16 Juni 2010 02:00
Der Rekord, der aus der Kälte kommt: Wer sich vor dem Training einer radikalen Kältebehandlung unterzieht, läuft danach weiter. Warum das so ist und wie Freizeitläufer schneller werden, verrät Professor Joch im Achim-Achilles.de-Interview.
Achim-Achilles.de: Herr Joch, erklären Sie uns bitte, wie eine Kältekammer funktioniert.
Professor Dr. Winfried Joch: Eine Kältekammer besteht in der Variante, die jetzt im Bundesleistungszentrum Kienbaum eingerichtet wurde, aus drei unterschiedlich gekühlten Räumen: minus 10, minus 60, minus 110 Grad. Die ersten beiden Räume sind dafür da, eine langsame Anpassung des Körpers an die Kälte zu erreichen. Die Aufenthaltsdauer beträgt dort jeweils etwa 10 bis 15 Sekunden. Der dritte Raum ist der entscheidende: Hier ist es minus 110 Grad kalt. Sportler gehen für zweieinhalb Minuten hinein. Das ist für die Optimierung der Leistung die günstigste Aufenthaltsdauer.
Achim-Achilles.de: Minus 110 Grad – ist das nicht gefährlich?
Joch: Nein, absolut nicht. Die Kältekammer ist eine nebenwirkungsfreie Angelegenheit. In den vergangenen zehn Jahren hatten wir nicht einen Problemfall. Man muss nur ein paar Kleinigkeiten beachten: Haut und Haare müssen trocken sein. In der Kammer gibt es keine Luftfeuchtigkeit, Wasser würde hier sofort kristallisieren. Das wäre für die Haut nicht angenehm. Ansonsten gibt einen Atemschutz, Hand- und Ohrenschutz.
Achim-Achilles.de: Warum bringt der Körper mehr Leistung, wenn er vorab diesen hohen Kältegraden ausgesetzt wird?
Joch: Weil die Kälteanwendung unter anderem die Herz-Kreislauf-Tätigkeit ökonomisiert. Das heißt, die Peripherie des Körpers kühlt ab, die Hauttemperatur wird deutlich reduziert und das Blut fließt dorthin, wo es gebraucht wird: ins Körperzentrum. Die Körperkerntemperatur sinkt nur um 0,1 bis 0,2 Grad. Gleichzeitig erhöht sich das Herzschlagvolumen, was bedeutet, dass das Herz je Schlag mehr Blut in den Kreislauf pumpt. Außerdem sinkt die Frequenz der Herzschläge um acht bis zwölf Schläge pro Minute.
Achim-Achilles.de: Der Körper tut also weniger, hat aber mehr davon. Und das bewirkt dann eine Leistungssteigerung?
Joch: Spitzensportler bringen im Ausdauerbereich ein bis zwei Prozent mehr Leistung. Bei Hobbysportlern sind es sogar fünf bis zehn Prozent – in Einzelfällen sogar noch mehr. Das haben wir in zahlreichen wissenschaftlichen Studien dokumentiert. Weltweit gab es in den vergangenen 15 Jahren rund 300 Studien zur Wirkung der Kälteanwendung.
Achim-Achilles.de: Wie haben Sie die Leistungssteigerung gemessen?
Joch: Indem wir die Sportler auf dem Laufband unter standardisierten Rahmenbedingungen getestet haben, jeweils mit und ohne Kälteanwendung. Außerdem haben wir verschiedene kontrollierte Gruppentests durchgeführt: Die eine Gruppe hat sich vor der Belastung eingelaufen. Die zweite Gruppe nicht und die dritte hat eine Kälteanwendung gemacht. Diejenigen mit der Kälteanwendung haben am besten abgeschnitten. Die schlechtesten Werte erzielten diejenigen, die sich warm gelaufen hatten.
Achim-Achilles.de: Kein Hobbysportler hat eine Kältekammer im Keller. Gibt es alternative Kältemethoden, um die Leistung zu steigern?
Joch: Es gibt Geräte für "konzentrierte Kaltluft". Die haben eine Düse und sehen aus wie ein großer Staubsauger, mit dem man punktuell Kälte erzeugen kann. Ursprünglich ist diese Methode für die Vorbereitung auf Haut-OPs entwickelt worden. Dann gibt es noch die Kälteweste, die man für 150 bis 200 Euro kaufen kann. Wer es einfacher liebt, kühlt mit Crushed-Eis oder legt sich in eine Badewanne bei 18 Grad Wassertemperatur.
Achim-Achilles.de: Klingt wirklich simpel. Was muss man trotzdem dabei beachten?
Joch: Die Dauer der Anwendung ist entscheidend. Es gilt, das richtige Maß zu finden zwischen zu lang und zu kalt. Viele denken, je länger sie der Kälte ausgesetzt sind, desto größer ist der Effekt. Das stimmt nicht, denn bei zu langer Kälteeinwirkung kommt es zu einer Absenkung der Muskeltemperatur. Das muss auf jeden Fall vermieden werden. Wir haben unter anderem Tests durchgeführt mit 18 Grad Kaltwasser, 20 Minuten, und haben damit gute Testergebnisse erzielt.
Achim-Achilles.de: Welche Sportler nutzen die Kältekammer für ihr Training?
Joch: Die Nachfrage unter Spitzenathleten ist groß. Die Kältekammer in Kienbaum haben in den vergangenen Wochen und Monaten Gewichtheber, Leichtathleten, Judoka, Volleyballspieler, Ruderer, Turner und Skirennläufer genutzt.
Achim-Achilles.de: Für Läufer ist das uninteressant?
Joch: Ganz im Gegenteil: Ich habe unter anderem mit Sabrina Mockenhaupt vor der WM in Berlin ausführlich gesprochen. Sie hat in einem späteren Interview gesagt, während des Marathonlaufs habe sie mit 180 eine zu hohe Herzfrequenz gehabt, bedingt durch die hohen Temperaturen. Deshalb sei sie die erste Streckenhälfte zu langsam gelaufen. Meine Interpretation dazu: Hätte sie vor dem Lauf Precooling-Maßnahmen durchgeführt, etwa mit einer Kühlweste, wäre das nicht passiert.
Achim-Achilles.de: Sondern?
Joch: Es wäre zu einer Absenkung der Herzfrequenz bei gleichem Lauftempo gekommen, vielleicht in den Bereich von 170 oder sogar leicht darunter. Und wahrscheinlich wäre dann die Endzeit besser gewesen. Ich hoffe, Mockenhaupt hat daraus gelernt. Diese Vorkühlung ist besonders wirksam, wenn die Umgebungstemperatur während des Wettkampfes hoch ist. Für Marathonläufer liegen die optimalen Temperaturen bei 10 bis 12 Grad.
Achim-Achilles.de: Warum kommt die Kälteweste bei Läufern kaum zum Einsatz?
Joch: An der Universität Gießen sind bereits in den Achtziger Jahren erste Ergebnisse zur Positiv-Wirkung der Kälteanwendung im Sport vorgelegt worden. Im Sportbereich hat sich damals keiner dafür interessiert. Und auch heute ist es offensichtlich schwierig, Trainer und Athleten davon zu überzeugen. Ich denke, viele Läufer scheuen sich, weil es etwas Neues ist, das sie bisher nicht gewohnt waren. In einem Test mit Fußballern, die eine Kühlweste trugen, haben wir herausgefunden, dass diese in einem 60-Minuten-Lauf über 8000 bis 9000 Meter mit 85 Prozent der maximalen Herzfrequenz durchschnittlich fast 500 Meter weiter liefen als bei Läufen ohne Weste. Das spricht immerhin für die Wirkung der Kühlweste während eines submaximalen Laufes – das ist genau das Tempo, das die meisten Freizeitsportler bei ihren Läufen realisieren.
Zur Person: Winfried Joch (Jahrgang 1935) beschäftigt sich seit 1998 mit Kälteforschung. Joch ist seit 2000 emeritierter Professor für Sportwissenschaft an der Uni Münster. Davor war er an den Universitäten in Frankfurt, Berlin und Siegen tätig.
In den Siebziger Jahren war Joch Mitglied des Präsidiums des Berliner Leichtathletik-Verbandes und Mitglied des Landesausschuss Leistungssports (LSB Berlin) und von 1985 bis 1993 im Präsidium des Deutschen Leichtathletik-Verbandes.
Interview: Bahador Saberi
Greifen Läufer für die Bestzeit zur Nadel?

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