Achim Achilles empfiehlt:Keine Ausreden: Die besten Tipps, Tricks und Regeln für den sicheren Winterlauf. |
23 Juni 2010 02:00
Gestartet wird bei jedem Wetter, dachte sich Achilles-Leser Martin und ging trotz Dauerregen beim Karstadt-Marathon an den Start. Während des Laufs widerstand er dann tapfer den Verlockungen von Grillwurst und Bier.
Sonntagmorgen 7:58 Uhr, vom Prasseln des Regens auf den Kirschlorbeer vor dem Haus werde ich geweckt. Meine Liebste neben mir stammelt so etwas wie "Bei dem Regen willst Du laufen?", grunzt einmal kurz, dreht sich um und entschwindet ins Reich der Träume. Wie ein waches Reh wälze ich mich im Bett und bereue meinen Entschluss, in der Staffel beim Karstadt-Marathon mitlaufen zu wollen.
Rückblende: Es ist irgendwann im Februar, kalt und dunkel. Nach dem Lauftraining am Mittwoch fragt mich Bine, ob ich nicht Lust hätte, am Staffellauf beim Marathon im Mai mitzumachen. Dann wären wir fünf und könnten als Mixed-Gruppe melden. Nach einem kurzen Check meines Kalenders sage ich zu. Dann beginnt der kreative Teil des Vorhabens: Ein Staffelname muss her und dazu noch die passenden T-Shirts! Jetzt legt Andreas richtig los und hat den spontanen Einfall zur Namensgebung. Da wir im Durchschnitt Anfang 40 sind, also im (hoffentlich) mittleren Lebensabschnitt, unser Trainer Sven heißt und wir keine richtigen Laufraketen zünden, heißen wir Sveni's Midlife Runners, frei nach einer früher bekannten Band. Unser Motto: Too slow to die fast. Das trifft es einfach am besten.
Jetzt wird es aber schwierig, da die Farbe des Staffelshirts mit drei Damen, bei denen ja bekannterweise Outfit und Bestzeiten in direktem Zusammenhang stehen, einvernehmlich abgestimmt werden muss. Zuerst steht Orange hoch im Kurs, dann Gelb, E-Mails werden wild hin und her geschickt. Das Thema ist sensibel. Ich ziehe mir den allgemeinen Unmut zu, als ich scherzhafterweise vorschlage, grüne T-Shirts mit dem Willi von Biene Maja drauf zu nehmen. Schließlich einigen wir uns auf ein spektakulär mittleres Blau mit orangener Beflockung. Andreas überredet unseren lokalen Ausdauerausrüster, fünf T-Shirts aus der Eigenkollektion zu stiften. Puh, diese Hürde ist genommen. Noch drei Monate.
Zurück zum Tag des Rennens: Mittlerweile ist der Regen noch stärker geworden, das Gluckern im Abwasserkanal kann ich durch die geschlossenen Fenster hören. Hilft alles nichts, sage ich mir, die anderen Vier bauen auf Dich. Also Aufstehen, in die Küche schleppen und Kaffeemaschine anmachen. Das wildbachähnliche Rauschen verhilft meiner Göttergattin zu einer frühmorgendlichen Tiefschlafphase, während ich in der Küche über Sinn und Unsinn von Laufveranstaltungen sinniere. In den Ausschreibungen steht zumeist: Gestartet wird bei jedem Wetter. Manchmal, so wie heute, muss das einfach nicht sein.
Mein ganzes Mitgefühl gilt den Halbmarathonis, die schon seit 8:30 Uhr auf der Strecke sind. Bine schickt eine SMS und wünscht uns viel Spaß trotz des Regens, Nici ist schon in Dortmund im Startbereich und erfährt, dass Funktionsshirts nicht nur Feuchtigkeit abgeben, sondern auch hervorragend von außen aufnehmen. Also los, sage ich mir und fahre mit Frau
und Kind nach Herne, wo mein Übergabepunkt sein soll. Ein Gutes hat das Wetter, nämlich dass auf den Strassen quasi nichts los ist, und so erreichen wir Herne anderthalb Stunden vor dem errechneten Wechselzeitpunkt.
PiepPiep, wieder eine SMS auf dem Handy. Nici verkündet, dass der Start verschoben wurde. Schließlich beträgt die Zeitverzögerung gute 45 Minuten. Somit tritt Plan B in Kraft. Am Biegepunkt der Laufstrecke gibt es ein Café, in dem wir Malzbier, Milchkaffee und Waffeln ohne Sahne bestellen, anstatt uns bei Dauerregen die Schuhe unter Wasser setzen zu lassen.
Um halb eins kommt endlich die erlösende Nachricht von Andreas, dass Bine in Bochum am Bergbaumuseum gerade losgelaufen ist. Jetzt heißt es, schnell bezahlen, zum Auto flitzen, Startnummer holen und fix zum Wechselpunkt begeben. Dann geschieht das lang Erhoffte: Es hört auf zu regnen, die Wolken ziehen ab und die ersten Sonnenstrahlen erhellen
die Szenerie. Prima, weg mit der Jacke und rein ins Teamshirt, gerade rechtzeitig. Um kurz nach eins kommt Bine mit hochrotem Kopf angerannt und ich übernehme den Chip mit Klettverschluss.
Lauf, Du Sack, sage ich mir, die nächsten 11 Kilometer gehören den Midlife Runners, also hau rein! Die Stimmung an der Strecke ist super; viele Anwohner haben Tische, Getränke und Essen auf die Strasse gestellt und feuern die Läufer an. Nein, der Geruch von Bratwürsten auf dem Grill, oder Horden von Männern mit gekühltem Bier in der Hand lenken mich kein bisschen ab, nein, nein, nein. Eine Kapelle grölt "Wenn's mir schlecht geht, trink' ich einen Korn …". Zum Glück geht es mir gut.
Kurz vor der Stadtgrenze zu Gelsenkirchen hat die Sonne den Regen vom Vormittag wieder in die Luft gebrutzelt und ich denke, ich bin in den Tropen, so läuft mir die Suppe runter. Ab Kilometer 28 gebe ich noch mal richtig Gas. Die anderen Läufer schütteln nur den Kopf als ich so an ihnen vorbeifliege. Das tue ich in der Gewissheit, dass ich nur noch zwei Kilometer vor mir habe, die anderen aber noch 14!
Am Musiktheater in Gelsenkirchen ist die Hölle los. Tausende von Menschen und eine Band sorgen für ein ohrenbetäubendes Spektakel. Ein Plakat verkündet "Der Schmerz geht, der Stolz bleibt". In dem ganzen Lärm verpasse ich fast den Wechselpunkt, der etwas spärlich ausgewiesen ist. Jutta als Schlussläuferin stürzt sich auf die Strecke, entreißt mir Chip und
Klettband und rennt los.
Mit Frau und Filius fahre ich direkt nach Essen zum Limbecker Platz, wo das Ziel aufgebaut ist. Schließlich haben wir fünf Winterläufer uns vorgenommen, gemeinsam die Ziellinie zu überqueren. An der Geraden vom Viehofer zum Limbecker Platz halten wir Ausschau nach einem blauen Shirt mit oranger Schrift ("Wo ist Behle, äh Jutta?"). Nach gefühlten 14
Stunden kommt sie in Sicht, und wir laufen gemeinsam und nach Startnummern ordentlich sortiert durch die Zeitmessmarke. Ein richtiges Gänsehauterlebnis.
Mit einer Gesamtzeit von 3:47 Stunden werden wir von 60 gestarteten Staffeln Neunte, Sven (unser Cheftrainer) wird auf der Dortmunder Strecke hinter den Kenianern bester Deutscher. Was für ein Tag! Drei Krombacher später setze ich mich in die U-Bahn, fahre glücklich nach Hause und fülle
meine Energiespeicher mit Pizza und Peperoni wieder auf.
Mein Fazit: Um einmal die Atmosphäre bei einer solchen Veranstaltung mit zu bekommen, ist die Staffel genau richtig gewesen. Bei meinem "Astralkörper" jedoch tue ich mir die Quälerei über die 42 Kilometer nicht an, 21 sind Herausforderung genug.
Martin alias sailsnail
Achilles-Shirts machen schnell
Marathon mit dem Taxi finishen?

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