16 Juni 2010 02:00
Beim Berliner Halbmarathon brach ein 43 Jahre alter Läufer kurz vor dem Ziel zusammen und starb trotz sofortiger Wiederbelebungsmaßnahmen. Dr. Lars Brechtel erlebte als Rennarzt das Drama vor Ort mit und beantwortet die wichtigsten Fragen.
Wenn Menschen beim Sport sterben, hängt das mit Überanstrengung zusammen?
Dr. Lars Brechtel: Ein nicht unfallbedingter Tod beim Sport passiert im Regelfall auf der Grundlage von akuten oder chronischen bzw. angeborenen individuellen Vorerkrankungen sowie akuten oder chronischen Infekten. Bei den vorgenannten Erkrankungen ist die individuelle Belastbarkeit zum Zeitpunkt der körperlichen Aktivität herabgesetzt, so dass bei Überschreiten der Belastbarkeitsgrenze ein erhöhtes Risiko besteht. Jedoch muss ausdrücklich betont werden, dass körperliche Aktivität – insbesondere Ausdauersport – einen hohen Beitrag zur gesundheitlichen Prävention sowie zur Erhöhung der (alltäglichen) Leistungsfähigkeit und Lebensqualität darstellt. Dies ist in vielen internationalen Studien nachgewiesen worden. Auch in der Rehabilitation der allermeisten Erkrankungen resultiert ein positiver Effekt hinsichtlich des Rehabilitationserfolges, wenn Belastungsvorgaben eingehalten werden. Insgesamt überwiegen deutlich die Vorteile von möglichst lebenslangen Sport und Bewegung.
Lässt sich ein Risikoprofil erstellen, oder anders gefragt: gibt es Menschen, die besonders gefährdet sind?
Ein besonderes Risiko weisen Menschen auf, welche vorbestehende Herzerkrankungen (hier vor allem die koronare Herzerkrankung) und die klassischen Risikofaktoren aufweisen (Bluthochdruck, Blutzuckerkrankung, starkes Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen, Zigarettenkonsum, usw.). Hat ein Sportler während der körperlichen Belastung jemals einen Schwindel oder eine Bewusstlosigkeit bzw. einen Kollaps erlitten, ist dies als ein alarmierendes Zeichen zu bewerten. Auch Sporttreibende mit familiären Vorbelastungen (Herztod oder Herzinfarkt in der Familie, vor allem wenn diese Ereignisse vor dem 65. Lebensjahr auftraten) sowie genetisch bedingten Herzmuskelerkrankungen weisen ein erhöhtes Risiko auf.
Gibt es Anzeichen, an denen man erkennen kann, dass etwas nicht stimmt mit der Gesundheit?
Typische Anzeichen können sein: Leistungsabfall, Gefühl von Herzrhythmusstörungen, Herzstolpern oder Herzrasenchmerzen in der Brust während körperlicher Belastung, eventuell auch Ausstrahlung in die Schultern oder Arme – links häufiger als rechts –, in den Unterkiefer oder die Brustwirbelsäule. Außerdem Schwindel oder eine Bewusstlosigkeit bzw. ein Kollaps, vor allem während körperlicher Belastung. Auch eine neu auftretende Luftnot während gewohnter Belastungen kann ein Anzeichen sein.
Ließe sich durch eine sportmedizinische Untersuchung ein derartiger Vorfall verhindern?
Eine regelmäßige sportmedizinische Untersuchung mit Durchführung eines Belastungs-EKG’s und gegebenenfalls auch einer Echokardiographie (Ultraschalluntersuchung des Herzens) kann eine Vielzahl von Erkrankungen – insbesondere die koronare Herzerkrankung – diagnostizieren bzw. ausschließen. Hieraus kann dann eine Empfehlung für die richtige Sportart und die angemessene Belastungsdosierung gegeben werden. Sehr seltene, oftmals angeborene oder genetisch bedingte Erkrankungen, können jedoch mit den Standardverfahren nicht diagnostiziert werden. Auch wenn keine 100-prozentige Garantie für ein risikofreies Sporttreiben gegeben werden kann, wird jedoch das Risiko für schwere Zwischenfälle durch eine sportmedizinische Untersuchung deutlich minimiert.
Was halten Sie davon, dass Teilnehmer an Laufveranstaltungen ein Attest vorweisen müssen, wie das in Frankreich und Italien der Fall ist? Wie stellen sich Veranstalter dieser Thematik?
Ein "Zwangs"-Attest halten die Veranstalter in Deutschland und viele (internationale) sportmedizinische Fachgesellschaften nicht für sinnvoll, da bei den hohen Teilnehmerzahlen ein Kontrolle hinsichtlich Diagnosen und Qualität der durchgeführten Untersuchungen nicht möglich ist – wer soll 40.000 Atteste lesen? Deshalb appellieren wir deutlich an die Eigenverantwortlichkeit der Teilnehmer, welche ja auch bei der Anmeldung bestätigen, dass sie sportgesund sind. Des Weiteren verweisen wir auf die Aktivitäten von SCC-RUNNING und anderen Laufveranstaltern sowie sportmedizinischen Fachgesellschaften hinsichtlich aufklärender Maßnahmen. Hier ist insbesondere der PAPS-Test zu nennen, welcher die Möglichkeit bietet, sich einen ersten Überblick über das eigene individuelle Risiko zu verschaffen. Seit Einführung des PAPS-Testes sind die Behandlungszahlen während der Läufe deutlich gesunken.
Die Fragen stellte Thomas Steffens
Marathonläufer: Blutwerte wie beim Infarkt

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