05 Juni 2010 02:00
Von null Laufkilometern zum Halbmarathon in vier Monaten? Das war Charlotte aus dem Achilles-Team nicht bekloppt genug. Deshalb setzt das Moppelchen nun noch einen drauf: Berlin-Marathon. Jede Woche schreibt sie, wie sie das schaffen will.
Mama hat zwar mit Marathons ungefähr so viel zu tun wie Dieter Bohlen mit Waldorf-Pädagogik. Trotzdem versorgt sie mich ständig mit neue Tipps für mein Training. Ihre Informationsquelle ist die einzige Marathonläuferin ihrer Nachbarschaft: Katrin. Ausgerechnet Katrin. Die ist nämlich in meinem Alter und hat mich immer verprügelt, als wir noch klein waren. Beim Hasetal-Marathon im Emsland ist sie die volle Königsdistanz gelaufen, während ich mich mit dem Halben begnügte. Natürlich würdigte sie mich keines Blickes.
Mama weiß von dieser Frauen-Fehde nichts und beobachtet Woche für Woche Katrins Training. Abends ruft sie mich dann an und berichtet. Antipathie hin oder her – da Katrins Marathon-Zeit bei 4:15 Stunden liegt, muss sie ja irgendwas richtig machen. Ich spitze also die Ohren. "Katrins Vater fährt immer mit dem Fahrrad neben ihr her, während sie läuft", sagt Mama. "Um sie zu unterhalten und weil ja auch schon so viele Joggerinnen überfallen worden sind."
Nun, in Berlin habe ich gerade keinen Vater zur Hand. Dafür aber einen Freund. Doch ob der wohl gerne während meiner Drei-Stunden-Läufe mit dem Rad langsam neben mir herfährt? Mir kurzweilige Geschichten erzählt und mir dann und wann die Wasserflasche oder ein Powergel reicht? Dazu noch gelegentliche Komplimente über Haare und Hintern einstreut?
Zu meiner Überraschung willigt er ein – unter der Bedingung, dass wir eine interessante Strecke wählen: den Berliner Mauerweg, vom S-Bahnhof Wollankstraße bis zum S-Bahnhof Warschauer Straße. Dort können wir laufend und radelnd erleben, was aus dem alten Grenzstreifen 20 Jahre später geworden ist.
Die Stadt ist allerdings sehr gut zusammengewachsen. Oft erahnt man nicht einmal mehr, dass hier früher ein Grenzstreifen oder eine Mauer war. Eine Teilstrecke führt sogar über einen Friedhof. Ich fühle mich unwohl, hier zu joggen, möchte aber auf keinen Fall eine Gehpause einlegen. Im Mauerpark, am Brandenburger Tor, am Potsdamer Platz und vor allem am Checkpoint Charlie ist die Touristendichte so hoch, dass ich mich am liebsten im Bockspringen versuchen würde.
Außerdem ist es so heiß, dass sich mein Kopf schon in eine Tomate verwandelt. Kein halbwegs ehrlicher Mann kriegt bei dem Anblick ein Kompliment heraus. Immerhin: Ich laufe und laufe, und mein Freund reicht mir zwischendurch Wasser und Cola herüber. Und wenigstens sehe ich auch nach über drei Stunden und 24 Kilometern noch nicht so aus, als müsse man die Ambulanz rufen.
Beim Marathon werde ich aber noch zwei Stunden beziehungsweise 18 Kilometer drauflegen müssen – und das alles schon in zweieinhalb Wochen. Doch Tschakka, Katrin werde ich es schon zeigen!

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