30 September 2009 02:00
Von null Laufkilometern zum Halbmarathon in vier Monaten – das war Charlotte aus dem Achilles-Team nicht bekloppt genug. Deshalb setzte das Moppelchen nun noch einen drauf: Berlin-Marathon. Ob sie heil ankam?
Kilometer 1-23
Sonntag, der 20. September 2009, 9 Uhr, zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule. Auf diesen Tag warte ich schon so lange, jetzt ist es endlich soweit: mein erster Marathon. Erst einmal starten Haile und all die anderen, schnelleren Läufer, ehe um 9:20 Uhr auch mein Startblock über die Startlinie zuckelt. Ich laufe bewusst langsam, "Schnell kann jeder" steht hinten auf meinem Shirt. Die ersten 23 Kilometer laufe ich locker und gut gelaunt. Ich lächle ins Publikum als sei ich eine Celebrity wie Paris Hilton oder Julia Roberts. So ungefähr stelle ich mir ein Leben auf dem roten Teppich vor.
Kilometer 23-26
Den "Mann mit dem Hammer" kenne ich vom Halbmarathon, der versaut mir immer Kilometer 12 bis 16. Bisher war meine Strategie immer, mich in mich selbst zurückzuziehen und einfach weiterzulaufen, bis es vorbei ist. Diesmal kommt der Hammermann zwar erst bei Kilometer 23 – doch dafür umso härter. Keine Chance auf Ruhe, die Straßen sind gesäumt von johlendem Publikum, Trommlern, Musikern. Die Stimmung, die mir bisher so gefallen hat, wird zur Last.
Dieses Tief überwinde ich sonst durch Weiterlaufen, aber das ist jetzt nicht mehr möglich. Meine Beine wollen einfach nicht mehr. Dabei ist es ja keineswegs so, dass ich schon fast am Ziel wäre – im Gegenteil, ich habe noch zwei, drei Stunden Lauferei vor mir. Ich muss daran denken, dass irgendjemand mal gesagt hat, einen Marathon zu finishen sei Kopfsache. Der Körper würde viel eher aufgeben als der Kopf. Nun gut, mein Körper hat aufgegeben. Konditionell geht es mir zwar noch prima, aber die Laufmechanik bekommen meine Beine nach über drei Stunden kaum mehr hin.
Ich greife zum iPod – keine andere Chance, sich dem Publikum zu entziehen – und renne wieder los. Und es fühlt sich gut an. Ich fühle das, was so oft als Runner's High beschrieben wird, auch wenn mir eher nach Weinen zumute ist. Nach dieser ganz speziellen Art von Weinen – wie im Kino, wenn die Heldin in letzter Minuten doch noch in die Arme ihres Retters fällt. Trotzdem kann ich ja nun schlecht auf der Strecke losheulen, die Sanitäter werden mich rausholen, weil sie denken, ich hätte große Schmerzen. Schade, wäre ich alleine und unbeobachtet, ich würde hemmungslos plärren und weiterrennen, voller Glück.
Kilometer 26-36
An Kilometer 28 begegnet mir ein Bekannter, der sich das Rennen anschaut. Er freut sich, mich zu sehen, rennt ein paar Minuten neben mir her und spricht mir Mut zu: dass ich noch gut aussehe, besser als die anderen um mich herum und dass ich das alles locker schaffen werde. Ich sehe mich um und stelle tatsächlich fest, dass ich durch mein Schneckentempo in den Zombie-Block durchgereicht wurde: Sie bewegen sich zwar noch auf zwei Beinen und in die halbwegs richtige Richtung, aber so, als hätte man ihnen im Hirn herumgefressen.
Ich muss hier irgendwie raus, damit ich nicht selber zum Zombie werde. Ich verschärfe das Tempo. Leider machen mir meine Beine schon bald einen Strich durch die Rechnung. Es tut so weh, dass ich mich bei Kilometer 36 massieren lasse. Das Geknete wirkt Wunder, heiter renne ich weiter. Nur noch sechs Kilometer – ich kann das Ziel schon riechen.
Kilometer 36-42,195
Auf den letzten Kilometern kriege ich Angst, in die Fußstapfen von Norbert Lammert zu treten. Meine Beine signalisieren mir ununterbrochen, dass sie nicht mehr wollen. Der Bundestagspräsident gab bei Kilometer 38 auf. Mir soll das nicht passieren! Aber was mache ich, wenn ich verkrampfe, umknicke oder umfalle, wenn mein Körper einfach nicht mehr das tut, was ich von ihm will?
Ich laufe vorsichtiger, noch vorsichtiger, gehe sogar ein Stück. Ankommen ist jetzt das wichtigste. Die angepeilten fünf Stunden sind sowieso schon lange um, ich kann froh sein, wenn ich unter sechs Stunden bleibe. Auf der Zielgeraden packe ich den iPod weg und laufe noch einmal los. Die Menge jubelt mir zu, immer wieder höre ich meinen Namen. Haile ist vor knapp vier Stunden ins Ziel gerannt, ich frage mich, wo das Publikum jetzt noch diesen Enthusiasmus hernimmt.
Als ich im Ziel ankomme, bin ich erstmal verwirrt. Dass ich jetzt mit dem Laufen aufhören darf, kann ich mir nach den sechs langen Stunden kaum vorstellen. Laufen scheint eine Art Dauerzustand geworden zu sein. Ich laufe, also bin ich. Ich bewege mich auf dem schnellsten Weg nach Hause, in die Wanne und dann ins Bett.
Am Tag danach
Trotz aller Widrigkeiten und trotz der unglaublichen sechs Stunden, die ich für die Strecke benötigt habe, fühle ich mich einfach super. Ich habe kaum Muskelkater und bin extrem gut gelaunt. Ich wollte herausfinden, wie es sich anfühlt, einen Marathon zu laufen. Jetzt weiß ich: Es fühlt sich die meiste Zeit über gut an, vor allem am nächsten Tag. Außerdem wollte ich wissen, ob es mir Spaß machen würde, einen Marathon zu laufen: Ja, tut es. Deshalb nächstes Jahr noch mal. Dann aber unter fünf Stunden. Weit weg von den Zombies.
Der Jägerschnitzel-Leder-Faktor

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