18 Januar 2011 00:00
Ernährung
Ernährungswissenschaftler Uwe Knop bricht mit dem gängigen Klischee von "gesunden" und "ungesunden" Lebensmitteln. Im Interview zweifelt der Sachbuchautor populäre Ernährungsregeln an und plädiert dafür, das natürliche Essverhalten auszuleben.
Herr Knop, Sie geben den Lesern Ihres Buches "Hunger und Lust" den Rat: Vergessen Sie alles über gesunde Ernährung. Das kann doch nicht Ihr Ernst sein.
Uwe Knop: Doch, das ist mein voller Ernst. Denn das behaupte ich ja nicht aus einem Gefühl heraus. Ich bin Ernährungswissenschaftler und habe von 2007 bis 2010 mehr als 500 Studienergebnisse kritisch analysiert, mehr als 200 davon sind die Basis des Buchs. Und der einzige Schluss, den ich daraus ziehen konnte, war: Es gibt keine Beweise für irgendeine der gängigen Ernährungsregeln. Es gibt nur statistische Zusammenhänge, das heißt vage Vermutungen, sonst gar nichts. Und daraus irgendwelche Regeln für das Individuum abzuleiten ist völliger Quatsch.Das heißt, selbst so einen banalen Satz wie "Obst ist gesund" würden Sie nicht unterschreiben?
Genau. Die Einteilung in gesunde und ungesunde Lebensmittel hat keinen Sinn. Das hat übrigens auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung bestätigt. Was für den einen gesund ist, muss es für den anderen nicht sein. Jeder Mensch isst anders. Hauptsache man isst das, was einem gut schmeckt, wenn man echten Hunger hat. Und was das ist, weiß man nur selbst.
Wie kann ich denn mein Bauchgefühl trainieren?
Viele Menschen haben dieses natürliche Körpergefühl noch. Das sehe ich auch an den vielen Rückmeldungen, die ich bekomme, gerade von der älteren Generation. Wenn man das aber verloren hat, weil man zu stark von den ganzen Ernährungsregeln indoktriniert wurde, dann gibt es eine einfache Möglichkeit: Man sollte zunächst alle Ernährungsregeln, die man kennt, aus seinem Kopf verbannen. Dann sollte man versuchen, nur noch zu essen, wenn man auch echten Hunger hat – nicht aus Frust, Stress, Langeweile oder gelernter Essroutine.
Und wenn man selbst den echten Hunger nicht mehr spürt?
Dann gibt es ein einfaches Mittel, und zwar: den Hunger ausreizen. Das heißt: Nicht nach Uhrzeit und eingefahrenen Gewohnheiten essen, sondern warten. Und irgendwann wird sich das essenzielle Gefühl der Lebenserhaltung seinen Weg bahnen - und Sie werden Ihren echten Hunger wieder spüren.
Und woran erkenne ich, ob ich das Richtige gegessen habe?
Wenn Sie das essen, was Ihr Körper haben will, dann gibt es so ein Stöhnen aus der Tiefe des Bauches. Das kennt jeder, wenn er mal richtig gut genossen hat. Wenn Sie dieses Gefühl spüren, dann können Sie sicher sein: Sie haben das Richtige gegessen. Wenn es fehlt, haben Sie entweder keinen Hunger, oder Sie essen nicht das, was Ihr Körper möchte, sondern das, was Ihr Verstand will.
Das heißt, es ist auch okay, wenn mein Bauch mir ständig zu Pommes und Pizza rät?
Wenn er das machen würde, würde ich kein Problem darin sehen. Aber Sie können sicher sein, dass Ihr Körper nicht dauernd nach den gleichen Nahrungsmitteln verlangt, denn er braucht Vielfalt, Abwechslung und verschiedene Stoffe zu unterschiedlichen Zeiten. Der Körper hat über Jahrzehnte gelernt, was wo drin ist. Das ist die kulinarische Körperintelligenz - man muss nur darauf hören und wird dann wahrscheinlich seine ganz persönliche, ausgewogen-abwechslungsreiche Ernährung erleben. Ob die allerdings mit den gängigen Empfehlungen übereinstimmt, sollte einem egal sein.
Was tue ich denn am besten, wenn ich abnehmen möchte?
Sie sollten sich zunächst die Frage stellen: Habe ich mein körperliches Wohlfühlgewicht oder nicht? Jeder Körper hat einen so genannten Setpoint, das natürliche Gewicht. Wenn Ihnen Ihres nur nicht gefällt, weil es nicht ins gesellschaftliche Model-Ideal passt, dann müssen Sie sich klarmachen, dass Sie einen Kampf gegen Ihren Körper eingehen und ihm praktisch ein Kunstgewicht aufzwängen. Und diesen Kampf können Sie auf kurz oder lang nicht gewinnen.
Wie erkenne ich mein natürliches Körpergewicht?
Wenn Sie nicht wissen, ob Sie Ihren Setpoint haben, versuchen Sie erst mal Ihr natürliches Essverhalten auszuleben. Dann schauen sie mal, welches Gewicht Sie haben. Und dann kommt wieder die Frage: Kann ich damit leben oder will ich mich der Model-Gesellschaft anpassen?
Es gibt einige Menschen, die nicht nur leicht Übergewicht haben, sondern viele Pfunde zu viel. Haben die falsch oder zu viel gegessen? Oder sind gar die Gene schuld?
Wenn alle Regeln nichts taugen, wozu brauchen wir die Enährungswissenschaft überhaupt noch?
Sie ist dann wichtig, wenn Krankheiten wie Gicht, Nierenerkrankungen oder aber Nahrungsmittelunverträglichkeiten ins Spiel kommen. Da muss man wissen: Was kann und darf ich zu mir nehmen? Aber meines Erachtens ist auch ganz klar: Ein gesunder Mensch braucht keine Ernährungswissenschaft und ganz bestimmt keine Ernährungsregeln.
Interview: Frank Joung
Zur Umfrage von Uwe Knop: "Kennen Sie Ihren echten Hunger?"

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Kein Wort von Herrn Knop-Mc Donald's über Geschmacksverstärker, die süchtig machen und dem Menschen das gesunde Gefühl für richtiges Essen nehmen.
Kein Wort darüber, dass die Menschen die einzigen Lebewesen sind, die sich kaum mehr natürlich ernähren können, auch dank solcher "Experten", die im Dienste der Lobbyisten unsägliche Thesen unter das Volk bringen.
Im Umkehrschluss würde das, was er schreibt, ja bedeuten, dass der Grund, warum die Menschen, insbesondere die jungen Menschen, immer dicker werden, darin liegt, weil sie sich nicht dem "nach Lust und Laune essen" hingeben.
"Leere" Lebensmittel ohne Bitterstoffe, ohne Nährstoffe, dafür aber mit chemischen Zusätzen, die das ständige Weiteressen fördern, das ist die Wahrheit.
Kennen wir das nicht alle, dass wir, wenn eine Chips-Packung erst einmal angefangen ist, ständig weiteressen müssen? Wenn die Industrie das Essen "designed" und auch Aspekte testet, wie sich das Knirschen im Mund für die Probanten anhört, um daran weiter zu "feilen", dann ist der normale Mensch vollkommen überfordert.
Gleichzeitig wehrt sich die Industrie gegen einfache Ampeln auf den Lebensmitteln, die Hilfestellung geben könnten, sie wehrt sich gegen klare Aussagen über die Inhaltsstoffe und verkleistert Angaben mit Zauberwörtern, die kaum ein Normalbürger kennt.
Alles, damit wir gut und viel konsumieren.
Danke Achim.