05 September 2011 00:00
Ein Leben als Läufer: Bahnchef Rüdiger Grube hat als Kind 1000-Meter-Rennen gewonnen, jetzt trainiert er überall – nur nicht in Stuttgart. Teil zwei des großen Interviews mit Achim Achilles.
Er ist einer der mächtigsten Männer Deutschlands – und er ist Läufer: Bahnchef Rüdiger Grube trainiert fast jeden Tag, mindestens 10 Kilometer. Der Sport hilft dem Wirtschaftslenker, bei der Arbeit diszpliniert und kreativ zu sein. "Beim Laufen bleibe ich viel länger bei einem Gedanken, ich komme tiefer“, sagte er Achim Achilles. Was er beim gemeinsamen Lauf durch Berliner Tiergarten und Regierungsviertel über sein sportliches Talent, die Kindheit und seine Eltern erzählte, steht im zweiten Teil des Interview.
Achim Achilles: Herr Grube, wann haben Sie die regelmäßige Lauferei angefangen?
Rüdiger Grube: In Hamburg, während meines Studiums. Als Hauptschüler habe ich alles auf dem zweiten Bildungsweg absolviert und musste immer mit meiner Zeit haushalten. Als Student bin ich in der Mittagspause um die Außenalster gerannt. Und seitdem laufe ich, wo immer ich gerade bin.
Waren Sie ein sportlicher Knabe?
Sport stand bei uns regelmäßig auf dem Stundenplan, aber eher Leibesübungen, weniger Spaß. Ich bin ja in einer Volksschule groß geworden, wo Klassen zusammengelegt wurden. Ich habe noch den Rohrstock zu spüren bekommen. Wenn einer unserer Lehrer wütend wurde, hat er mit seinen Stiefeln den Schülern in die Waden getreten. Und wer sich beschwert hat, hat noch zwei Portionen dazuerhalten. Ich war ein guter Sprinter, aber noch besser über die 1000 Meter. Da bin ich in Harburg mal Erster geworden und in Hamburg Dritter. Aber ich weiß nicht mehr, bei welchem Wettbewerb. Olympia war es definitiv nicht.
Dr. Rüdiger Grube wurde 1951 in Hamburg geboren. Nach der Ausbildung zum Metallflugzeugbauer studierte er zunächst an der Fachhochschule Fahrzeugbau und Flugzeugtechnik, später Berufs- und Wirtschaftspädagogik an der Uni Hamburg. Nach der Promotion 1986 und beruflichen Stationen bei Airbus und der Daimler-Benz Aerospace kam er 1996 als Senior Vice President und Leiter der Konzernstrategie zur Daimler-Benz AG. Seit 2001 war er im Daimler-Vorstand verantwortlich für das Ressort Konzernentwicklung sowie seit 2004 für alle Nordostasien-Aktivitäten. Seit dem 1. Mai 2009 ist er Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Bahn und der DB Mobility Logistics. Dr. Grube ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Seit 40 Jahren läuft er fast jeden Morgen mindestens eine Stunde. (Foto: Deutsche Bahn)
Hatten Sie Sportidole damals?
Mich hat die Luftfahrt mehr begeistert. Vor allem die technischen Leistungen von Wernher von Braun. Und Leute, die Leistung gezeigt haben, ob das Musiker, wie John Lennon oder ein Ingenieur waren. Ich habe einfach Respekt vor Menschen, die was leisten.
Was hat Sie angetrieben, die höhere Schule zu besuchen?
Ganz ehrlich? Die Mädchen auf dem Gymnasium waren wesentlich hübscher. Da wollte ich hin. Aber Spaß beiseite. Damals hat sich mein Ehrgeiz entwickelt, ich wusste: Es kommt der Tag, wo Du Dein Leben in die Hand nehmen kannst. Heute weiß ich, dass ich auf dem Bauernhof von meinen Eltern Dinge vermittelt bekommen habe, die man in der Schule nur begrenzt lernt.
Was denn?
Glaubwürdigkeit. Lügen war das Schlimmste, was es bei uns zuhause gab. Und Authentizität. Meine Eltern haben immer gesagt: Rede nie über Sachen, die Du nicht verstehst. Guck sie Dir erstmal an, setz Dich damit auseinander – und dann rede darüber.
Diese Lektion könnte man von Lehrern auch erwarten.
Eltern leben solche Werte jeden Tag vor, zum Beispiel den Respekt vor anderen Menschen. Behandle andere Menschen so, wie Du selbst behandelt werden willst. Meine Eltern und meine Großeltern haben alle zusammen auf dem Bauernhof gewohnt, den Zweiten Weltkrieg mitgemacht, viele menschliche Schicksale mitbekommen. Meine Großeltern haben Menschen versteckt, die ins KZ sollten. Mein Großvater ist dafür selbst ins KZ gekommen. Weil er anderen Menschen geholfen hat. Werte sind bei uns konsequent vorgelebt worden. Was mir meine Eltern noch beigebracht haben, ist Leidenschaft. Meine Eltern haben mir viel mehr gegeben als ich damals zu wertschätzen wusste, vielleicht auch gar nicht wahrnehmen wollte.
Wenn soviel Geschichte in diesem Hof steckt, warum haben Sie ihn damals nicht übernommen?
Weil nicht mehr viel übrig war. Wir hatten Obst und Kühe, ein paar Schweine, sogar Pferde, aber die große Flutkatastrophe 1962 hat uns hart getroffen. Wir hatten zwei Meter zehn hoch das Wasser im Haus und in den Ställen.
Hat Helmut Schmidt Sie gerettet?
Damals habe ich Helmut Schmidt das erste Mal erlebt, als Hamburger Innensenator. Ich war gerade elf Jahre alt, da landete er mit einem Hubschrauber auf dem Deich und sagte zu uns: Mädels und Jungs, guten Morgen, ich habe zwei Nachrichten, eine gute und eine schlechte. Die gute ist: Eure Schule ist kaputt. Und die schlechte: Ihr müsst trotzdem weiter in die Schule gehen, aber in eine andere.
Die Lebensgrundlage der Grubes war einfach so verschwunden?
Zum Glück hatten meine Großeltern seit vielen Jahren auf dem Hamburger Großmarkt ein eigenes Geschäft für Obst und Gemüse, darauf spezialisiert, die Schiffe im Hamburger Hafen mit Proviant zu versorgen. Das war toll für mich, ich durfte schon mit sechs Jahren morgens um vier mit meinen Großeltern auf den Großmarkt, mit der E-Karre mitfahren oder auf die Schiffe gehen. Das war auch mein erster Kontakt mit dem Zug: Erst von Moorburg nach Harburg mit dem Bus, dann mit dem Zug zum Hauptbahnhof und dann die paar Schritte runter zur Markthalle.
Ärmlich klingt das nicht.
Bescheiden war es dennoch. Mein Großvater hatte zwar die Möglichkeit, als Bürgermeister von Hamburg-Süderelbe ein Auto zu benutzen. Aber er hat gesagt: Die Menschen haben alle kein Auto, ich fahre deshalb mit dem Fahrrad. Im extremen Winter 1946 hat er sich eine Lungenentzündung zugezogen und ist daran verstorben. Meine Großmutter, meine Mutter und ihr Zwillingsbruder haben den Betrieb übernommen. Nach der Flutkatastrophe starb meine Oma.
Jetzt hat der Junge vom Land den härtesten Job nach Kanzler und Bundestrainer. Werden Sie auf Ihren Läufen angefeindet?
In Berlin überhaupt nicht, hier hat man Erfahrung im Umgang mit eigenartigen Menschen. Aber in Stuttgart, da kann ich nicht durch die Stadt laufen, nicht nur wegen der Gegner, auch die Befürworter sprechen mich permanent an. Die Befürworter sind mittlerweile erfreulicherweise eine deutliche Mehrheit.
Werden die Gegner handgreiflich?
Die allermeisten sind friedliche Bürger. Zeitweilig gab es aber auch böse Drohungen. Da kamen wir nicht ohne die Polizei aus.
Haben Sie mal ein Runner’s High erlebt?
Was ist das?
Plötzliche und unerwartete Glücksgefühle.
Die habe ich eigentlich immer, aber nicht plötzlich. Ich bevorzuge Kontinuität.

|
Promi-Interviews |
|
Promi-Interviews |
|
Promi-Interviews |
|
Promi-Interviews |
|
Promi-Interviews |
Hinweis: Diese Website verwendet Facebook-Plugins – sind Sie bei Facebook eingeloggt, werden Daten an Facebook übertragen. Mehr Infos dazu gibt es hier.