21 Dezember 2010 17:33
"No Sports!": Das war jahrzehntelang das Motto von Achilles-Leser Wolfgang Bauer – bis er durch einen Zeitungsartikel mit dem Lauf-Virus infiziert wurde. Seitdem läuft und läuft und läuft er: Das Laufen ist für ihn zu einer spirituellen Übung geworden.
Es war Dezember 2010 und meiner täglichen Lauf-Routine wurde ein jähes Ende gesetzt: Über Nacht waren mehr als 35 Zentimeter Schnee gefallen – das weiße „Leichentuch“, wie ich als Nicht-Wintersportler Schnee bezeichne, lag dick über meiner Laufstrecke. Was Kindern Jubelrufe entlockt, verursacht bei mir schreckliche Entzugserscheinungen. Tagelang war Laufen unmöglich und so fand ich gezwungenermaßen Zeit zum Resümieren, Nachdenken und in Erinnerungen schwelgen.
Als ich vor gut anderthalb Jahren als 51-Jähriger (mein Vater pflegt da immer zu sagen: „Dafür bist du doch viel zu alt...!“) mit dem Joggen/Laufen begann, tat ich es, um Depressionen in den Griff zu bekommen und positive Gedanken zu gewinnen. Ich hatte seit über 20 Jahren keinen Sport mehr betrieben. Ich schaute zwar immer den Joggern nach, wie sie da so gazellenartig und scheinbar schwerelos an mir vorbei liefen – aber selbst mal laufen, das konnte ich mir (noch) nicht vorstellen.
Ein Sonntag morgen sollte jedoch alles ändern: Ich holte meine Sonntagszeitung und darin stand: ein Bericht von Cherno Jobatay. Er berichtete über seine "Metamorphose" von der "Couch-Kartoffel" zum Jogger. Das las sich natürlich besonders schön, wenn man nach dem Zeitung holen wieder im warmen Bett lag. "Mensch, das möchte ich auch", durchfuhr es mich, „aber da müßte ich ja morgens aus den warmen Federn... ich müßte mich ja anstrengen“ – „ANSTRENGEN“ schrie der innere „Schweinehund“ unüberhörbar! Doch im gleichen Augenblick begann mein Kampf mit IHM - und genau dieser Kampf sollte mehr als acht Monate dauern. Im Juli 2009 startete endlich mein Unternehmen: – LAUFEN!!!
Die anfänglichen Laufversuche erinnerten eher an das Laufen eines in die Jahre gekommenen Hundes : 10m Laufen, 50m Hecheln mit herausgestreckter Zunge ... Ich brauchte zu jedem neuen "An-Lauf" viel Überwindung, aber die Natureindrücke auf meiner Waldrunde hielten mich „über Wasser“. Ich teilte meine Strecke in mehrere Abschnitte und machte an diesen Stellen jeweils eine kurze Verschnauf-Pause, die ich zum Notieren der „Zwischenzeiten“ nutzte. Anschließend lief ich weiter – so weit die „Lauffüße“ trugen. Das erinnerte mich starl das an das Sprichwort: „Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach“.
Die „Laufabschnitte“ wurden mit der Zeit länger und meine Hoffnung, ein Jogger/Läufer zu werden, bekam jedes Mal neue Nahrung. Anfangs beherrschte nur ein Gedanke meine Läufe: „Bis zum nächsten großen Baum noch, ach, doch noch bis zu dem großen, knorrigen Baum da hinten, dann wieder Pause und dann Gehen und Hecheln“. Zum Abschalten oder gar zu den berühmten „Flows“ hatte ich während der „Trainingsphase“ keine Gelegenheit, denn es galt immer noch den Kampf gegen den inneren Schweinehund zu gewinnen.
Ganze vier Monate – geprägt von Überwindungsarbeit, Geduld und Ehrgeiz – vergingen, bis ich es zum ersten Mal schaffte: Meine persönliche Hausstrecke, einen 4,2km-Rundkurs in einem nahen Waldgebiet an einem Stück zu laufen. Wow – das war ein Erlebnis! Und später hatte ich plötzlich die ersten kurzen „Flows“, und von da an war es um mich geschehen: Laufen, Laufen und immer weiter ... 5km, dann 7km und dann hatte ich eine Inspiration, ein Ziel: einen 10km Lauf! Wie gesagt: Laufen beginnt im Kopf. Wenn Sie sich vorstellen können, 10km zu laufen, dann schaffen Se es auch!
Als ich die ersten „Flows“ erlebte, empfand ich, als würde sich mein Körper teilen – der „materielle Körper“ selbst läuft automatisch weiter, während sich der „Geist“ auf eine ganz andere Reise begibt. Der Läufergeist entschwebte in die Ferne, in andere Welten, an Ziele, die ich erreichen wollte, in Phantasien ... Und immer, wenn der Geist wieder in meinen „laufenden Körper“ zurückkehrte, dann wunderte ich mich: Oh, so weit bin ich schon gelaufen? Gerade in diesen Augenblicken kann der „Seelenkörper“ entspannen und Lösungen für manch „irdisches Problem“ finden.
Ich habe von Beginn an über meine Lauftätigkeit exakt Buch geführt, vermaß meine Laufstrecken stets per GPS, später dann mittels Forerunner 305 – und es war für mich nach jedem Lauf eine Art Genugtuung für die Plackerei. Wenn die Daten auf den PC überspielt waren, dann breitete sich ein wohliges Gefühl von Zufriedenheit in mir aus: ICH hatte es wieder geschafft! Auf diese Weise konnte ich auch später nochmals von den Erlebnissen profitieren, denn mittels Google Earth lassen sich alle Routen nachvollziehen.
Sicherlich, es kostet einige Überwindung, frühmorgens aus dem warmen Bett zu steigen und in die Laufkleidung zu schlüpfen, aber dieses tägliche Ritual und gerade die morgendliche Stimmung auf einer Waldstrecke mit ihren unnachahmlichen Schönheit – genau das ist der Kick!
Ich bin sogar einige Male weit vor Sonnenaufgang mit Stirnlampe gelaufen. Das waren tolle Erfahrungen – so etwas vergisst man nie. Der Wald: so unberührt, so friedlich, so still – eine Seelenoase! Für mich war es immer wieder herrlich, kreuzenden Rehen nachzusehen oder mir mit einem voran preschenden Hasen eine Art „Igel-Hase-Wettlauf“ zu liefern. Solche Erlebnisse sind sehr tiefgängig und verankern sich in der Läuferseele, ja ich möchte fast sagen, ich bin süchtig nach solchen Erlebnissen – und genau diese Erlebnisse sind es, die mich jeden Tag auf´s neue animiert haben, das warme Bett zu verlassen und zu laufen!
Laufen ist ein wunderschönes Hobby. Sagte ich Hobby? Laufen ist eine Art „Alltags-, Stress- und Problem-Bewältigung“. Laufen ist nach meiner 1000km-Erfahrung nicht nur als Sport zu verstehen, sondern es schafft für das Gehirn „Freiräume“ und „Frei-Zeiten“, in denen man in seinen grauen Zellen „aufräumen“ kann. Ich habe in den Zeiten des Laufens viele Probleme meistern können und habe viele neue Ideen entdeckt.
Ich habe beim Laufsport meinen inneren Frieden gefunden und kurioser Weise auch noch Freude am Sport – und das nach über 20 Jahren nach dem Motto: „No sports“! Wenn Sie mich jetzt fragen, was mein nächstes Ziel ist, dann käme meine Antwort wie aus der Pistole geschossen: 1000Meilen (1609,34km) und im Mai 2011 wieder ab nach San Francisco, zum „100th Bay to Breakers 2011“. Wenn da jetzt nur der verflixte Schnee auf meiner geliebten Waldrunde nicht wäre... Aber es gibt zum Glück auch noch geräumte Radwege. Und die Hoffnung auf zukünftige Laufabenteuer!
So jetzt habe ich genug erzählt und ich frage Sie: Was ist nun Ihr Ziel? Vielleicht habe ich Ihnen „den Mund wässrig“ gemacht, dann habe ich nur noch eine Frage: Wann starten Sie (wieder/endlich)?

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toll geschriebener Bericht.
Ich fand 2 Gemeinsamkeiten mit mir, wo ich damals anfing zu laufen: Kampf gegen Depression und Flow... Laufen inizoert immer gravierende Veränderungen... Ich bin um die 40 und laufe seit Jahren für mich mittlerweile ca. 3-4 Mal also insgesamt ca. 50 km in der Woche und ich weiß einfach, daß beim Laufen Probleme gelöst werden und der Geist die Ruhe findet.
Darüber hinaus wird man empfindlicher in Bezug auf seine Umgebung, man nimmt einfach die Schönheit der Natur wahr... Ich mag die weiße Schneedecke zur Zeit und das Schnaufeln beim Laufen wenn's draußen bittekalt ist...
Das Einzige ist, man muss schauen, daß ab einem bestimmten Alter die Kirche im Dorf läßt und seine Limits zu erkennen weiß. Viele strapazieren den Körper und setzen sich unmögliche, sogar gefährliche Ziele (Ehrgeiz eben). Ich laufe immer allein, für mich, ich brauche keinen Wettbewerb oder Kampf... Laufen ist für mich einfach rein Entspannung, mehr nichts...
In diesem Sinne wünsche ich Dir weiterhin viel Erfolg...
David