22 Juni 2010 02:00
Der Mann aus dem Schulbuch: Für Achim-Achilles-Leserin Ursula Schulz war Roger Bannister jahrelang nur ein geheimnisvoller Name aus dem Englischunterricht. Dann begegnete sie einem der berühmtesten Läufer aller Zeiten selbst.
Ich erinnere mich noch, dass ich das erste Mal von Roger Bannister und der Four-minute-mile im Englischunterricht hörte. Der Name blieb im Gedächtnis. Bannister war der erste Läufer, der die Meile (1609 m) unter vier Minuten lief. Das war 1954 und eine wirklich spannende Geschichte, denn es gab natürlich noch mehr Aspiranten. Aber er schaffte es, und zwar in Oxford auf der Laufbahn der Universität – dem „Iffley Road Track“. Dort laufe ich zur Zeit ab und zu mal meine Intervalle. Und klar, an den Wänden hängen natürlich Fotos von diesem Ereignis. Aus Roger Bannister wurde in der Zwischenzeit ein „Sir“ Roger Bannister, er studierte Medizin, wurde Neurologe und war für mehrere Jahre Chef der Neurologie in Oxford. Und in ein paar Tagen, am 23. März 2009, wird er 80 Jahre alt.
Noch viel älter als Roger Bannister ist die Uni Oxford. Das Besondere hier ist das „College System“. Dass heißt, jeder Student gehört nicht nur der Universität an, sondern auch einem College, das quasi die Familie ersetzen soll. Zwischen den Colleges gibt es traditionell auch Sportwettbewerbe. Einen Wettkampf, der schon seit Jahrzehnten existiert, veranstaltet das College „St Edmund’s Hall“, auch „Teddy Hall“ gennant. Und der hat längst die Grenzen der Universität gesprengt: Es kommen Sportler von anderen Unis, aber auch von Sportvereinen, Abteilungen in der Uni und sonst woher. Diese Veranstaltung heißt „Teddy Hall Relays“, ein Lauf-Staffel-Wettbewerb. Jeder Läufer muß 3,6 Meilen (5,8 km) laufen. Eine sehr schöne Route, durch die Stadt, einen Park und am Fluß entlang. Start und Ziel sind im „Iffley Road Stadium“, also dem Tatort der Four-minute-mile. Und so wurden dieses Jahr die Relays für eine kleine Geburtstagsparty für Roger Bannister genutzt. Klar, so was konnte ich mir nicht entgehen lassen.
Im Stadion wimmelte es nur so von Menschen. Studenten von überall her (die sehen ja soooo jung aus!), aber auch jede Menge Vereinsläufer. Durch die Stadion-Atmosphäre, hatte ich das Gefühl, bei einem „richtigen“ Wettkampf zu sein, ganz anders als sonst bei Straßenläufen. Den Startschuss gab Roger Bannister, „The Man Himself“. Um die 200 Teams gingen auf die Strecke, vier Läufer pro Männer- und Mixed-Team, drei bei den Frauen. Unser Startläufer klatschte mich nach 22 Minuten ab, dann rannte ich los. Raus aus dem Stadion, auf die Straße und ins Stadtzentrum. Die Sonne schien, jede Menge Touristen waren in Oxford unterwegs. Absperrungen gab es nicht, also schlängelten wir uns durch staunende Japaner und fotografierende Amerikaner, die sich wohl wunderten, wo diese keuchenden, rasenden Menschen in Neonfasern herkamen.
Am Fluß dann beinahe ein Zusammenstoß mit einer Ruder-Acht, die gerade ihr Boot zu Wasser ließen. Einfach hochheben, Läufer drunter durch – no problem. Ein kleiner, gemeiner Anstieg, die Brücke, und dann auf gerader Strecke zurück. Es tat langsam weh, aber da dies eine meiner üblichen Laufstrecken ist, wusste ich, dass das Ende nahte. Nochmal auf die Tube gedrückt, um die Ecke, zurück auf die Bahn, und dann durfte Nummer Drei losrennen. Tolle Strecke!
Nach dem Lauf wurde dann zum „Tea“ in Teddy Hall geladen. Einem Ernährungsphysiologen hätten sich sicher die Nackenhaare gesträubt, Kohlenhydrate pur. Aber es war einfach nur Klasse: Kekse, Kuchen, Toast mit Marmelade und Erdnussbutter, Kaffee, Tee. Es kam die Siegerehrung, vorgenommen von Roger Bannister, der natürlich einen Ehrenplatz an der „High Table“ hatte. Er bekam einen dicken Geburtstagskuchen geschenkt. Und alle bekamen Champagner.
Die "Teddy Hall Relays" sind ein genialer Lauf. Nächstes Jahr bin ich wieder dabei, auch wenn es dann keine Geburtstagsfeier gibt. Die war dieses Jahr schon ein besonderer Anlass. Wer hätte gedacht, was aus einem Kapitel im Englisch-Buch so alles werden kann?

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