08 Februar 2011 00:00
Achilles-Blogger Marvin Running verlegte sein Triathlon-Training ins Jagdrevier der größten Rochen der Welt. Marvins Schweinehund erzählt von Nachttauch-Abenteuern im Pazifik.
Viele Tauchsport-Organisationen zählen das Nachttauchen zu den Mantarochen vor der Küste von Kona, Big Island, Hawaii zu den zehn besten Tauchgängen der Welt. Den Whirlpool von Claudia Schiffer natürlich nicht mitgerechnet.
Dumm nur, dass Herrchen diese Attraktion unbedingt nach seinen eigenen Vorstellungen abändern muss: Während Taucher und Schnorchler sich mit den Mantas vergnügen, hat Herrchen einen anderen Plan: Auf sich allein gestellt will er 40 Minuten lang auf den nächtlichen Ozean hinaus schwimmen.
Es ist Nacht. Wir liegen mit dem Tauchboot in einer kleinen Bucht namens „Garden Eel Cove“. Der Mond scheint über dem Horizont. Und bevor ich noch um Hilfe schreien kann, setzt Herrchen seine Tauchmaske auf, startet die Stoppuhr und springt ins Wasser.
Die nächsten Sekunden sind ein Gefühlscocktail von Urangst, Haltlosigkeit und Grauen mit einem doppelten Schuss Panik. Durch kaltes, dunkles Wasser wabern Mantas wie riesige UFOs. Wir sind mitten in die Blasen der absteigenden Taucher gesprungen. Dazwischen zuckt der Lichtschein der Taucher unter uns wie ein Schwarm mystischer Irrlichter im Schwarz der Tiefe.
»Mach’ doch wenigstens deine Lampe an!«, flehe ich. »Bist du sicher? Wie würdest du dich fühlen, wenn da plötzlich ein riesiger Schatten durch den Lichtkegel huscht?« Diese Frage ist gemein. Während ich beim Abwägen des Für und Widers zunehmend in Angststarre verfalle, tritt Herrchen ein wenig Wasser und sieht sich um.
Das Wasser gluckst. Ein großer, schwarzer Schatten huscht direkt neben uns unglaublich schnell durchs Wasser. Wir spüren eher die Strömung als dass wir ihn sehen können. Mein Blutdruck würde jetzt jedes Messgerät überfordern. »Wir werden gefressen werden«, krächze ich. Herrchen dreht sich um, schaut zum dunklen Horizont, wo ein wenig Mondlicht über dem Wasser glitzert. Dann krault er los.
Es ist ein Kampf der Vernunft gegen die Angst: Diese dunklen, schnellen Schatten unter und neben uns können eigentlich nichts Schlimmes sein. Mantas greifen Menschen schließlich nicht an. Aber wissen wir das genau?
Nach wenigen Minuten ist es mir zu viel. »Ich will die Lampe anmachen!« Ich fürchte, ich zittere, als ich das sage. Herrchen hält im Kraulschlag inne. »Oh Mann, Marvin. Na gut.« Er streift die Tauchlampe von der Schulter, hält sie am ausgestreckten Arm senkrecht nach unten und schaltet an. Dabei schaut er mit der Tauchmaske ins Wasser.
Wir thronen auf einer Säule aus Licht, umgeben von lupenreinem Schwarz. Es sieht entsetzlich aus. Und auch entsetzlich schön.
Da ist nichts, gar nicht. Nur Schwarz und Licht. Und ja, ich möchte jetzt wirklich nicht sehen, dass etwas in diesen Lichtkegel hinein schwimmt.
»Besser?«, fragt Herrchen. »Nein«, wimmere ich.
Er macht die Lampe aus und hängt sie wieder um. Um uns herum ist es noch dunkler als eben; unter uns klafft ein Abgrund schierer Finsternis. Was lauert dort alles? Auf alten Seekarten bezeichneten die Entdecker unerforschtes Terrain mit "There Be Monsters". Kann ich gut verstehen. Genauso sieht es hier aus.
Ich denke: Wenn jetzt hier neben uns eine Rückenflosse durchs Wasser zieht, sterbe ich. Er schwimmt wieder los. Nach zehn Minuten wird er warm. Oh nein. Jetzt ist er im Nächster-Halt-Okinawa-Modus. »Nicht so schnell!«, rufe ich. »Wir müssen doch noch zurück!« Er antwortet nicht. Sein Beinschlag ist ruhig und wird ein wenig kreisend.
Gibt es auch ein Swimmer’s High? Zumindest hat er sich sehr gut mit seiner Situation arrangiert. Einer Situation, die jede Sekunde in ein schreckliches Desaster umschlagen kann. Als er anhält, sagt ihm die Stoppuhr, dass seit unserem Start 19 Minuten und 35 Sekunden vergangen sind. Herrchen treibt am Scheitelpunkt seines Schwimmabenteuers dahin. Über uns breitet sich ein grandioser Sternenhimmel aus. Als wäre es ein Geisterschwarm kleiner Silberfische, tanzt das Mondlicht über die Kronen der kleinen Wellenkämme um uns.
»Das ist der absolute Wahnsinn«, staunt Herrchen. Nie habe ich mich so allein gefühlt. »Oh Himmel, was tun wir hier?«, flüstere ich.
Herrchen treibt hier noch ein wenig dahin. Er schaut schon nicht mehr zu den Booten, sondern in den Himmel. Man hört nur das sanfte Glucksen des Wassers um unseren Hals. Und das Schlagen seines Herzens. Schließlich sagt er: »Wir werden in den Ozean des Lebens geboren. Und dann gibt es zwei Möglichkeiten: Einige fangen irgendwann an, sich aus Treibholz ein Floß zu bauen. Dann wollen sie ein Boot, eine Yacht, ein Kreuzfahrtschiff. Sie träumen von entfernten Gestaden, die man damit erreichen kann. Das ist für sie eine Art Rettung. Dieser Ozean, der macht ihnen ein wenig Angst. Andere dagegen lernen einfach schwimmen und tauchen. Sie gehen diesem Ozean auf den Grund. Sie würden nie auf die Idee kommen, sich ein Boot zu bauen und sich vom Meer abzukapseln. Denn dazu ist es viel zu schön hier mittendrin.«
»Ich! Will! Zu! Rück!«, kreische ich. Doch ob wir das schaffen, steht in den Sternen. Und auch in meinem Blog.

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