Der bekannte Fernsehmacher René Hiepen ging dieser Frage nach – und fand Antworten bei einem gemeinsamen Training in den Bergen Äthiopiens. Eine Reportage.
Es ist 5:30 Uhr, als der erfolgreichste Langstreckenläufer aller Zeiten mit dem Training beginnt. Die Sonne versteckt sich noch hinter dem Entoto, dem Berg, der sich 3200 Meter über Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba erhebt, 20 Autominuten von der City entfernt. Oben gibt es mehrere kleine Kapellen und ein Museum, das an den einstigen Kaiser Äthiopiens, Menelik II., erinnert. Jetzt herrscht hier der König der Läufer: Seit 20 Jahren ist die grüne Berglandschaft, von den Einwohnern auch die "Lunge von Addis" genannt, die Trainingsstätte von Haile Gebrselassie.
Unser Autor René Hiepen, war früher ZDF-Sportmoderator, berichtete u.a. von den Olympischen Spielen, Fußball-Weltmeisterschaften und den großen Boxkämpfen. Heute arbeitet der 45-Jährige, der selbst Marathon-Läufer ist, als TV-Produzent in Berlin. So produziert Hiepen für SCC Events exklusiv die weltweiten Fernsehbilder für alle TV-Sender vom 38. BMW Berlin-Marathon. Am 25. September wird der Wettkampf ab 8:30 Uhr live auf N-TV und Eurosport übertragen. (Foto: Steven James Scott)
"Auf diesem anspruchsvollen Berg erarbeite ich mir ich die Grundlage für meine Wettkämpfe auf der Straße. Das Laufen fällt selbst mir in dieser extremen Höhe schwer. Aber dieser Berg, das ist unser großer Vorteil", sagt Gebrselassie. Das Höhentrainingslager, für das viele Sportler teuer reisen müssen – der Superstar der internationalen Laufszene hat es vor der Haustür. Am Entoto schafft Gebrselassie die Grundlagen für seine beispiellosen Erfolge. Seit 2008 hat sein Marathonweltrekord von 2:03:59 Stunden, gelaufen in den Straßen Berlins, Gültigkeit. Insgesamt 16 Weltrekorde stellte, der Äthiopier in seiner Karriere auf, dazu gewann er sechs Goldmedaillen bei olympischen Spielen und Weltmeisterschaften.
Für Normalsterbliche ist schon das Wandern auf dem grünen Gipfelplateau, auf dem unzähligen Eukalyptusbäume wachsen, anstrengend. Für Gebrselassie und seine Laufgruppe sind die 20 Trainingskilometer am Morgen dagegen ein lockerer Auftakt in einen normalen Arbeitstag. Nicht einmal 90 Minuten dauert die Einheit.
Gebrselassie trainiert jede Woche bis zu 240 Kilometer. Leicht verschwitzt trippelt er die letzten Meter, begleitet von Kindern, die auf dem matschigen Waldweg ausgeharrt haben, nur um ein paar Schritte mit ihrem Idol laufen zu dürfen. Ein glücklicher Moment im tristen Alltag der Bergbewohner.
"Hier ist mein Zuhause“, sagt Gebrselassie und zeigt auf Addis Ababa, das am Fuße des Berges liegt. Gebrselassie hat in Äthiopien ein Imperium als Unternehmer aufgebaut, 650 Angestellte arbeiten für ihn. Ein Hotel, ein Autohaus, Immobilienprojekte und neuerdings auch eine große Farm außerhalb der Stadt sind sein Eigentum. „Mit meiner vier Kindern und meiner Frau bin ich hier glücklich. Ich habe alles, was ich brauche – warum sollte ich mein Land verlassen?“
Diesen Herbst wird Gebrselassie jedoch auf Reisen gehen. Der Berlin-Marathon am 25. September ist sein Ziel – und im Idealfall Zwischenstation auf dem Weg zu seinem großen Traum: in London 2012 die olympische Goldmedaille im Marathon für sein Land zu gewinnen. "Natürlich will ich wieder in Berlin gewinnen. Aber vor allem möchte ich eine gute Zeit laufen, um mich für London zu qualifizieren", sagt Gebrselassie.
Als Weltrekordinhaber ist Gebrselassie der große Favorit für den 38. BMW Berlin-Marathon. Vier Mal hat er den Wettkampf schon gewonnen, zuletzt 2009. Er fühlt sich wohl in der deutschen Hauptstadt und freut sich auf die Rückkehr an die Spree, vor allem auf die Zuschauer an der Strecke. „Die Stimmung in Berlin ist unglaublich." Gewinnen alleine reicht nicht in Berlin, hat Gebrselassie einmal gesagt. Vielmehr soll der Marathon seine große Show sein – auch dieses Mal.
Um die Träume zum Ende einer großen Sportlerkarriere auch zu verwirklichen, wird Gebrselassie in den nächsten Wochen noch viele Male seinen Trainingsberg hoch über Addis Abeba hinauf laufen.

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